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Psychologie

Leben mit ADHS

Teil 1 ADHS-Serie: Kinder, die unter ADHS leiden, gelten oft als Störenfriede, Zappelphilippe oder Träumer – so wie Michael, 16, und Laura, 13. Dabei erlebt ihre 18-jährige Schwester Monia sie ganz anders.*
Michael hat in der 1. Klasse die Diagnose ADHS erhalten. Fünf Jahre lang nahm er Ritalin ein. Auf eine Therapie wurde verzichtet, da er abgesehen von schulischen Problemen nicht weiter auffällig war. Ab der 6. Klasse verweigerte Michael sowohl medikamentöse als auch psychologische Unterstützung. Er ist mittlerweile in der 8. Förderklasse (Kleinklasse) und wird diesen Herbst in eine Privatschule wechseln, um doch noch einen Schulabschluss zu erreichen.

«Ich fühle mich als total normaler Junge. Ich habe einen grossen Kollegenkreis, aber leider sind alle mit Schule, Hausaufgaben oder in Vereinen beschäftigt. Darum kann ich mich nur selten mit ihnen treffen. Ich habe zwei Nachmittage frei, an denen meine Kollegen in die Schule müssen. Diese Nachmittage verbringe ich meistens mit Onlinegamen. Am liebsten spiele ich im Team mit meinen Online-Freunden beispielsweise Battlefield oder auch GTA 5. Auch online habe ich mittlerweile einen grossen Freundeskreis. Ansonsten gehe ich gern schwimmen, fahre mit dem Fahrrad zu Freunden und spiele mit ihnen Fussball. Die Schule ist sehr anstrengend und frustrierend. Mir war es aber wichtig, dass ich mit meinen Kollegen aus dem Quartier in die Schule gehen konnte. Ich habe Mühe, bei den gestellten Aufgaben zu bleiben. 
«Es geht mir gut. Warum soll ich zu einem Psychologen gehen?»
In der Hauswirtschaft müssen wir zum Beispiel Küchengeräte oder Material teilen. Wenn ich also aufgrund meiner Aufgabe zu einem Kollegen muss, um mir das Material oder Gerät abzuholen, und wieder an den Arbeitsplatz zurückkehre, weiss ich nicht mehr, wo ich in meiner Aufgabe gerade stand. Die Lehrerin war schon öfters ziemlich verzweifelt.
Sehr viel Spass macht mir Naturlehre. In diesem Fach durfte ich ein halbes Jahr lang in die progymnasiale Klasse. Ich verstehe alles, kann es aber anschliessend nicht aufs Papier bringen. Meine Eltern wollten mich in der 5. Klasse in eine Privatschule schicken.
Das wollte ich nicht. Die Förderklasse ist aber nichts für mich. Da sind die Schulkollegen langsam und unkonzentriert wie ich. Mein Ziel war es, aufzusteigen und den Realabschluss zu machen. Das klappt aber in dieser Klasse nicht. Ab dem Herbst gehe ich nun doch in eine Privatschule. Dort sind ebenfalls viele Hyperaktive wie ich, aber es herrscht eine ganz andere Stimmung.

Morgens komme ich schlecht aus dem Bett, weil ich abends nicht einschlafen kann, und bin deshalb öfters zu spät in der Schule. Mittlerweile kann ich die verlorene Zeit aufholen, indem ich mit dem Velo zur Schule fahre. Meine Lehrer und meine Mutter sprechen immer wieder davon, dass ich Medikamente ausprobieren oder zu einem Psychologen gehen soll. Das will ich nicht. Ich habe einige Zeit Medikamente genommen. Sie machten mich ganz langsam, was ich gar nicht mochte, und ich hatte keinen Hunger mehr. Da ich schon immer zu den Kleinsten in der Klasse gehörte, wollte ich das Medi nicht mehr nehmen, um endlich zu wachsen. Da es mir gut geht, sehe ich auch nicht ein, warum ich zum Psychologen gehen soll.»

Bei Laura wurde in der 1. Klasse ADS diagnostiziert. Sie hat während mehrerer Jahre Ritalin genommen, hat sich aber gemeinsam mit ihrem Bruder dazu entschlossen, auf medikamentöse oder psychologische Unterstützung zu verzichten. Heute ist sie in der 7. Realschulklasse, hat gute Noten und träumt davon, die Sekundarschule zu besuchen.

«In der Schule werde ich oft von den einfachsten Sachen abgelenkt, zum Beispiel von dem, was draussen vor dem Fenster passiert oder was die Mitschüler machen, was sie schauen, was sie schreiben. Bei Prüfungen konzentriere ich mich nicht auf das Wesentliche, also darauf, die Prüfung zu schreiben, sondern darauf, was um mich herum passiert. So vergesse ich oft die Zeit – und schon muss ich die Prüfung abgeben. Das passiert mir aber nicht nur in der Schule, sondern auch mit meinen Freundinnen. 
«Bei Prüfungen konzentriere ich mich nicht auf das Wesentliche.»
Wir machen oft ab, nach der Schule an bestimmten Orten aufeinander zu warten. Doch das vergesse ich oft, dann versuche ich es mit ihnen zu klären. Manchmal verspreche ich ihnen auch, dass ich ihnen etwas kopiere. Doch auch dieser «Denkzettel» wird oft schnell aus meinem Kopf geschafft. Erst wenn es zu spät ist, merke ich das. In der Freizeit, mit meinen Freundinnen, passiert es manchmal, dass ich plötzlich einen «Energieschock» bekomme und aufstehe oder aufspringe. Ich hoffe dann, dass ich eine positive Reaktion meiner Freundinnen erhalte. Meistens reagieren sie freundlich und bitten mich, damit aufzuhören. Manchmal treibe ich es auf die Spitze und dann kriege ich Ärger. Zum Teil beabsichtige ich dieses Verhalten gar nicht, ich will keine Reaktion oder Antwort von ihnen. Dann fühle ich mich so, als ob die anderen nichts machen und als ob sie nur rumstehen. Ich habe darum immer wieder Streit mit meinen Freundinnen.

Wenn wir in der Familie am Tisch sitzen und reden oder essen, fällt es mir schwer, einfach dazuhocken und nichts zu machen, den anderen zuzuhören. Doch ich konnte diese Schwäche besiegen und erreiche immer öfter, dass ich die Ruhe am Tisch, aber auch bei Freundinnen oder in der Schule bewahre. Am Anfang der 1. Klasse bis zur 4. Klasse habe ich Medikamente eingenommen, doch sie wirkten nicht immer für alles. Meine Wutausbrüche brachten mir manchen peinlichen Moment mit meinen Freundinnen ein. So hatte ich zum Beispiel an meiner Geburtstagsfeier so einen heftigen Wutausbruch und ich schrie ganz fürchterlich herum, so dass wir mit dem Spielen aufhören mussten. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen und zu schreien, obwohl meine Mutter versuchte, mich zu beruhigen. Diese Wutausbrüche hatte ich noch lange Zeit. Ich konnte mich weder selbst beruhigen, noch von anderen trösten lassen. Die Freundinnen wollten dann in den folgenden Jahren kaum noch zu mir kommen. Ich fand nicht, dass das Medikament mir bei diesen Gefühlsausbrüchen helfen konnte. So wollte ich selber lernen, mich zu beherrschen.»
Monia geht in die 3. Klasse des Gymnasiums. Sie wurde nie auf ADHS abgeklärt, da keine schulischen Probleme vorlagen.

«Wie ich meine Geschwister wahrnehme? Nervig, laut, frech, unordentlich. Aber auch als liebenswürdige Geschwister, lustig, hart arbeitend und voller Energie. Aber um meine Wahrnehmung von meinem Bruder und meiner Schwester wirklich beschreiben zu können, muss ich wohl differenzieren. Denn beide sind wie Tag und Nacht. Total unterschiedlich – und doch teilen sie gewisse Verhaltensund Charakterzüge.
Als ich kleiner war, habe ich nicht wirklich verstanden, was genau ADHS ist. Ich wusste, dass mein Bruder hyperaktiv ist. Meine Schwester habe ich nicht direkt als hyperaktiv empfunden, sondern eher als «nervig in Schüben». Die ganzen Probleme, die sie in der Schule haben, wurden mir erst mit der Zeit wirklich bewusst. Vorher dachte ich, all das Nicht-still-sitzen-Können und die Probleme mit der Konzentration wären ein Teil ihrer Persönlichkeit und keine «Störung».

Mein Bruder könnte in einem Buch als Beispielfall stehen, in dem man Hyperaktivität nachschlägt. Er sitzt nie lange am Essenstisch, «hibbelt» hin und her, hat manchmal Probleme, sein Mundwerk zu kontrollieren und generell Impulse zu hinterfragen und rechtzeitig zu stoppen. Gerade dieses Mundwerk und seine ungestoppten Impulse führen unter uns Geschwistern nicht selten zu Streitereien und stark belasteten Nerven. Nicht umsonst bekam er in der Pfadi den Spitznamen JoJo. Wie ein solches Spielzeug springt er hin und her. Wenn man ihn nicht mit der richtigen Handbewegung leitet, irrt er überall hin, nur nicht ordentlich, wie man es eigentlich möchte. Meine Schwester hingegen ist schon fast wieder ruhig. Sie «hibbelt» zwar auch manchmal, aber sie kann länger am Tisch sitzen und mit uns reden. Wenn sie ein Ziel vor Augen hat, dann gibt es nichts, das sie stoppen kann. Sei es eisern für etwas zu sparen, für eine Prüfung zu lernen oder etwas für ihre Liebsten zu basteln. Allerdings tagträumt sie gerne mal und braucht mehrere Erinnerungen und Aufforderungen, etwas zu erledigen.
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«Ich dachte, die ganzen Probleme wären ein Teil ihrer Persönlichkeit und keine Störung»

Mein Bruder ist seinen Eltern und der Lehrerschaft gegenüber sehr höflich und sehr loyal. Er hat wenige Hobbys, aber diejenigen, die er hat, verfolgt er mit grösster Leidenschaft und lässt sich durch diese auch hoch motivieren. Gäbe es eine Schule fürs Gaming, er würde mit Top-Noten abschliessen und wirklich dafür lernen. Er ist nämlich nicht blöd oder dumm. Aber ich denke, dass er einfach an den «normalen» Schulfächern nicht interessiert ist. Und warum soll man sich für etwas anstrengen, das man nicht lernen möchte?

Meine Schwester allerdings hat stetig wechselnde Interessen. Ballett, Fussball, Leichtathletik, Basketball, Reiten … Wie die Kleider wechselt sie Interessen. Am Anfang ist sie stets sehr motiviert, doch mit der Zeit verblasst das, und sie hört damit auf. Aber sie ist recht motiviert für die Schule, und auch wenn es Tage gibt, an denen das Lernen zweitrangig ist, strengt sie sich wirklich für die Schule an.

Ich würde sagen, dass ich ein gutes Verhältnis zu meinen Geschwistern habe. Als eine Person, die viel Zeit alleine braucht, erscheinen mir Michael und Laura öfters «überwältigend». Aber ich nehme mir Zeit, wenn sie Probleme haben oder wenn mich das schlechte Gewissen einholt. Ich bin gespannt zu sehen, wie mein Bruder die Kurve in der Schule kriegt und wie meine Schwester sich bei der Qual der Berufswahl entscheiden wird.»

* Monia und Laura schrieben ihre Texte selbstständig. Sie wurden leicht überarbeitet beziehungsweise gekürzt. Michaels Text entstand gestützt auf ein Gespräch. Die Namen wurden abgeändert.

Weiterlesen:

Dies ist Teil 1 einer 10-teiligen Artikel-Serie zum Thema ADHS.

Weiter zu Teil 2 der Serie: Mein Kind hat ADHS

ADHS

Für manche ist es die Modediagnose unserer Zeit, für andere die häufigste psychische Störung im Kindes- und Jugendalter: ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) bzw. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom). Betroffen sind rund 5 bis 6 Prozent aller Kinder. Jungen deutlich öfter als Mädchen. Diagnostiziert wird die Krankheit aber weitaus häufiger.
Diese zehnteilige Serie entsteht in Zusammenarbeit mit dem Institut für Familienforschung und -beratung der Universität Freiburg unter der Leitung von Dr. Sandra Hotz. Die Juristin leitet zusammen mit Amrei Wittwer vom Collegium Helveticum das Projekt «Kinder fördern. Eine interdisziplinäre Studie», an dem auch die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW beteiligt ist. Das Projekt wird von der Mercator Stiftung Schweiz unterstützt.


1 Kommentar

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Von Michael am 26.03.2018 10:59

Super Artikelserie, es geht uns ziemlich gleich mit unseren Kids.

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