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Psychologie

Der Weg zur inneren Stärke

Manche Menschen pustet ein Lüftchen um, andere trotzen Orkanen. «Resilienz» nennt die Wissenschaft jene Widerstandsfähigkeit, die Menschen Krisen meistern und ein gutes Selbstwertgefühl bewahren lässt. Die gute Nachricht: Diese Widerstandsfähigkeit können Kinder lernen. Doch wie geschieht das? Und was können Eltern dafür tun? Eine Annäherung.
Text: Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler
Bilder: Kate Parker
«Hallo Stefanie …» sang mein Grossvater jeweils aus voller Kehle, wenn ich an der Tür klingelte. So fröhlich war er, egal, ob es sich dabei um uns Enkel, den Briefträger oder Kinder aus der Nachbarschaft handelte. Jeder war willkommen und wurde angesteckt von seiner unbändigen Lebensfreude. Als ich ihm erzählte, dass ich in der Schule nun Französisch lerne, antwortete er mir: «Ah, vous parlez français, Mademoiselle!», und sprach fliessend auf mich ein. Es waren meist alltägliche Begebenheiten, die Bruchstücke seiner Lebensgeschichte zutage förderten. Als ich erstaunt nachfragte, woher er Französisch könne, meinte er: «Das ist eine lange Geschichte.» 
Resiliente Kinder und Jugendliche besitzen eine ausgeprägte Selbstwahrnehmung.
Er strich sich über die Glatze mit vereinzelten weissen Haarbüscheln, die hügelig und vernarbt war von den Granatsplittern, die sich nicht entfernen liessen, und erzählte vom Krieg und der Gefangenschaft: den vielen Jahren, die er in Kriegsgefangenenlagern an der italienisch-französischen Grenze verbrachte, den Minenfeldern, die sie räumen mussten, und den jungen Männern in seiner Umgebung, die durch Explosionen zu Tode kamen, erfroren oder verhungerten. Wann immer ich etwas zum Thema Resilienz (siehe Box weiter unten) lese, muss ich an ihn denken. An seine Widerstandsfähigkeit, seinen Optimismus, seine Besonnenheit und seine Fähigkeit, sich über scheinbare Kleinigkeiten zu freuen. Woher nahm er diesen ungebrochenen Lebenswillen und seine Fröhlichkeit?

Dossier Resilienz

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Dieser Artikel gehört unserem Online-Dossier zum Thema Resilienz an. Erfahren Sie mehr darüber, was Ihr Kind stark macht.

Die Entstehung von Gesundheit

Seit dem Zweiten Weltkrieg befassen sich Strömungen der Psychologie mit der Frage, wie wir gesund bleiben, was uns im Umgang mit Belastungen schützt und wie wir Wohlbefinden erlangen. Der Erste, der sich mit der «Entstehung von Gesundheit» auseinandersetzte, war Aaron Antonovsky. Er untersuchte Überlebende des Holocaust und ging der Frage nach, warum es einigen der Menschen, die die Schrecken der Konzentrationslager überlebten, gelang, trotz dieser Erfahrungen ein zufriedenes Leben zu führen. Seine Untersuchung zeigte, dass diese Menschen die Welt als verstehbar und sinnhaft und sich selbst als wirksam wahrnahmen. Einige Jahre später wurden viele seiner Ergebnisse durch einen neuen Forschungszweig bestätigt. 
Die Entwicklungspsychologin Emmy Werner startete 1955 gemeinsam mit ihrer Kollegin Ruth Smith eine bahnbrechende Untersuchung. Sie begleitete den gesamten Geburtsjahrgang 1955 der Insel Kauai, insgesamt 698 Kinder, über mehrere Jahrzehnte hinweg. Dabei stellte sie fest, dass sich rund ein Drittel der Kinder, die unter schwierigsten Bedingungen aufwachsen mussten, trotz aller Widrigkeiten positiv entwickelte. Kinder, die trotz grösster Armut, alkohol- oder drogensüchtiger Eltern oder zerrütteten Familienverhältnissen zu psychisch gesunden Erwachsenen heranwuchsen, bezeichnete sie als resilient. Weitere Forscher schlossen sich dieser Strömung an, führten eine Vielzahl an Studien durch und fanden mehrere Faktoren, die Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene im Umgang mit Belastungen stärken. Während diese Forschungsbereiche der Frage nachgingen, wie wir mit Stress und Belastungen umgehen können, befassen sich die positive Psychologie und die Glücksforschung mit der Frage, wie wir ein gelingendes Leben führen und unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit steigern können.
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