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Psychologie

«Wir idealisieren die Vergangenheit»

Die Klage über Leistungsdruck ist fast so alt wie die Menschheit selbst, sagt Martin Dornes. Der Entwicklungspsychologe über Schulreformen, Förderwahn und warum Kinder und Eltern heute nicht mehr Stress haben als früher. 
Interview: Virginia Nolan


Herr Dornes, Sie bestreiten, dass Kinder und Eltern unter Druck stehen. Warum?

Leistungsdruck wird seit Jahrzehnten immer wieder vorgebracht und als Grund sowohl für Unzufriedenheit in der Schule und im Studium angeführt als auch für die angebliche Zunahme seelischer Erkrankungen, zunehmende Jugendgewalt, Alkoholkonsum, Computersucht und so weiter. Offenkundig handelt es sich dabei um einen Universalschlüssel, der beliebig einsetzbar ist.

Was macht Sie da so sicher?

Wir hatten es bereits früher mit angeblich zunehmend erschöpften Kindern und Erwachsenen zu tun. Die dokumentierte Verbreitung der vegetativen Dystonie, später auch Stresssyndrom genannt, betrug Anfang der 1960er-Jahre 30 bis 50 Prozent, was alle heutigen Burnout- Ziffern in den Schatten stellt. Als Ursache galt, wie übrigens schon 1890 für die später als Erschöpfungsdepression umschriebene Neurasthenie, die «Hochtourenzivilisation» mit ihren vielfältigen Anforderungen in Arbeit und Freizeit. Eine Hamburger Studie von 1958 ergab, dass 61 Prozent aller 10- bis 11-Jährigen mindestens ein psychopathologisches Symptom wie Kopfschmerzen, Einschlafstörungen, Übelkeit oder Zähneknirschen aufwiesen. Die Zeitdiagnose lautete: wachsender Verkehr und Strassenlärm, vom Wiederaufbau erschöpfte Mütter und «neue» Medien – damals amerikanische Comic-Hefte. An unseren Schulen orteten Soziologen bereits 1978 «extremen Leistungsdruck». Gerade was die Schule betrifft, gibt es aber Anhaltspunkte dafür, dass die Leistungsanforderungen nicht gestiegen sind.
«Die Anforderungen an schulische Leistungen sind nicht gewachsen», sagt Martin Dornes,  deutscher Soziologe und Psychotherapeut. 
«Die Anforderungen an schulische Leistungen sind nicht gewachsen», sagt Martin Dornes,  deutscher Soziologe und Psychotherapeut. 

Zum Beispiel?

Wenn in Deutschland heute 50 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen – zu meiner Zeit waren es 10 Prozent – und die durchschnittliche Abschlussnote in den letzten 15 Jahren mit jedem Jahrgang besser geworden ist, liegt der Gedanke an gelockerte Leistungsanforderungen nahe. Denkbar ist auch, dass heute zu viele Kinder das Gymnasium besuchen, die dafür nicht die notwendigen Voraussetzungen mitbringen und sich deshalb überfordert fühlen.
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Der Stress beginnt nicht erst im Gymnasium. Experten wie der Kinderarzt Herbert Renz-Polster monieren, dass schon die Primarschule vom Lernort zum Arbeitsmarktzulieferer verkomme.

Das halte ich für eine typische Nostalgiethese. Sie impliziert, dass die Schule früher ein Lernort war und es heute nicht mehr ist. Wann hat die Schule denn diesen Glorienschein des Lernorts verloren? Dass wirtschaftliche und wettbewerbsorientierte Interessen die Schullandschaft dominieren, ist eine der vielen Halbwahrheiten, die über die Schule zirkulieren. Die meisten Schulreformen der letzten 40 Jahre sind nicht von der Wirtschaft gefordert, sondern von Politikern implementiert worden – und zwar meist unter dem Vorzeichen der Emanzipation, des Nachteilsausgleichs, der Förderung Benachteiligter, der Inklusion. Richtig ist, dass die Bedeutung qualifizierter Schulabschlüsse zugenommen hat und das Anliegen der Eltern, ihr Kind solle Abitur beziehungsweise die Matura machen

Was mitunter im viel diskutierten Förderwahn gipfelt.

Die Verschulung der Kindheit durch übertriebene Förderung wird seit mindestens 35 Jahren diskutiert. Schon 1981 schrieb der US-Psychologe David Elkind ein Buch, das sich
damit befasste und die These «college starts at two» aufstellte. Dafür wurden Einzelbeispiele wie Fremdsprachenunterricht ab zwei als Beleg angeführt. Die gibt es immer. Die Pädagogin, Dokumentarfilmerin und Sachbuchautorin Donata Elschenbroich dagegen hat Dutzende von Frühförderungseinrichtungen und Kitas besucht. Ihr Resümee lautet: «Unseren Kindern, egal aus welchen Elternhäusern, wird heute so achtungsvoll begegnet wie in keiner Generation zuvor.» 
«Was früher die Gesellschaft vorgab, dürfen oder müssen wir nun selbst herausfinden.»

Warum reden wir nicht darüber?

Sagen Sie es uns. Fragt man Erwachsene nach dem Zustand der Jugend, so hört man seit je überwiegend pessimistische Antworten. Befragt man sie hingegen danach, wie es ihren Kindern oder denen ihrer Bekannten geht, ist es umgekehrt. Aus Umfragen und Studien wissen wir auch, dass die Lebenszufriedenheit von Kindern im deutschen Sprachraum sehr gross ist. Die Jugendforscher Hurrelmann und Albrecht etwa konstatieren in ihrer einschlägigen Arbeit von 2016: «Mit Stress können die meisten beeindruckend gut umgehen, auch wenn sie gerne jammern.»

1 Kommentar

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Von Olivia am 29.04.2018 11:26

Die Wahrheit ist doch, dass das Kinderkriegen verkitscht und durch eine rosarote Brille gesehen wird. Jegliche Kritik am Mutterbild wird vor allem von Übermüttern disqualifiziert. Irgendwie muss man ja sein ansonsten sinnfreies Dasein bestätigt sehen. In anderen Ländern kriegt man zur Geburt eine Beileidskarte, weil nun das schöne Leben definitiv vorbei ist für 20 Jahre. Da darf man seine eigenen Kinder auch mal ganz offen blöd finden. Wenn alle sich einig sind, dass Kleinkinder oft kleine Monster sind und eine Frau nicht nur als Mutter einen Wert hat, ist schon viel gewonnen. In der kleinbürgerlichen Schweiz, wo die Mütter den Status von Ammenkühen haben, ist das aber nicht so.

Für mich zB ist mein Beruf und meine Patienten das Wichtigste, mein Sohn ist auch wichtig. Aber mit ihm zu spielen ist nicht so wichtig wie ein Menschenleben zu retten. Das sorgt hierzulande für einen Skandal, in Asien, Frankreich oder Skandinavien ist das aber ganz gut so und der richtige Entscheid.

Den hiesigen Kleingeistern geht das halt nicht in den Kopf und diese jammern sich dann eins ab, weil sie halt doch mehr Bedürfnisse haben als eine Ammenkuh. Aber das Kind 4 Tage in die Kita zu geben sägt dann am Eigenwert, weil man ja sonst nichts kann.

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