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Psychologie

Depressiv oder null Bock?

Die Pubertät ist eine Zeit der Veränderung. Psychische Erkrankungen wie Depressionen treten gehäuft auf. Auf welche ersten Anzeichen sollten Eltern achten?
Text: Constanze Löffler
Bild: Alain Laboile – der Fotograf ist Vater von sechs Kindern im Südwesten Frankreichs, das Bild stammt aus einer Serie in der er seine eigenen Kinder fotografiert hat und dient hier als Symbolbild
Leere und Trauer kennt der 16-jährige Jakob, seitdem er von der Primar- in die Sekundarstufe wechselte. Um sie zu vertreiben, fängt er an zu kiffen. Später erscheint der Junge wiederholt angetrunken zum Unterricht. Als ihn ein Vertrauenslehrer darauf anspricht, streitet Jakob die Trunkenheit erst ab und fängt dann an zu weinen.

Sein Leben sei völlig verkorkst und hoffnungslos. Er wisse überhaupt nicht, wie es nach der Schule weitergehen solle. Und ja, er denke darüber nach, sich das Leben zu nehmen. Der Lehrer ruft umgehend Alain Di Gallo an. Der Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Basel ist alarmiert. «Ich bestellte Jakob und seine Mutter noch am gleichen Abend in die Klinik», erinnert er sich. 
Für den Psychiater deutet alles auf eine Depression hin.
Dort erzählt der Junge, dass seine Eltern seit fünf Jahren getrennt seien. Seine Mutter erklärt, sie habe unter dem unerwarteten Fortgang ihres Mannes sehr gelitten und sei kaum noch für ihren Sohn da gewesen. Jakob ist überzeugt, auch seine Freunde würden ihn nicht mehr mögen. Immer mehr hat er sich zurückgezogen und ins Comic-Zeichnen vertieft. Für den Psychiater deutet alles auf eine Depression hin.
Ungefähr ein Kind pro Schulklasse leidet an einer behandlungsbedürftigen Depression. 
Geschichten wie die von Jakob gibt es viele. In der Schweizer SMASH-Studie aus dem Jahr 2002 gaben 35 Prozent der Mädchen und knapp 20 Prozent der befragten Jungen an, sie seien häufiger traurig und deprimiert. «Eine behandlungsbedürftige Depression hat am Ende nur ein Bruchteil von ihnen», beruhigt Experte Di Gallo. Rund drei Prozent der Kinder und fünf Prozent der Jugendlichen, also etwa eine Person pro Klasse, leiden daran. Das Fatale: Häufig bleiben die Symptome unerkannt – insbesondere, wenn sie mit dem Eintritt in die Pubertät zusammentreffen. Eltern fällt es dann schwer, zu erkennen, ob der Sprössling die Zimmertür abschliesst, weil er sich – wie in diesem Alter völlig gesund – von ihnen abgrenzt oder weil er ernsthaft krank ist.

Sind es nur pubertäre Stimmungsschwankungen?

«Gelegentliche Nullbockstimmung und ein schwankendes Selbstwertgefühl während der Pubertät sind völlig normal», meint auch Di Gallo. Gleichzeitig sei diese Lebensphase eine Zeit, in der sich gehäuft psychische Störungen entwickelten. «Negative Gedanken über die eigene Person», so Di Gallo, «können ein Baustein für die Entstehung von Depressionen sein.» Eine Untersuchung der Universität Zürich hat gezeigt, dass Pubertierende besonders rasch auf negatives Feedback reagieren. Das könnte erklären, warum sich Jugendliche alles so sehr zu Herzen nehmen.
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Während der Pubertät gleicht das Hirn einer Grossbaustelle.
Während der Pubertät fallen solche negativen Empfindungen auf besonders fruchtbaren Boden. Jetzt gleicht das Gehirn einer Grossbaustelle: Unwichtige Nervenverbindungen werden gekappt, wichtige ausgebaut. Nicht alle Hirnanteile entwickeln sich dabei gleich schnell. Das limbische System und die Amygdala – beides Hirnstrukturen, die Belohnung und Emotionen verschlüsseln – gedeihen schneller als das Stirnhirn. Das wiederum hat eine kontrollierende Funktion, mahnt also zur Ordnung und erinnert an Regeln.

Der ultimative Kick

Dieses Ungleichgewicht macht Heranwachsende anfällig für riskantes Verhalten. Jugendliche rasen mit dem Mofa umher, probieren Drogen, betrinken sich und wechseln ihre Geschlechtspartner – immer auf der Suche nach dem ultimativen Kick. «Die Schwelle, bei der ein Reiz das Gefühl von Belohnung verschafft, liegt in der Jugend höher als im Erwachsenenalter», führt der 55-jährige Experte aus. «Die Adoleszenz ist wie ein Auto mit vielen PS,das die Jugendlichen zwar starten, aber noch nicht sicher lenken können.»

Was sind die Symptome?

Für Jungen sind Entwicklungen wie die von Jakob typisch. Sie verstossen gegen Regeln in der Schule und Öffentlichkeit, riskieren mehr beim Sport oder im Strassenverkehr. Mädchen hingegen verletzen sich eher selbst und neigen zu Essstörungen. Psychiater und Psychologen haben die Kriterien für eine Depression klar umrissen. «Wenn Heranwachsende sich mindestens zwei Wochen am Stück von Freunden, Schule, Familie zurückziehen, ihre Freizeitaktivitäten vernachlässigen und ungewohnt bedrückt sind, muss man von einer depressiven Phase ausgehen», so Experte Di Gallo. Anders als Gleichaltrige kämen sie dann nicht mehr aus dem Bett, verweigerten die Schule und brächen den Kontakt mit Freunden ab.
 Eine Depression wird in erster Linie anhand der Symptome diagnostiziert. 
Dennoch ist die Diagnose nicht immer einfach: «Es gibt keine eindeutigen Laborwerte oder Anzeichen des Gehirns im Kernspin», erklärt Klinikdirektor Di Gallo. Eine Depression wird in erster Linie anhand der Symptome diagnostiziert. Ausschlaggebend sei neben der Schwere der Symptomatik vor allem der Zeitfaktor: Das Gefühl der Leere geht einfach nicht mehr weg.

Wer ist besonders gefährdet? 

Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die in schwierigen sozialen Bedingungen aufwachsen, gefährdeter sind für psychische Krankheiten. Auch eine genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Ist ein Elternteil depressiv, erhöht sich das Risiko des Kindes, zu erkranken, auf 20 Prozent, sind beide Eltern betroffen, auf 50 Prozent. «Die genetische Veranlagung ist aber nicht allein für die Entwicklung von Depressionen verantwortlich», stellt Di Gallo klar. Zu den inneren Faktoren müssen äussere kommen. Einer der häufigsten Gründe ist die Trennung der Eltern. In einer Zeit, in der die Gefühle Achterbahn fahren, sind stabile Beziehungen eben besonders wichtig. Auch Jakob hätte seinen Vater gebraucht – um sich mit ihm als Pubertierender auseinanderzusetzen und um sich mit ihm als Mann zu identifizieren.
Schon während der Schwangerschaft stehen Föten unter dem Einfluss von Stresshormonen.
Mittlerweile verstehen Forscher auch immer besser, dass schon Erlebnisse im Säuglings- und Kleinkindesalter depressive Krisen in der Adoleszenz auslösen können. «Traumatische Trennungen oder Vernachlässigung in der frühen Kindheit können nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung haben», bestätigt Di Gallo.

Mitunter reichen die Auslöser sogar noch weiter zurück. Schon während der Schwangerschaft stehen Föten über die Plazenta unter dem Einfluss mütterlicher Stresshormone wie Cortisol. Pränataler Stress hebt beim Ungeborenen den Stresshormonspiegel dauerhaft an und beschleunigt die Hirnreifung, fanden Neurologen der Uniklinik Jena heraus. Stress während der Schwangerschaft gilt deshalb als ein Risikofaktor für eine spätere Depression.

Sind Jugendliche heute häufiger depressiver als noch vor zehn Jahren? 

Experte Di Gallo ist skeptisch. Heute stünden De­pressionen mehr im Blickpunkt, seien gesellschaftsfähiger geworden und würden deshalb häufiger diagnostiziert, meint der Kinder­psychiater. «Die Zeiten sind nicht schlimmer als früher, aber die Herausforderungen an die Jugend haben sich verändert.» So seien die meisten Kinder und Jugendlichen zwar leistungswillig. Manche hätten jedoch Mühe, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, und fühlten sich davon gestresst.

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