«Ich fühle mich oft zwischen Kindern und Karriere zerrissen»
Merken
Drucken

«Ich fühle mich oft zwischen Kindern und Karriere zerrissen»

Lesedauer: 5 Minuten

Im Gespräch redet Musikerin Jaël über den Mental Load berufstätiger Mütter, ihre überhöhten Perfektionsansprüche, einen sexuellen Übergriff und warum sich Eltern ihren Altlasten stellen sollten.

Interview: Maria Ryser
Bilder: Mirjam Kluka

Jaël, dein neues Album heisst Midlife. Was bedeutet es für dich, mitten im Leben zu stehen?

Ich fühle mich gelassener und konnte in den letzten Jahren mit vielem Frieden schliessen. Ich empfinde tatsächlich so etwas wie Glück. Das habe ich lange Zeit nicht gekannt, mich auch dagegen gewehrt. 

Warum?

Zwischen 20 und 30 litt ich unter starken Depressionen. Liebe war mit viel Herzschmerz und Drama verbunden. Ich fand glückliche Menschen eher langweilig oder sogar spiessig (lacht).

Der Mental Load frisst enorm viel Energie.

Tiefgang, so dachte ich, entsteht nur durch Leiden. Vom Bild der leidenden Künstlerin löse ich mich aber immer mehr. Ich bleibe dennoch eine Melancholikerin.

Wie meinst du das?

Ich war noch nie ein Hans Juppidu. Schon als Kind faszinierten mich Bücher wie «Die Brüder Löwenherz», wo es ums Sterben geht. Ich wurde schon immer vom Dunkeln, von einer gewissen Schwermut angezogen.

Jaël Malli konnte in den letzten Jahren mit vielem Frieden schliessen. Die 43-jährige Musikerin lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern Eliah, 5, und Liala, 7 Monate, in Bern.

In «Only human» singst du über die Herausforderungen berufstätiger Mütter. Was triggert dich am meisten?

Der Mental Load, dieses gleichzeitig an alles denken zu müssen, frisst enorm viel Energie. Eine Karriere mit Kindern voranzutreiben ist eine organisatorische Meisterleistung. Ich bewundere alleinerziehende Mütter. Das könnte ich nicht! Ohne meinen Mann, mein Umfeld und seit Anfang Jahr einer Nanny würde ich niemals alles unter einen Hut bringen.

Du kritisierst auch das Bild der perfekten Mutter, die alles scheinbar mühelos meistert.

Da muss ich mich zuerst ganz fest an der eigenen Nase nehmen. Wie bei allem, das ich angehe, möchte ich es 100 Prozent richtig machen. Also habe ich mich auch ins «Projekt Mutter» voll reingekniet, endlos Ratgeber gelesen, x Sachen befolgt. Ich dachte, ich wäre perfekt vorbereitet.

Und dann kam vor fünf Jahren dein Sohn Eliah, ein Schreibaby, zur Welt …

… und hat mich völlig überrumpelt. Mein Mann und ich sind eher ruhige Typen. Ich selbst war ein verträumtes und introvertiertes Kind und dann kommt ein Schreibaby zu dir. Ich war schockiert und fragte mich sofort: Was mache ich falsch? 

Du hast dich mit anderen Müttern verglichen?

Ja klar. Ich besuchte zum Beispiel einen Yogakurs für Mütter mit Baby. Alle anderen Kinder schliefen selig, nur meines schrie wie am Spiess. Dann gehst du nach Hause. Wieder schreit es stundenlang. Du möchtest dein Kind beruhigen, doch es klappt einfach nicht.

Ein Teufelskreis.

Irgendwann schon. Je gestresster du bist, desto weniger beruhigt sich dein Kind. Du gerätst in eine Abwärtsspirale und bekommst Gefühle und Gedanken, die dir Angst machen.

Zum Beispiel?

Die Stresshormone und die Erschöpfung in deinem Körper schreien: «Flüchte, du bist in Gefahr!» und dann spürst du plötzlich den Impuls, dieses schreiende Bündel weit weg zu werfen.

Ich dachte, nur Mütter, die mit fünf Kindern aus einem Kriegsgebiet geflüchtet sind, hätten ein Recht, überfordert zu sein.

Was hat dich dazu bewegt, damit an die Öffentlichkeit zu gehen?

Ich habe viel zu lange gewartet, bis ich mir Hilfe holte. Irgendwann war ich nur noch krank, hatte zwei Bandscheibenvorfälle und war mit den Nerven völlig am Ende. Das muss nicht sein!

Ich möchte betroffene Mütter und auch Väter dazu ermutigen, offen darüber zu reden und sich frühzeitig Hilfe zu holen. Schuldgefühle und eine starke innere Richterin sind kontraproduktiv. Ein Schreibaby ist nicht der Fehler der Eltern. 

Es braucht Mut, zu sagen, dass man als Mutter überfordert ist.

Doch es ist die Voraussetzung, um aus dem Sumpf wieder herauszufinden. Ich dachte lange, dass ich das einfach hinnehmen muss. In meinem Kopf hockten Bilder von Müttern, die mit fünf Kindern aus einem Kriegsgebiet geflüchtet sind. Nur sie hätten ein Recht, überfordert zu sein. Aber doch nicht Jaël Malli mit einem grossartigen Job, einem hilfsbereiten Umfeld und einem einzigen Kind!

Hast du die hohen Perfektionsansprüche an dich als Mutter mittlerweile runtergeschraubt?

Ich fühle mich oft zwischen Kindern und Karriere zerrissen. Ich liebe meine Arbeit und will sie gut machen, andererseits liebe ich meine Kinder und möchte möglichst viel Zeit mit ihnen verbringen. Das kratzt sich immer wieder. Ich bin aber dran und weiss, dass es reichen würde eine «good enough mother», also eine genug gute und keine perfekte Mutter, zu sein. Es wäre für alle entspannter. 

«Mit einem Schreibaby gerätst du schnell in eine Abwärtsspirale und bekommst Gefühle und Gedanken, die dir Angst machen», sagt Jaël.

Wann wird es schwierig? Hast du ein Beispiel dafür?

Ich möchte eigentlich nicht zu den Müttern gehören, die sich beim Kindergeburtstag einen Wettbewerb liefern. Doch dann kam Eliahs Schwester auf die Welt und ich wollte nicht, dass er sich als zweite Geige fühlt und organisierte dann doch wieder Papipapo mit Schatzsuche und Piratenschifftorte. 

Vielleicht machst du dir einfach zu viele Gedanken.

(Überlegt) Ich war schon immer ein sehr reflektierender Mensch. Vielleicht meldet sich hier aber auch meine Hochsensitivität.

Wie zeigt sich das?

Ich nehme vieles völlig ungefiltert und verstärkt wahr: Geräusche, Gerüche, Gefühle anderer Menschen. Es fällt mir oft schwer, mich abzugrenzen.

Ein Lied für hochsensitive Menschen:

Die Musikerin fühlt sich manchmal wie eine Ausserirdische auf diesem Planeten.

Im Song «Paralyzed» verarbeitest du einen sexuellen Übergriff, der dir vor vielen Jahren widerfahren ist. Warum redest du jetzt darüber?

Die Erschöpfung aus den ersten Jahren mit Eliah löste in mir Panikattacken aus, in denen alte Themen wieder hochkamen. Das Körpergefühl des totalen Ausgeliefertseins, des Sich-nicht-wehren-könnens, kam wieder hoch und damit die Erinnerung an diesen Übergriff. Auch hier möchte ich anderen Frauen Mut machen, ihr Schweigen zu durchbrechen. Verdrängen ist keine Option; es holt dich früher oder später wieder ein.

Von Vergewaltigung spricht man im aktuellen Sexualstrafrecht erst, wenn das Opfer beweisen kann, dass es sich gewehrt hat. Das wird sich mit der Revision von Artikel 190 ändern. Jede sexuelle Handlung ohne Zustimmung soll als Vergewaltigung anerkannt werden. Was löst das in dir aus?

Oh, das wusste ich nicht und finde ich sehr wichtig! Ich habe damals den Fehler sofort bei mir gesucht. Als eine Vertraute mich fragte, warum ich mich denn nicht gewehrt hätte, sie hätte das und das getan, war ich erst recht eingeschüchtert. Ich war ja eben komplett paralysiert! Dann war es eine Vergewaltigung (schweigt). 

«Verdrängen holt dich irgendwann ein.» Jaël möchte anderen Frauen Mut machen, wie sie offen über eine Vergewaltigung zu reden.

Sehr gut, wenn Frauen vom enormen Druck der Beweislage befreit werden und so vielleicht eher den Mut für eine Anzeige aufbringen.

Wie wichtig ist es für Eltern, sich um die eigenen Altlasten zu kümmern und damit aufzuräumen?

Das ist wohl nicht zu unterschätzen. Die Gefahr ist sonst gross, dass man eigene Lasten oder auch Ahnenthemen einfach weiterschleppt und auf die Kinder überträgt. Es wäre für mich beispielsweise fatal gewesen, wenn ich in meinen Zwanzigern Mutter geworden wäre. Es ist auch jetzt noch eine grosse Herausforderung, doch in der Zwischenzeit konnte ich mit vielem Aufräumen. Davor wären Kinder unvorstellbar gewesen.

Neues Solo-Album «Midlife» von Jaël

Jaëls drittes Soloalbum handelt vom Mitnehmen und Loslassen. «Ich mag dieses Wort. ‹Midlife› ist für mich eine Standortbestimmung in der Lebensmitte, die aber nicht in der Krise endet, sondern in einem analysierenden Rückblick und tiefer Dankbarkeit», sagt die Berner Musikerin. Eine Premiere feiert dabei «IiTii», Jaëls allererster Mundartsong.

Das neue Album erscheint am 31. März 2023 und kann hier vorbestellt werden. Ausserdem verlost Fritz+Fränzi drei Doppelalben mit exklusiven Fotos, persönlichen Gedanken der Songschreiberin sowie einer B-Seite mit Liveaufnahmen der letzten Tour und alternativen Versionen einiger neuer Stücke. Hier gehts zur Verlosung.

Maria Ryser

Maria Ryser
liebt grosse und kleine Kinder, zyklisch leben, Rilke, reinen Kakao, Klangreisen und Kreta. Die gebürtige Bündnerin arbeitet als stv. Leiterin auf der Onlineredaktion und ist Mutter zweier erwachsener Kinder und eines Primarschülers.

Alle Artikel von Maria Ryser

Mehr zum Thema Vereinbarkeit

Advertorial
Hilfe beim Schulstoff auf Knopfdruck
Die grösste Lernplattform der Schweiz evulpo bietet umfassende Lernmaterialien für Schülerinnen und Schüler aller Schulstufen an.
Geld
«Unverheiratete Mütter gehen grosse ­Risiken ein»
In einer Studie hat die Swiss Life den Gender Pension Gap untersucht. Andreas Christen erklärt, wie Mütter sich besser absichern können.
Kommunikation in der Familie: Mehr Zeit für Gespräche
Erziehung
«Ich geniesse es, jetzt mehr Zeit für Gespräche zu haben»
Arbeiten in Zürich, wohnen im Engadin. So bewusst wie dieser Entscheid, so aktiv sei auch die familiäre Kommunikation, sagt Mutter Mona.
Familienleben
Väter würden gerne weniger arbeiten
Die Swiss Life untersucht in einer Studie die Gender Pension Gap in der Schweiz. Unverheiratete Mütter sind in Sachen Vorsorge oft im Nachteil. Und: Väter arbeiten mehr, als sie eigentlich gerne würden.
Welt
Blog
Zwei Welten – eine Not
Die Welt einer Profisportlerin und die Welt einer Mama sind grundverschieden. Doch wenn man hinter die Fassaden schaut, kommen Gemeinsamkeiten zum Vorschein.
Kita-Kosten
Familienleben
Kita-Kosten bestrafen erwerbstätige Eltern
Die Kita-Kosten in der Schweiz sind viel zu hoch und belasten viele Familien. Eine Petition von Allianz F soll dies ändern.
Zwischen Kinder und bedürftigen Eltern
Elternblog
Zwischen Kindern und bedürftigen Eltern
Was tun, wenn die Eltern bedürftig werden? Das geht oft schleichend und trifft unsere Bloggerin in einer ohnehin fordernden Lebensphase.
Stefanie Rietzler
Blog
Kann ich es hier eigentlich niemandem recht machen?
Viele Eltern stehen heute unter hohem Druck. Es tut gut, zu wissen, welche Ansprüche aus dem eigenen Umfeld man getrost über Bord werfen kann.
Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!
Erziehung
«Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!»
«Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!» Elterncoach Sandra Schwendener sagt, wie Mütter und Väter es schaffen können, ihre eigenen Kräfte richtig einzuschätzen, bevor sie ausbrennen.
Elternbildung
Elternstress: «Wir haben alle oft zu viele Bälle in der Luft»
Psychologin und Zweifachmutter Larissa Hauser findet, man müsse sich in stressigen Phasen bewusst entscheiden: Was lasse ich sein, um wieder mehr Kontrolle zu erhalten?
Familienleben
Wie können Eltern besser mit Stress im Alltag umgehen?
Viele Eltern fühlen sich im Alltag mit seinen unendlichen To-do-Listen permanent gestresst und gehetzt. Woran liegt das? Und vor allem: Wie kommen wir da wieder raus?
Elternstress: Unser Thema im März
Fritz+Fränzi
Elternstress: Unser Thema im März
Warum sich immer mehr Väter und Mütter überlastet fühlen – und wie sie einem Ausbrennen vorbeugen können.
Monatsinterview mit Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort Februar 2023
Gesellschaft
«Man kann die Persönlichkeit eines Kindes nicht verändern»
Psychiater Michael Schulte-Markwort über ­gestresste Mütter, ambitionierte Väter und Kinder, die sich in der Pubertät der Welt verweigern.
Warum Auszeiten für Mütter so wichtig sind
Elternblog
Warum Auszeiten für Mütter so wichtig sind
Erwerbstätige Mütter sind im Familienalltag besonders gefordert. Unsere Bloggerin Valerie Wendenburg nimmt sich daher bewusst Auszeiten.
Wie kann der Mental Load besser verteilt werden?
Erziehung
Wie kann der Mental Load besser verteilt werden?
Teilen Sie sich als Eltern die Kinderbetreuung auf und sind Sie beide erwerbstätig? Und trotzdem haben Sie das Gefühl, dass zuhause alles an Ihnen hängen bleibt?
Elternbildung
Wie gelingt eine gute Vater-Sohn-Beziehung? 
Väter sind für Söhne massgeblich in der Identitätsbildung und prägen die Handhabung aggressiver Gefühle.
Elternbildung
Wie gelingt eine gute Mutter-Tochter-Beziehung? 
Mütter prägen ihre Töchter ein Leben lang. Wie stark ist ihr Einfluss und was macht eine gute Mutter-Tochter-Beziehung wirklich aus?
Stefanie Rietzler
Elternblog
Warum ich allen Eltern eine Laura wünsche
Mit der Mutterschaft ändert sich vieles. Und das Glück wie die Sorgen mit einer echten Freundin teilen zu können, erhält einen unschätzbaren Wert. Ein offener Brief.
Fabian Grolimund Kolumnist
Blog
Liebe Väter, ich bin sauer!
Nur wenige Männer machen vom Vaterschaftsurlaub ­Gebrauch. Haben Väter noch immer nicht kapiert, wie wichtig sie für ihre ­Kinder sind?
Stefanie Rietzler
Elternblog
Wie Eltern sich als Paar wieder näher kommen
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie kostet Kraft – da wird oft an der Beziehung gespart, schreibt Stefanie Rietzler. Doch es geht auch anders.
Elternblog
«Wir sollten den Muttertag abschaffen»
Mama ist die Beste! «Die Botschaft hinter dem Muttertag ist haarsträubend», schreibt Fritz+Fränzi-Redaktorin Maria Ryser. Sie möchte den Muttertag lieber durch den Tag der Familie ersetzen.
Mama hat frei: Was tun?
Elternblog
Plötzlich hat Mama frei
Keine Familien- und keine Arbeitszeit: Seit kurzem hat unsere Autorin am Mittwoch Vormittag frei und ist ein wenig überfordert mit dieser neuen Freiheit. Hilfe!
Wir geben nicht stur den Tarif durch
Familienleben
«Wir geben nicht stur den Tarif durch»
Für unsere Jubiläumsausgabe hat Fotograf Fabian Hugo die fünfköpfige Familie Ernst aus dem Bernbiet begleitet.
Väter in Teilzeit
Familienleben
Väter in Teilzeit
Immer mehr Männer reduzieren ihr Arbeitspensum zugunsten der Familienzeit. So funktioniert das Modell im Alltag von Vätern.
Was Paare stark macht
Familienleben
Was Paare stark macht
Viele Paare wünschen sich eine Beziehung fürs Leben. Doch meist kommt es spätestens auf halbem Weg zu Krisen.