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Psychologie

«Sie war gekränkt, dass ich mit ihrem Ex zusammenkam»

Die 19-jährige Chiara aus Lausanne* erzählt von der schlimmsten Zeit ihres Lebens: Vor zwei Jahren wurde sie von ihrer damals besten Freundin online gemobbt – aus Eifersucht. 
Aufgezeichnet von: Irena Ristic
«Der Start an der neuen Schule war gar nicht so schlimm, wie befürchtet. Meine Familie war erst vor Kurzem nach Lausanne gezogen, wo mein Vater einen neuen Job antrat. Die neuen Schulkollegen nahmen mich total nett auf. Denise* wurde ziemlich schnell meine neue beste Freundin, sie war so cool und lustig. Ihr Vater kommt aus Zürich. Schweizerdeutsch wurde schnell unsere kleine Geheimsprache, die uns noch enger zusammenschweisste. Alles lief super. Der grosse Knall passierte, als ich mit ihrem Exfreund zusammenkam. Er trainierte im gleichen Basketballklub wie ich. Heute denke ich, dass es ein Fehler war, ihr nicht gleich davon zu erzählen. Aber ich fand es ja selbst ein bisschen komisch, dass er vorher mit Denise zusammen war. Auch wenn es schon über ein Jahr her war. Ich behielt also alles erst mal für mich. Doch jemand hatte uns offenbar gesehen und erzählte es Denise. Sie stellte mich sofort zur Rede – es endete in einem Megastreit. Ab dann herrschte Funkstille. 

Irgendwie dachte ich ja: Ich bin schuld 

Auch die Stimmung in der Klasse veränderte sich. Die Mitschüler ignorierten mich plötzlich. Egal, was ich fragte, keine Antwort. Dafür lachten und tuschelten sie, wenn sie mich sahen. Zuerst dachte ich, das geht vorbei. Meine Mutter bemerkte, dass ich mich zurückzog, und sprach mich darauf an. Doch ich schwieg. Irgendwie war ich ja, so dachte ich, auch schuld an der Situation. Mein Freund hielt zum Glück zu mir. Durch ein Mädchen aus der Parallelklasse erfuhr ich, was seit einigen Wochen hinter meinem Rücken ablief: Denise hatte eine WhatsApp- Gruppe gegründet, zusammen mit anderen Schülerinnen aus der Klasse. Sie hiess «Fick-Schlampe Chiara». 
«'Fotze' und 'Nutte' gehörten noch zu den harmloseren Dingen, die sie über mich schrieben».
Sie setzte das Gerücht in die Welt, ich hätte gewusst, dass sie noch in ihren Ex verliebt gewesen sei, und ihn ihr darum absichtlich weggeschnappt hätte. «Fotze» und «Nutte» gehörten noch zu den harmloseren Dingen, die sie über mich schrieben. Meine «Freundin» behauptete zudem, ich hätte auch mit anderen Jungs aus dem Basketballklub Sex gehabt – auch «von hinten». 

«Als Pornobilder auftauchten, brach ich zusammen» 

Als auf Facebook Pornobilder auftauchten mit Sexszenen, auf denen ein Frauenkörper zu sehen war, auf den mein Kopf montiert war, brach ich zusammen. Ich konnte nicht mehr aufhören, zu weinen. Das war alles so ekelhaft. Meine Gefühle und Gedanken waren ein Riesenchaos. Ich war wütend und verzweifelt. Und langsam begann ich selbst zu denken, dass ich eine «Schlampe» sei. Meine Eltern reagierten geschockt, als ich ihnen endlich berichtete, was los war. Sie schalteten sofort die Schulleitung ein. Es kam zu einer Klassenaussprache im Beisein einer Schulpsychologin. Danach wurde es ein bisschen ruhiger, die Online-Hetze hörte zum Glück auf. Doch ich blieb die Aussenseiterin. Es wurde erst besser, als ich ein paar Wochen später auf eine Privatschule wechseln konnte. Das alles ist jetzt über zwei Jahre her. Mit Denise habe ich nie mehr gesprochen. Das einzige Gute aus dieser Zeit: Mein Freund und ich sind immer noch zusammen.»

* Namen und Orte wurden von der Redaktion abgeändert
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  • Rund um die Uhr und die ganze Welt schaut zu: Cybermobbing ist für Kinder und Jugendliche besonders traumatisch – Psychoterror, der junge Menschen in den Suizid treiben kann. 

  • Warum wird Cybermobbing unter Jugendlichen so schnell zu Psychoterror? Sozialpsychologin und Cybermobbing-Expertin Catarina Katzer kennt die Mechanismen. 

Beide Beiträge können Sie in der soeben erschienenen Mai-Ausgabe des ElternMagazins Fritz+Fränzi lesen. Jetzt am Kiosk oder online. 

1 Kommentar

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Von Uschi am 11.05.2017 12:58

Gut, dass "Fritz und Fränzi" das Thema Cybermobbing thematisiert, weil Cybermobbing immer noch ein Randthema ist und sehr viele, vorallem auch Eltern sich der Tragweite nicht bewusst sind, solange es nicht das eigene Kind betrifft. Das sogenannte "Gartenhägli" Denken findet auch hier statt. Ich unterrichte selber "Mediensensibilisierungstage" an Oberstufenschüler und Schülerinnen und kann dabei immer wieder feststellen, dass Cybermobbing von den Jugendlichen selbst, auch heruntergespielt wird mit Ausdrücken wie: "die sollen sich halt wehren......." Also "dranne blybe" ist wichtig. Steter Tropfen hölt den Stein.

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