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Mediennutzung

Warum ist das Internet so gemein?

Wer durch das Netz surft und sich die Kommentare unter Nachrichtenseiten oder bei Facebook und Co. durchliest, trifft häufig auf Frust, Sarkasmus und sogar Hass. Warum herrscht solch ein rauer Ton in den sozialen Netzwerken? Was gibt es zu beachten?
Text: Stephan Petersen
Zu gross schien die Verzweiflung der Kanadierin Amanda Todd geworden zu sein. Mit nur fünfzehn Jahren nahm sie sich das Leben. Drei Jahre zuvor hatte sie begonnen, im Internet Kontakte zu knüpfen und zu chatten. Ein Chatpartner bat sie, ihm vor der Kamera ihren Busen zu zeigen. In jugendlicher Unbedarftheit tat sie es, der Chatpartner machte Screenshots und begann sie zu erpressen. Als Amanda nicht darauf einging, schickte er die Bilder ihrem Freundes- und Bekanntenkreis. Das Umfeld distanzierte sich von ihr. Es folgte ein Cybermobbing, bis Amanda keinen Ausweg mehr sah.

Schau mir nicht in die Augen, Kleines!

Im Internet herrscht in Foren und Chats oft eine andere Tonart als im realen Leben. Was eine Plattform für demokratische Meinungsäusserung sein könnte, entpuppt sich oft als Brutstätte für hetzende und verleumderische Kommentare. Nachrichtenseiten reagieren darauf, indem sie anonyme Posts unterbinden, die Kommentarfunktion nur zu bestimmten Uhrzeiten zulassen oder für gewisse Artikel komplett sperren. Warum herrscht in Foren und Chats solch ein aggressiver Ton? «Im Internet jemanden anzufeinden, ist einfacher, weil man der Person nicht direkt gegenübersteht, das Internet relativ anonym ist und alles sehr schnell geht», sagt Annina Grob, Bereichsleiterin Politik bei der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV). Wichtige Faktoren der Kommunikation fehlen im Internet oder im Chat über WhatsApp: Gestik, Mimik, Tonfall und vor allem der Augenkontakt. Die israelischen Wissenschaftler Noam Lapidot-Lefler und Azy Barak haben 2012 in einer Studie nachgewiesen, dass fehlender Augenkontakt einen erheblichen Anteil an der Pöbelkultur in der digitalen Kommunikation hat. Dies deckt sich mit den Auswertungen des amerikanischen Psychologen Chris Kleinke, der bereits 1986, also vor der grossen Internetkommunikation, die enorme Bedeutung des Augenkontaktes in der zwischenmenschlichen Kommunikation beschrieb. Was sind das für Menschen, die sich so benehmen? Wie äussern sie sich? Was sind ihre Absichten, wer die Opfer? 
«Trolle niemals füttern» – ohne Aufmerksamkeit verliert er sein Interesse und zieht weiter. Er trollt sich.
Bei Trollen, angelehnt an das nordische Fabelwesen, handelt es sich um Personen, die gezielt provozieren, um sich an den Reaktionen zu erfreuen. Trolle gehen meist subtil vor und greifen nicht immer zu bewussten Beleidigungen. So genügt bei einem emotional aufgeheizten Thema lediglich ein kleiner Spruch durch einen Troll, und endlose Diskussionen werden entfacht. Kanadische Psychologen fanden in einer Studie heraus, dass Trolle oft antisozial sind und mehr negative Eigenschaften aufweisen als andere. Besonders der Hang zum Sadismus ist verbreitet. Der Troll muss also keineswegs die Meinung vertreten, die er kundtut. In einer Studie mit Wikipedia-Trollen wurden diese nach ihren Gründen gefragt, und sie nannten: Langeweile, die Suche nach Aufmerksamkeit, Rache oder auch einfach Spass an den Reaktionen. Auf ausgeglichene, überlegte Kommentare reagiere die Netzwelt nicht so stark wie auf zugespitzte, sagte Torsten Beeck, Leiter der Social-Media-Redaktion von Spiegel Online in einem Interview mit dem «Zeit»-Magazin: «Das ist ein Mechanismus, den man lernt: Wenn ich draufhaue, bekomme ich Beachtung. Und darum geht es.» Also kann man sich entsprechend verhalten: «Trolle niemals füttern» – ohne Aufmerksamkeit verliert er sein Interesse und zieht weiter. Er trollt sich.

Die Ablehnung der anderen 

Wenn Personen andere gezielt wegen Herkunft, Geschlecht und religiöser oder sexueller Orientierung angreifen, spricht man von Hassreden (englisch «hate speech»). «Hassreden können von Beleidigungen über Ausgrenzungen und Benachteiligungen bis zu Hetze und Gewaltaufrufen gehen», erklärt Annina Grob. Sie sind nicht immer leicht zu erkennen, können auf den ersten Blick argumentativ nachvollziehbar und logisch erscheinen. Aber es gibt auch solche, in denen der Hass gegen «andere» deutlich zum Vorschein kommt. Solche Di-skriminierungen rufen zu Intoleranz auf und gefährden das friedliche Zusammenleben. Problematisch ist, dass sich diese Hassreden in den neuen Medien schnell verbreiten und eine hohe Reichweite haben. 
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Eine neue Form des Mobbings 

Wenn dieses gezielte Angreifen über einen längeren Zeitraum erfolgt, kann man von Mobbing sprechen. An Schulen seit je ein trauriges Thema. Kinder, die irgendwie als besonders erscheinen, sei es nun aufgrund charakterlicher oder äusserer Merkmale, werden von einer Gruppe ausgegrenzt. Mit den neuen Kommunikationsformen ist auch eine neue Schikane entstanden. «Die verschiedenen digitalen Angebote wie soziale Netzwerke ermöglichen ein teilweises anonymes Mobben», sagt Isabel Willemse, Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW). 

Zudem geht die Reichweite weit über das Schulhaus hinaus. Beim Cybermobbing werden Opfer gezielt mit den neuen Medien beleidigt, blossgestellt oder bedroht. Etwa über Fake-Profile, indem Täter bei Facebook ein gefälschtes Profil des Opfers anlegen und peinliche Bilder verbreiten. Oder sie verbreiten in einer WhatsApp-Gruppe Gerüchte. Laut JAMES-Studie 2014 der ZHAW haben 22 Prozent der Schweizer Jugendlichen schon erlebt, dass «sie jemand online fertigmachen wollte». Für die Opfer kann diese Art der Ausgrenzung lang anhaltende seelische Folgen haben. Amanda ist ein trauriges Extrembeispiel. Notwendig ist ein verantwortungsvoller Umgang mit den sozialen Netzwerken.

Bild: fotolia.com

Das müssen Sie wissen 


  • Trolle nicht füttern! Besonnen auf Kommentare reagieren und Provokationen ignorieren. 

  • Auf vielen Internetseiten, etwa Facebook oder Twitter, gibt es Meldestellen für inhaltlich bedenkliche Kommentare. Verdächtige Inhalte wie Hassreden können bei der KOBIK, der Schweizer Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, gemeldet werden.

  • Im Fall von Cybermobbing Screenshots machen, personenbezogene Informationen wie (Nick-)Namen notieren. Sind die Beteiligten bekannt, diese auffordern, die Inhalte zu löschen. Sind es Schüler, das Gespräch mit den Eltern und eventuell Lehrpersonen suchen.

  •  Wenn das eigene Kind beteiligt ist: Gespräch suchen und die Situation des Opfers aufzeigen. Eventuell mit den Eltern anderer Täter sprechen und beraten, wie das Mobbing beendet werden kann. Sanktionen wie Surfund Chatpausen können sinnvoll sein.


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