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Psychologie

Wenn alles zu viel wird

Immer häufiger klagen bereits Zwölfjährige über Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Wer ist schuld? Die Leistungsgesellschaft? Die Schule? Die Eltern? Oder setzen sich Kinder heute gar selber zu sehr unter Druck? Eine Spurensuche.
Text: Virginia Nolan
Bilder: Daniel Auf der Mauer / 13 Photo
Es gibt ein Sprichwort, das besagt, nichts sei so gerecht verteilt wie der Verstand: Jeder glaube, er habe genug davon. Mit dem Stress verhält es sich ähnlich. Gerade als Eltern sind wir der Meinung, wir kämen damit nicht zu kurz. Und doch sagt dies allein wenig darüber aus, wie hoch unsere Belastung tatsächlich ist. Ein Zustand, den wir als Volkskrankheit bezeichnen, verlangt nach einer kritischeren Auseinandersetzung. Im Idealfall sieht diese vermutlich so aus, dass wir nicht blindlings einstimmen ins Klagelied über die Leistungsgesellschaft, aber gleichzeitig unsere Augen öffnen für deren Opfer – erst recht, wenn es Kinder sind. Diesen Ansatz verfolgt dieses Dossier. Es will erklären, einordnen. Burnout sei, warnen die einen, im Kinderzimmer angekommen. Der Nachwuchs sei nicht gestresst, sondern verweichlicht, sagen die anderen. Wie geht es Kindern im Zeitalter von Effizienzsteigerung und Gewinnmaximierung, von Flexibilisierung und Globalisierung? Wir fragen Kinder und Jugendliche. Und haken bei denen nach, die sie täglich begleiten; bei Eltern, Jugendarbeitern, Lehrpersonen, Therapeuten, Sozialforschern und beim Krisencoach.

Hohe Lebenszufriedenheit, nüchterne Stressbilanz

Anhaltspunkte für das emotionale Wohlbefinden von Schulkindern in der Schweiz liefert die Studie «Health Behaviour in School-aged Children» (HBSC). Die Schülerbefragung unter der Schirmherrschaft der Weltgesundheitsorganisation WHO untersucht alle vier Jahre die Gesundheit von 11- bis 15-Jährigen in 44 Ländern. «Kinder und Jugendliche nehmen schlechte Gesundheit kaum als Krankheit wahr», schickt der Bericht voraus, «bei schlechter Gesundheit zu sein bedeutet für sie vor allem, emotional und zwischenmenschlich verunsichert zu sein.» Daher sei das Gesundheitsempfinden von Kindern und Jugendlichen ein guter Indikator für deren psychische Verfassung. Gemäss der aktuellsten HBSC-Studie aus dem Jahr 2014 schätzen über 90 Prozent der befragten 10 000 Schülerinnen und Schüler in der Schweiz ihre Gesundheit als gut oder ausgezeichnet ein. 
Burnout ist im Kinderzimmer angekommen, sagen die einen. Viele Kinder sind heute verweichlicht, sagen andere.
Auch in Sachen Lebenszufriedenheit schneiden sie gut ab. Demnach sind 9 von 10 Knaben zwischen 11 und 15 Jahren recht bis sehr zufrieden mit ihrem Leben, von den Mädchen sind es je nach Altersgruppe zwischen 83 und 87 Prozent. Nüchterner sieht ihre Stressbilanz aus. So geben 10 Prozent aller befragten 11-Jährigen an, regelmässig traurig zu sein, 15 Prozent schätzen sich als nervös ein. Sogenannte psychoaffektive Symptome – die Literatur bezeichnet sie oft als Stressmerkmale – sind zum Beispiel Gereiztheit, Müdigkeit oder Einschlafschwierigkeiten. Die Pubertät könne solche Anzeichen durchaus mit sich bringen, schreiben die Experten. Wenn es sich allerdings um chronische Symptome handle, hänge dies mit einem beeinträchtigten Wohlbefinden zusammen. Als chronisch gelten Symptome, die mehrmals wöchentlich oder während sechs Monaten täglich verspürt werden. Dabei scheint Müdigkeit bei Schweizer Kindern am weitesten verbreitet zu sein. Und: Mit steigendem Alter äussern bis zu einem Drittel der Knaben mindestens zwei chronische, psychoaffektive Symptome, bei den Mädchen beträgt der Höchstwert hier sogar 46 Prozent.

Der Druck ist selbst gemacht 

Während die Daten zur HBSC-Studie die Frage nach den Stressfaktoren nicht im Detail beantworten, gibt die Studie Juvenir 4.0 der Jacobs Foundation Antwort darauf. Sie hat allerdings nicht Kinder im Fokus, sondern Schweizer Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. In der Untersuchung von 2014 sagte fast die Hälfte der 1500 Befragten, das Gefühl von Stress und Überforderung gehöre zu ihrem Alltag. 56 Prozent der weiblichen Jugendlichen gaben an, häufig bis sehr häufig unter Druck zu stehen, bei den männlichen waren es 37 Prozent. Wichtigste Stressursachen sind Schule, Studium und (Lehr-) Beruf: In diesen Bereichen fühlen sich 60 Prozent der Jugendlichen häufig bis sehr häufig gestresst und überfordert. Die viel diskutierte «Terminfreizeit» scheint dagegen kein Thema zu sein: Sport und Hobbys setzen Jugendliche kaum unter Druck, das gilt auch für den Umgang mit sozialen Medien.
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Es scheinen weder Eltern, Lehrer noch Berufsbildner zu sein, die den Nachwuchs mit ihren Ansprüchen überfordern. In der Juvenir- Studie gaben 80 Prozent der Gestressten an, nicht andere, sondern sie selbst setzten sich unter Druck. Als Grund dafür führen Forscher die starke Leistungsorientierung und die Zukunftsangst vieler Jugendlichen an; Eigenschaften, die bereits in vorhergehenden Umfragen festgestellt worden seien. Bezeichnenderweise hätten 80 Prozent der Jugendlichen, die sich gestresst fühlten, auch Angst um ihre berufliche Zukunft. Alain Di Gallo, Leiter der Kinder und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel, kennt das Phänomen. «Unser Bildungssystem ist durchlässiger geworden», sagt er, «das ist eine grosse Errungenschaft, die nicht nur Chancen bietet, sondern auch Druck erzeugen kann. Man kann immer noch eine Stufe höher steigen, sich noch besser qualifizieren. Als Kehrseite drohen der Fall, Gefühle von Ungenügen und nagende Selbstzweifel. » 

Burnout bei Kindern?

Es kommt so gut wie nicht mehr vor, dass Eltern mich fragen, was sie tun sollen, damit ihr Kind die Schule endlich ernst nimmt», sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Schulte-Markwort. «Früher hatten Eltern oft Sorge, dass aus ihrem Kind nichts wird. Heute wollen sie wissen, wie ihre Kinder weniger angestrengt leben und lernen können.» Schulte-Markwort ist ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf und der Kinder- und Jugendpsychosomatik am Altonaer Kinderkrankenhaus. 2016 hat er ein viel beachtetes Buch veröffentlicht. Es heisst «Burnout- Kids. Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert». Der effekthascherische Titel passt nicht zu den leisen Tönen, die der 60-Jährige im Gespräch anschlägt. 
Sport und Hobbys setzen Jugendliche kaum unter Druck. Das gilt auch für den Umgang mit sozialen Medien.
«Ich mag es nicht, wenn man übertreibt », sagt er. «Es gehört zu meinen Aufgaben, Kinder zu verstehen, nicht, sie krank zu reden.» Schulte-Markwort betont, dass psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen 30 Jahren nicht zugenommen hätten – mit einer Ausnahme, wie er vermutet. «Ich begegne Jugendlichen, meistens Mädchen, die sich als traurig, antriebslos, weinerlich und niedergeschlagen beschreiben. Sie haben Schlafstörungen und zeigen das Vollbild einer Depression, passen bei genauerer Diagnostik aber nicht in die gängigen Kategorien.» Burnout bei Kindern? «Die Diagnose kam mir zunächst nicht in den Sinn, weil ich davon ausgegangen war, dass sie im Kindesalter nicht vorkommt, ähnlich wie Demenz», sagt Schulte-Markwort. «Erst dachte ich, ich hätte es mit besonders empfindlichen Jugendlichen zu tun. Je mehr es wurden, desto klarer wurde mir aber, dass sich ein Krankheitsbild aus der Erwachsenenwelt zu den Kindern verschiebt: die Erschöpfungsdepression. » Schulte-Markwort verwendet lieber den populären Begriff Burnout, um Missverständnissen vorzubeugen. «Die Ursachen sind anders als bei einer ‹normalen› Depression», sagt er. «Bei der Erschöpfungsdepression geht es um inneren und verinnerlichten Leistungsanspruch. Hier folgt die Depression aus der Erschöpfung und nicht umgekehrt.» 

Widersprüchliche Botschaften

Seine jungen Patienten seien gekennzeichnet vom Bemühen, «gute» Kinder zu sein, sagt Schulte-Markwort: «Da haben unglaubliche Selbstdisziplinierungsprozesse stattgefunden.» Kinder von heute wollten, ohne dass sie jemand dazu antreibe, erfolgreich zu sein, «oder eher: perfekt». Weil sie es nicht anders kennen, ist der Psychiater überzeugt: «Wir leben in einer durchökonomisierten Gesellschaft, die mit hoher Taktung diejenigen ausspuckt, die nicht mithalten können. Wer nichts leistet, hat verloren. Das lernen Kinder heute von klein auf.» Auch die Familie sei eingebunden in das Erfolgsprinzip, das keine Versager zulasse. Oft seien Kinder widersprüchlichen Botschaften ausgesetzt. «Hauptsache, du bist glücklich », heisse es, oder «Schulnoten sind nicht alles». Nicht selten kämen die gut gemeinten Beruhigungsversuche von Eltern, die selber ein hohes Tempo an den Tag legten, sich über «faule»Arbeitslose beschwerten, unter Zeitmangel litten. «Wir leben Kindern vor, dass Erfolg meist eine zweifelhafte Work-Life-Balance nach sich zieht», sagt Schulte-Markwort. «Väter werden zu Wochenend- Papas, und Mütter haben kaum noch Zeit für sich selbst. Kinder haben ein feines Gespür für Werte und dafür, was uns diese tatsächlich wert sind.»

Eltern die Schuld zu geben, greift für den Jugendpsychiater zu kurz. Schulte-Markwort verweist auf ökonomische Zwänge, beispielsweise den Wandel von der Gross- hin zur Kleinfamilie, die Ratlosigkeit erzeuge, weil Mütter und Väter alles allein stemmen müssten. Der Psychiater führt aussterbende soziale Normen und Traditionen an, die zwar nicht über alle Zweifel erhaben gewesen seien, aber einem zumindest Orientierung gegeben hätten. «Früher gab es etwa noch die Sicherheit, dass man ein Leben lang bei seinem Arbeitgeber bleibt», sagt er. «Heute haben wir Zeitarbeitsverträge, sprechen von der Generation Praktikum. Kann sich so innere Stabilität entwickeln?»

1 Kommentar

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Von Alexandra am 08.02.2017 22:00

Interessant wäre zu erfahren, wie es Kindern in alternativen Schulen geht, Montessori, Rudolf Steiner, andere Privatschulen. Es wird Zeit über den Staatsschultellerrand zu blicken, was es denn sonst noch so gibt. Und da gibt es so einiges, das kindgerechter ist. Was nützen gute Leistungen, wenn man psychisch krank ist?

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