Depressiv oder null Bock? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Depressiv oder null Bock?

Lesedauer: 10 Minuten
Die Pubertät ist eine Zeit der Veränderung. Psychische Erkrankungen wie Depressionen treten gehäuft auf. Auf welche ersten Anzeichen sollten Eltern achten?
Text: Constanze Löffler
Bild: Alain Laboile

Das Wichtigste zum Thema

«Wenn Heranwachsende sich mindestens zwei Wochen am Stück von Freunden, Schule, Familie zurückziehen, ihre Freizeitaktivitäten vernachlässigen und ungewohnt bedrückt sind, muss man von einer depressiven Phase ausgehen», sagt Alain Di Gallo, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Basel. Es ist eine Gratwanderung zu erkennen, ob Jugendliche «nur» null Bock haben oder an einer Depression leiden. In jedem Fall lohnt sich eine Abklärung, besonders wenn «das Gefühl der Leere» bei Kindern oder Jugendlichen länger anhält.

  • Kinder aus schwierigen sozialen Bedingungen
  • Genetische Veranlagungen in der Familie (Depression eines Elternteils)
  • Trennung der Eltern
  • Traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit

Zwei Tipps für Eltern von Jugendlichen in einer Krise:

  • Bleiben Sie mit Ihrem Teenager im Gespräch, auch wenn er oder sie abweisend reagiert. 
  • Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind ein Interesse oder eine Leidenschaft, mit der sich das Kind beschäftigen kann, wenn es ihm nicht gut geht.

Weitere Elterntipps und tiefere Informationen zum Umgang mit Jugendlichen und Depressionen finden Sie im vollständigen Artikel.

Leere und Trauer kennt der 16-jährige Jakob, seitdem er von der Primar- in die Sekundarstufe wechselte. Um sie zu vertreiben, fängt er an zu kiffen. Später erscheint der Junge wiederholt angetrunken zum Unterricht. Als ihn ein Vertrauenslehrer darauf anspricht, streitet Jakob die Trunkenheit erst ab und fängt dann an zu weinen.

Sein Leben sei völlig verkorkst und hoffnungslos. Er wisse überhaupt nicht, wie es nach der Schule weitergehen solle. Und ja, er denke darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Der Lehrer ruft umgehend Alain Di Gallo an. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Basel ist alarmiert. «Ich bestellte Jakob und seine Mutter noch am gleichen Abend in die Klinik», erinnert er sich. 

Für den Psychiater deutet alles auf eine Depression hin.
Dort erzählt der Junge, dass seine Eltern seit fünf Jahren getrennt seien. Seine Mutter erklärt, sie habe unter dem unerwarteten Fortgang ihres Mannes sehr gelitten und sei kaum noch für ihren Sohn da gewesen. Jakob ist überzeugt, auch seine Freunde würden ihn nicht mehr mögen. Immer mehr hat er sich zurückgezogen und ins Comic-Zeichnen vertieft. Für den Psychiater deutet alles auf eine Depression hin.
Ungefähr ein Kind pro Schulklasse leidet an einer behandlungsbedürftigen Depression. 
Geschichten wie die von Jakob gibt es viele. In der Schweizer SMASH-Studie aus dem Jahr 2002 gaben 35 Prozent der Mädchen und knapp 20 Prozent der befragten Jungen an, sie seien häufiger traurig und deprimiert. «Eine behandlungsbedürftige Depression hat am Ende nur ein Bruchteil von ihnen», beruhigt Experte Di Gallo. Rund drei Prozent der Kinder und fünf Prozent der Jugendlichen, also etwa eine Person pro Klasse, leiden daran. Das Fatale: Häufig bleiben die Symptome unerkannt – insbesondere, wenn sie mit dem Eintritt in die Pubertät zusammentreffen. Eltern fällt es dann schwer, zu erkennen, ob der Sprössling die Zimmertür abschliesst, weil er sich – wie in diesem Alter völlig gesund – von ihnen abgrenzt oder weil er ernsthaft krank ist.

Sind es nur pubertäre Stimmungsschwankungen?

«Gelegentliche Nullbockstimmung und ein schwankendes Selbstwertgefühl während der Pubertät sind völlig normal», sagt auch Di Gallo. Gleichzeitig sei diese Lebensphase eine Zeit, in der sich gehäuft psychische Störungen entwickelten. «Negative Gedanken über die eigene Person», so Di Gallo, «können ein Baustein für die Entstehung von Depressionen sein.» Eine Untersuchung der Universität Zürich hat gezeigt, dass Pubertierende besonders rasch auf negatives Feedback reagieren. Das könnte erklären, warum sich Jugendliche alles so sehr zu Herzen nehmen.
Während der Pubertät gleicht das Hirn einer Grossbaustelle.
Während der Pubertät fallen solche negativen Empfindungen auf besonders fruchtbaren Boden. Jetzt gleicht das Gehirn einer Grossbaustelle: Unwichtige Nervenverbindungen werden gekappt, wichtige ausgebaut. Nicht alle Hirnanteile entwickeln sich dabei gleich schnell. Das limbische System und die Amygdala – beides Hirnstrukturen, die Belohnung und Emotionen verschlüsseln – gedeihen schneller als das Stirnhirn. Das wiederum hat eine kontrollierende Funktion, mahnt also zur Ordnung und erinnert an Regeln.

Der ultimative Kick

Dieses Ungleichgewicht macht Heranwachsende anfällig für riskantes Verhalten. Jugendliche rasen mit dem Mofa umher, probieren Drogen, betrinken sich und wechseln ihre Geschlechtspartner – immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. «Die Schwelle, bei der ein Reiz das Gefühl von Belohnung verschafft, liegt in der Jugend höher als im Erwachsenenalter», führt der 55-jährige Experte aus. «Die Adoleszenz ist wie ein Auto mit vielen PS,das die Jugendlichen zwar starten, aber noch nicht sicher lenken können.»

Was sind die Symptome?

Für Jungen sind Entwicklungen wie die von Jakob typisch. Sie verstossen gegen Regeln in der Schule und Öffentlichkeit, riskieren mehr beim Sport oder im Strassenverkehr. Mädchen hingegen verletzen sich eher selbst und neigen zu Essstörungen. Psychiater und Psychologen haben die Kriterien für eine Depression klar umrissen. «Wenn Heranwachsende sich mindestens zwei Wochen am Stück von Freunden, Schule, Familie zurückziehen, ihre Freizeitaktivitäten vernachlässigen und ungewohnt bedrückt sind, muss man von einer depressiven Phase ausgehen», so Experte Di Gallo. Anders als Gleichaltrige kämen sie dann nicht mehr aus dem Bett, verweigerten die Schule und brächen den Kontakt mit Freunden ab.
 Eine Depression wird in erster Linie anhand der Symptome diagnostiziert. 
Dennoch ist die Diagnose nicht immer einfach: «Es gibt keine eindeutigen Laborwerte oder Anzeichen des Gehirns im Kernspin», erklärt Klinikdirektor Di Gallo. Eine Depression wird in erster Linie anhand der Symptome diagnostiziert. Ausschlaggebend sei neben der Schwere der Symptomatik vor allem der Zeitfaktor: Das Gefühl der Leere geht einfach nicht mehr weg.

Wer ist besonders gefährdet? 

Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die in schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen, gefährdeter sind für psychische Krankheiten. Auch eine genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Ist ein Elternteil depressiv, erhöht sich das Risiko des Kindes, zu erkranken, auf 20 Prozent, sind beide Eltern betroffen, auf 50 Prozent. «Die genetische Veranlagung ist aber nicht allein für die Entwicklung von Depressionen verantwortlich», stellt Di Gallo klar. Zu den inneren Faktoren müssen äussere kommen. Einer der häufigsten Gründe ist die Trennung der Eltern. In einer Zeit, in der die Gefühle Achterbahn fahren, sind stabile Beziehungen eben besonders wichtig. Auch Jakob hätte seinen Vater gebraucht – um sich mit ihm als Pubertierender auseinanderzusetzen und um sich mit ihm als Mann zu identifizieren.
Schon während der Schwangerschaft stehen Föten unter dem Einfluss von Stresshormonen.
Mittlerweile verstehen Forscher auch immer besser, dass schon Erlebnisse im Säuglings- und Kleinkindesalter depressive Krisen in der Adoleszenz auslösen können. «Traumatische Trennungen oder Vernachlässigung in der frühen Kindheit können nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung haben», bestätigt Di Gallo. 

Mitunter reichen die Auslöser sogar noch weiter zurück. Schon während der Schwangerschaft stehen Föten über die Plazenta unter dem Einfluss mütterlicher Stresshormone wie Cortisol. Pränataler Stress hebt beim Ungeborenen den Stresshormonspiegel dauerhaft an und beschleunigt die Hirnreifung, fanden Neurologen der Uniklinik Jena heraus. Stress während der Schwangerschaft gilt deshalb als ein Risikofaktor für eine spätere Depression.

Sind Jugendliche heute häufiger depressiver als noch vor zehn Jahren? 

Experte Di Gallo ist skeptisch. Heute stünden De­pressionen mehr im Blickpunkt, seien gesellschaftsfähiger geworden und würden deshalb häufiger diagnostiziert, meint der Kinder­psychiater. «Die Zeiten sind nicht schlimmer als früher, aber die Herausforderungen an die Jugend haben sich verändert.» So seien die meisten Kinder und Jugendlichen zwar leistungswillig. Manche hätten jedoch Mühe, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, und fühlten sich davon gestresst.

Welche Rolle spielen die Smartphone und Co?

Eine Mitschuld tragen auch die neuen Medien. Beispiel Cybermobbing: Früher wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt. Heute verbreiten sich Beleidigun­gen und Gerüchte anonym und rasend schnell im Netz. Rund fünf Prozent aller minderjährigen Schweizer machen die Erfahrung, schwer gemobbt zu werden – ein häufiger Risikofaktor für eine Depression.
Die Nutzung elektronischer Medien verändert den gesamten Tages- und Nachtrhythmus.
Auch das ständige Spielen am Handy verändert das Sozialverhalten. Statt mit drei, vier echten Freunden auf dem Sportplatz zu kicken oder sich zum Shoppen zu verabreden, haben Jugendliche mit ein paar hundert Freunden Kontakt – hinter zugezogener Tür. Das ständige Herumtippen am Smartphone oder Bildschirm verändert ihren Tag- und Nachtrhythmus. «Die exzessive nächtliche Nutzung elektronischer Medien ist ein Risikofaktor für Schlafstörungen und Depressionen», erklärt Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich. Schlafstörungen selbst können ein Symptom der Depression sein, aber auch die Entstehung von Depressionen begünstigen.
 «Eine frühe Diagnose und durchgängige Intervention sind wichtig»
Susanne Walitza, Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich
Diese Risikofaktoren lassen sich jedoch positiv beeinflussen, meint die Expertin. «Elterliche Zuwendung, klare Grenzen und ein strukturierter Tagesablauf in Kindheit und Jugend beugen vor.» Nicht immer können sie eine psychische Erkrankung verhindern. Um frühzeitig zu erkennen, ob ein Jugendlicher in eine Depression abrutscht, braucht es die Aufmerksamkeit und Mithilfealler aus dem Umfeld: Freunde, Eltern und Lehrer. Denn anders als früher gedacht wachsen sich Depressionen und andere psychische Erkrankungen nicht einfach aus. «Eine frühe Diagnose und durchgängige Intervention sind wichtig», erklärt Walitza. «Ansonsten kann sich die Langzeitprognose deutlich verschlechtern.» Studien belegen, was passiert, wenn die therapeutische Chance in der Pubertät vertan wird: Vier von fünf psychisch kranken Erwachsenen waren schon als Jugendliche psychisch labil.
«Typisch für Depressive ist, dass sie oft alles schwarz sehen und negativ bewerten»
Susanne Walitza
Die Therapie jugendlicher Depressionen unterscheide sich kaum von der depressiver Erwachsener, erklärt Walitza, da sich auch die Symptome sehr ähnelten. «Im ersten Schritt klären wir die Jugendlichen über die Erkrankung auf.» Bei leichten Störungen helfe eine Gesprächs- und Verhaltenstherapie, in schwereren Fällen unterstützt durch Medikamente. «Typisch für Depressive ist, dass sie oft alles schwarz sehen und negativ bewerten», erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. «In der Therapie bringen wir Ereignisse und Empfindungen in einen realistischen Kontext.» Hat jemand eine Zwei in Mathe, ist er kein Schulversager. Verlässt ihn die Freundin, bedeutet das nicht, dass der Junge nie wieder eine Partnerin haben wird.

Sich selbst vertrauen lernen

Die Therapeuten helfen auch dabei, Auslöser aus der Welt zu schaffen. Beispiel Mobbing: «Wir nehmen mit der Schule Kontakt auf und überlegen gemeinsam, wie wir mit der Situation umgehen», so Walitza, selbst Mutter eines Teenagers. Mal fänden Gespräche mit Tätern und Opfer statt, mal würden ganze Klassen einschliesslich der Eltern geschult. Und gelegentlich empfehle sich ein Schulwechsel. «Zentrales Ziel der Therapie ist immer, das Kind zu stärken und es darin anzuleiten, auf sein Können und seine Fähigkeiten zu vertrauen», betont die Expertin.
Auch ein stationärer Aufenthalt kann hilfreich sein. Einfach mal rauskommen aus dem deprimierenden Umfeld, weg von den traurigen Gedanken und den Grübeleien. Grossen Wert legt die 47-Jährige darauf, die Kinder nach der Therapie nicht einfach zu entlassen. «Es muss klar sein, wie es in Elternhaus und Schule weitergeht und wo die Therapie ambulant fortgeführt werden kann.»

Und Jakob?

Das Angebot des Professors, in der Klinik zu bleiben, schlug der Junge aus. «Drei Wochen später meldete er sich wieder,weil die innere Anspannung stärker geworden war», erzählt Alain Di Gallo. Dann sei Jakob bereit gewesen für eine ambulante Therapie. Während der wurde ihm klar, wie sehr der Vater ihn durch seinen Weggang und den Kontaktabbruch verletzt hatte – und dass er sich mit ihm treffen wollte. 

Das Wiedersehen gab ihm die Gelegenheit, dem Vater all seine Wut entgegenzuschleudern. Gleichzeitig war es der Anfang zum Aufbau einer neuen Beziehung. Heute studiert Jakob Kommunikationsdesign. Und die Depression ist eine vergangene Episode in seinem Leben.

Constanze Löffler
ist Ärztin und Journalistin, sie schreibt über alles was im Medizin- und Wissenschaftsjournalismus spannend, möglich oder unmöglich ist.

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«Frau Walitza, was tun, wenn mein Kind eine Krise hat?»

Wenn das Kind sich in der Pubertät in sich zurückzieht, dürfen Eltern nicht lockerlassen.

Frau Walitza, wie deutet sich eine psychische Krise bei Pubertierenden an? 

Eltern sollten bei neu auftretenden Symptomen hellhörig werden. Vielleicht ist ihr Kind öfter schlecht gelaunt und gereizt oder ungewohnt ernsthaft und traurig. Vielleicht hört es auf, sich am Nachmittag oder Wochenende mit den Kollegen zu treffen. Oder es sackt in der Schule ab, bringt schlechte Noten heim oder verweigert die Schule ganz.

Wie sollten Eltern reagieren?

Solche Symptome treten auch im Laufe einer normalen pubertären Entwicklung auf. Eltern kennen ihre Kinder am besten. Wenn sie spüren, dass etwas nicht stimmt, sollten sie dem nachgehen und mit dem Nachwuchs reden. Ein offenes Gespräch klärt schnell, ob sie beruhigt sein können oder eingreifen müssen. 

Was, wenn es eine Krise ist?

Eine Pubertät ohne Krisen gibt es nicht! Manche Krisen sind kleiner, andere grösser: Liebeskummer, Schule schwänzen, Erfahrungen mit illegalen Substanzen bis hin zu kleineren Verkehrsdelikten. Die meisten Krisen gehen vorüber. Wenn Eltern allein nicht mehr weiterkommen, gibt es Hilfe: bei der Elternberatung von Pro Juventute, bei kantonalen Familien- und Erziehungsberatungen oder dem Notfalldienst der kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken.

Wer sind die richtigen Ansprechpartner bei einer möglichen Depression? 

Wichtig ist vor allem, dass Eltern, Lehrer und Freunde rasch handeln. Haben Eltern den Verdacht, dass Sohn oder Tochter depressiv ist, sollten sie sich zunächst an den Kinderarzt wenden. Geht es dem Nachwuchs nicht bald besser, vereinbaren sie einen Termin bei einem Kinder- und Jugendpsychiater oder bei einem auf diese Altersgruppe spezialisierten Psychologen. Reden die Kinder von Suizid, sollten sie mit ihrem Kind sofort einen Fachmann aufsuchen. Jugendliche, denen es schlecht geht, vertrauen sich übrigens häufig Gleichaltrigen an und bitten sie, das Erzählte für sich zu behalten. Das stürzt die Vertrauensperson in Konflikte. Auch hier helfen die Berater von anonymen Sorgentelefonen weiter. Eine Depression ist sehr ernst zu nehmen und darf nicht bagatellisiert werden. 

Wie beugen Eltern Krisen vor?

Eltern sollten mit ihren Kindern im Gespräch bleiben, indem sie sich ein Thema suchen, mit dem sich das Kind identifiziert. Und auch wenn der Nachwuchs abweisend reagiert und meint, dass man davon nichts verstehe, dürfen Eltern nicht lockerlassen. Studien zeigen, dass Eltern ihre Rolle während der Pubertät ihrer Kinder unterschätzen. Sie haben einen grösseren Einfluss, als sie von sich glauben. Eltern sollten immer zeigen, dass sie für ihr Kind da sind und sich für es interessieren. Wenn Eltern beispielsweise nicht wissen, wo ihr Teenager die Nacht verbringt, finde ich das alarmierend.

Wie können Eltern ihre Kinder stärken?

Indem sie dafür sorgen, dass Heranwachsende ein Interesse oder eine Leidenschaft haben, mit der sie sich beschäftigen, wenn es ihnen nicht gut geht. Sie brauchen einen Ersatz, wenn der erste Liebeskummer ausbricht oder es Probleme mit den Schulkameraden gibt. Fühlt sich ein Kind beispielsweise gemobbt und ausgegrenzt, wird es sich vermutlich nach und nach zurückziehen. Ist das Kind jedoch in einer Sportmannschaft integriert und wird von den Kameraden dort geschätzt, wird es die Ablehnung durch die Mitschüler als weniger bedeutsam empfinden. Andere Kinder reiten, spielen ein Instrument oder zeichnen Mangas – Hauptsache, sie sind mit Leidenschaft bei der Sache.

Susanne Walitza
ist Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Zürich.

Alle Artikel von Susanne Walitza

Was wenn das Leben keinen Sinn mehr macht?

2014 nahmen sich laut Bundesamt für Statistik 31 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren das Leben. «Diese Zahl muss uns zu denken geben», sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Alain Di Gallo. Nach Unfällen sind Selbsttötungen hierzulande die häufigste Todesursache bei Jugendlichen.Die Zahl der Suizidversuche schätzen Fachleute noch einmal 100-fach höher. Depressionen sind der stärkste Risikofaktor für einen Suizid: Betroffene Buben und Mädchen hegen oft Selbstmordgedanken. Als Gründe nennen sie Gefühle wie Einsamkeit und sich nicht geliebt fühlen, Wut, Ärger und Enttäuschungen. «Suizidalität muss mit depressiven Jugendlichen offen angesprochen werden. Falls notwendig, werden konkrete Hilfsmassnahmen verbindlich festgelegt», so Di Gallo. Dazu gehöre der Besuch bei einem Spezialisten und auch, zu Hause Waffen und Medikamente unzugänglich zu machen.

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