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Mediennutzung

Cybermobbing – was können Eltern machen?

Cybermobbing ist zermürbend. Betroffene Kinder wissen nie, wer beteiligt ist und wann die nächste Attacke folgt. Der erste Impuls ist oft, online zurückzuschimpfen. Doch es gibt nachhaltigere Lösungen.
Text: Martina Proprenter

Wo hört der Spass auf?

Eigentlich mobben wir gar nicht», waren sich meine Nachhilfeschüler in unserer letzten Deutschstunde einig. Dann schob ein 14-Jähriger hinterher: «Wenn einer aus Zürich kommt, dann muss man einfach beleidigen.» Mobbing sei das ja nicht, denn oft kenne er die Person ja nur aus dem Internet. Anders bei Freunden und Mitschülern: «Da schreibt man halt unter ein Profilfoto: ‹Boah, bist du hässlich, aber ist nur Spass›.»

Die Grenzen zwischen Spass und Beleidigung sind allerdings fliessend. In der Medienkompetenz-Broschüre des Programms «Jugend und Medien» heisst es: «Cybermobbing beginnt dort, wo sich ein Individuum bedrängt, belästigt und beleidigt fühlt.»

Wie viele Cybermobbing-Opfer gibt es?

«Jeder Zweite leidet unter Cybermobbing», schrieb die NZZ 2015 und berief sich auf eine Studie der ETH Zürich, welche die Gewalterfahrung Jugendlicher im Kanton von 1999 bis 2014 untersuchte. In der nationalen JAMES-Studie 2016 sagte hingegen nur etwa ein Fünftel der Jugendlichen, es sei schon einmal vorgekommen, dass jemand sie im Internet fertigmachen wollte. Auf die etwas spezifischere Frage, ob schon einmal Falsches oder Beleidigendes über sie im Internet verbreitet wurde, antworten nur noch 12 Prozent mit Ja. «Cybermobbing wird sehr unterschiedlich definiert», erklärt Isabel Willemse, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), die unterschiedlichen Ergebnisse.

Von einer noch geringeren Anzahl Betroffener geht Sharmina Egger, Mediensprecherin des Vereins zischtig, aus: «Genau genommen sind etwa zwei Prozent der Kinder von Cybermobbing betroffen, sechs Prozent erfahren ein traditionelles Mobbing.» Der Verein hat 2014 mit 500 Primarschulklassen zum Thema Cybermobbing gearbeitet. Sharmina Egger glaubt, der Eindruck, dass es viel mehr Opfer gebe, entstünde vor allem durch die Medien. Seien es früher Dienste wie MSN, ICQ und Facebook gewesen, über die Mitschüler gemobbt wurden, so würden heute Instagram, Snapchat und WhatsApp genutzt, so die Einschätzung von Egger.

Wie kann Cybermobbing verhindert werden?

Und das Mobbing ist oft gleichermassen gemein und kreativ: Mal werden Fake-Profile der Mitschüler erstellt oder Hater-Kommentare geschrieben, um eine Person blosszustellen. Mal machen Fotocollagen im Gruppenchat die Runde. Dank Apps und Bildbearbeitungsprogrammen ist es einfach, die Köpfe von Mitschülerinnen und Mitschülern auf fremde Körper zu platzieren, die nackt sind oder wild feiern.

So sehr sich die Studien zum Thema Cybermobbing unterscheiden, so sehr herrscht Einigkeit bei der Prävention: Bildung schützt. Chantal Billaud von der Schweizerischen Kriminalprävention sagt: «Je tiefer die Schulstufe, desto eher wird gemobbt.»

Auf Bildung zur Prävention setzt auch Christian Neff, Schulleiter Schulkreis Goldau. Seit 2009 dürfen seine Klassen in der sogenannten «Projektschule» Smartphones und Tablets im Unterricht nutzen. In den vergangenen zwei Jahren wurden zwei Cybermobbing-Fälle an der Schule bekannt – und zwar in den Klassen, die nicht am Projekt teilnahmen.

Beide Fälle wurden mit Hilfe der Schüler aus den Projektklassen sehr früh entdeckt und den Lehrern gemeldet. «Die Schüler sind für die Thematik sensibilisiert», sagt Neff nicht ohne Stolz. Zudem sei die Hemmschwelle gesunken, sich bei medialen Themen an die Lehrpersonen zu wenden.

Präventionsprogramme haben auch die Kantonspolizeien. Katja Arnold, Gruppenchefin der Jugend- und Präventionspolizei des Kantons Basel-Stadt, besucht Klassen der fünften Primarstufe. «Wir stellen klar eine Tendenz zum Mobbing über die neuen Medien fest», sagt sie. Dabei habe die Anzahl der schweigenden Zuschauer zugenommen und auch die Geschwindigkeit, mit der sich die Inhalte verbreiten. Fast alle Kinder ab zwölf Jahren seien in irgendeiner Form über eine soziale Plattform vernetzt – das mache die Reichweite für Cybermobbing enorm gross.

Präventionsprogramme kämen dabei nicht nur den Opfern zugute. Auch die Täter und besonders die Mitläufer und Zuschauer lernten, dass systematisches Mobbing gegen das Gesetz verstösst. «Oft reicht es, wenn wir Tätern und Mitläufern aufzeigen, was ihre Rollen sind und was sie damit auslösen», so Arnolds Erfahrung. Eine Strafanzeige müsse nicht unbedingt erfolgen.

Was können Eltern tun?

Die Frage, ob und wann Erwachsene bei Verdacht auf Cybermobbing eingreifen sollten, ist schwierig zu beantworten. Denn im Schulalltag und in der Jugend geht es um Hierarchieklärung, Selbstinszenierung und auch Identitätsfindung. Kommentare wie «Boah, bist du hässlich» seien Klassiker für diese Findungsphase der Jugendlichen, sagt Sharmina Egger vom zischtig-Verein: «Solche Äusserungen gehören mit dazu.» Eltern sollten aber genau hinhören, falls eine Person aus dem Umfeld der Kinder gezielt fertiggemacht wird.

Dem Mobber online zu antworten, ist eine schlechte Idee.
Betroffene sollten lieber Hilfe holen – bei den Eltern oder einer erwachsenen Vertrauensperson, so der Ratschlag von «Jugend und Medien», dem nationalen Programm zur Förderung von Medienkompetenz. Der Verein zischtig rät Eltern zudem, das Thema immer wieder aufzunehmen, gemeinsam peinliche Bilder zu diskutieren und zu überlegen, was passiert, wenn hinter dem eigenen Rücken über einen gelästert wird.

Als Sofortmassnahme können Mobber gesperrt und dem sozialen Netzwerk gemeldet werden. Das geschriebene Wort oder Screenshots dienen der Polizei als Beweis, wenn man Anzeige erstatten möchte.
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Bild: Fotolia

Warum Cybermobbing noch fieser ist als Mobbing

Mobbing, vom englischen «to mob», meint: jemanden anpöbeln oder schikanieren – und zwar über einen längeren Zeitraum hinweg und mit Schädigungsabsicht. Beim Cybermobbing lässt die vermeintliche Anonymität in sozialen Netzwerken die Hemmschwelle sinken. Ausserdem haben Cybermobbing-Opfer keine Rückzugsorte, an denen sie vor den Beleidigungen geschützt sind. Durch das Internet kann Mobbing immer und überall stattfinden. Von mehreren Menschen terrorisiert zu werden und nicht zu wissen, wer beteiligt ist und wer nur zuschaut, ist eine besonders grosse Belastung.

Fritz+Fränzi sucht Cybermobbing-Opfer und ihre Eltern

...die uns ihre Geschichte erzählen möchten. Wie hat alles angefangen? Was haben Sie getan, um das Mobbing zu stoppen? Wo haben Sie Unterstützung gefunden?

Wir würden Ihre Geschichte gerne anderen Eltern erzählen, damit Sie wissen, wie Cybermobbing entsteht und was sie tun können. Selbstverständlich können wir Namen und Orte dabei so verändern, dass Opfer und Täter anonym bleiben. Schreiben Sie uns an redaktion@fritzundfraenzi.ch!


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Martina Proprenter 
ist Medien- und Geschlechterwissenschaftlerin und beschäftigt sich mit Cybermobbing besonders im Zusammenhang mit ihren Nachhilfeschülern. Sie glaubt, dass sich die Mobbing-Sprüche kaum geändert haben, die Angriffe mit den neuen medialen Möglichkeiten aber perfider sind.


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