«Unvorstellbar, wie krisenfest Kinder werden können» - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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«Unvorstellbar, wie krisenfest Kinder werden können»

Lesedauer: 7 Minuten

Nach 21 Jahren Beziehung bricht die Ehe von Georges Morand auseinander. Die Scheidung stürzt die Familie in eine schwere Krise. Die Kinder, damals 14, 14, 16 und 19, entscheiden sich, zusammenzubleiben und beim Vater zu wohnen. Im Interview erzählen Vater und Kinder, wie sie damit umgegangen sind.

Georges Morand, wie haben Sie die Trennung von Ihrer damaligen Frau erlebt?

Georges Morand: Die Familie war neben dem Beruf mein grosser Traum. Ich musste Abschied nehmen von diesem Traum und dem, was ich mir für das Aufwachsen meiner Kinder gewünscht hatte. Die ganze Situation konnte ich kaum einordnen. Da war so viel Wut, Trauer, Verzweiflung. Ich war überfordert. Plötzlich musste ich für mich einen Umgang damit finden und mir gleichzeitig überlegen, wie die Kinder das schaffen. Ich musste ja auch 100 Prozent weiterarbeiten und wusste nicht, wie das alles gehen soll.

Sie haben sich viele Sorgen um die Kinder gemacht?

Georges Morand: Ja. Ein zerbrochenes Elternhaus ist immer schwer für Kinder. Ich weiss, dass kein perfektes Lebensumfeld nötig ist, aber ich fand, dass unsere Trennung zu umgehen gewesen wäre.

Für euch kam die Trennung ähnlich überraschend?

Nadine: Ja. Mama und Papa haben sich vor uns nie gestritten. In unserem Umfeld waren sie oft ein Vorbild für andere Paare. Ich war damals 19 und hatte eine sehr enge Beziehung zu meiner Mutter und hätte nie gedacht, dass sie sich einfach so neu verlieben könnte. Ich glaube, deswegen war es besonders tragisch, weil meine Eltern vorher so ein gutes Team waren.

«Papa braucht uns mehr als unsere Kollegen beim Feiern.»

Nicola: Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem wir erfahren haben, dass Mama sich neu verliebt hat. Das war ein riesiger Schock. Nach dem emotionalen Gespräch meinte mein Vater, dass er uns für diesen Tag von der Schule abmelde. Aber ich wollte trotzdem hin, den Alltag normal weitermachen. In der Schule habe ich gemerkt, dass das nicht so einfach ist. Aber wir hatten in den ersten Monaten alle die Hoffnung, dass unsere Eltern wieder zusammenkommen und alles wieder gut wird.
Viola: Als wir aber realisierten, dass wir als gesamte Familie nicht zusammenbleiben können, war es für uns Kinder eine unfassbare Tragödie. Wir haben viel geweint. Ich konnte mir kaum vorstellen, was nun auf uns zukommt, wie sich ein Zuhause ohne unsere Mutter anfühlt und wann wieder Normalität und der «Alltag» einkehren. 

Wie seid ihr damit umgegangen?

Patric: Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fiel in ein Loch, war wütend und konnte es nicht verstehen. Wir verloren einen Teil der Familie, damit konnte ich nicht umgehen.
Nicola: Am Anfang mussten wir alle einfach funktionieren. Wie Papa immer gesagt hat, waren wir jetzt eine WG, und alle mussten mit anpacken. Die Aufgaben im Haushalt wurden aufgeteilt: kochen, Wäsche machen, putzen.
Viola: Mein Zwillingsbruder Nicola und ich haben sicher ein Stück weit auf unsere Pubertät verzichtet. Andere gingen am Wochenende aus, wir wollten lieber daheim wieder Normalität und der «Alltag» einkehren.

Wie seid ihr damit umgegangen?

Patric: Für mich brach eine Welt zusammen. Ich fiel in ein Loch, war wütend und konnte es nicht verstehen. Wir verloren einen Teil der Familie, damit konnte ich nicht umgehen.
Nicola: Am Anfang mussten wir alle einfach funktionieren. Wie Papa immer gesagt hat, waren wir jetzt eine WG, und alle mussten mit anpacken. Die Aufgaben im Haushalt wurden aufgeteilt: kochen, Wäsche machen, putzen.

«Es gibt Menschen, die haben viel Schlimmeres erlebt und haben es auch geschafft.»

Viola: Mein Zwillingsbruder Nicola und ich haben sicher ein Stück weit auf unsere Pubertät verzichtet. Andere gingen am Wochenende aus, wir wollten lieber daheim sein. Wir dachten, Papa brauche uns mehr, als unsere Kollegen uns beim Feiern brauchten. Wir mussten schneller erwachsen und selbständig werden. Schlimm fanden wir das aber nicht.
Georges Morand: Das war wiederum meine Hauptsorge! Dass sie etwas verpassen, weil sie zu viel Verantwortung übernehmen wollen, anstatt einfach jung zu sein und zu pubertieren. Nicola: Wir hatten immer diese Angst: Schafft unser Papa das? Hält er das durch? Da dachten wir, wir müssen ihm möglichst viel abnehmen.

Was hat euch in dieser Krise am meisten geholfen?

Nadine: Gespräche mit Freunden, Ablenkung, Gott und unser Umfeld unterstützten uns. Wir hatten Freunde von meinen Eltern, die sofort eingesprungen sind. Sie haben uns zum Beispiel die Wäsche gemacht und sogar monatlich etwas zur Wohnungsmiete beigesteuert. Dafür sind wir sehr dankbar!
Viola: Unsere Freunde haben sich bewusst darum bemüht, dass wir abgelenkt werden, Schönes erleben und weg von zu Hause kommen. Somit hatte auch unser Vater mal etwas Ruhe und Zeit für sich. Das hat mir viel Kraft gegeben.
Georges Morand: «Ein wichtiger Gedanke, den ich aus der Therapie mitgenommen habe, war: 'Sie sind nicht dafür verantwortlich, Ihre Kinder vor jeglichen Nöten zu schützen.'»
Georges Morand: «Ein wichtiger Gedanke, den ich aus der Therapie mitgenommen habe, war: ‚Sie sind nicht dafür verantwortlich, Ihre Kinder vor jeglichen Nöten zu schützen.’»
Nicola: Für uns war auch die Vereinsmitgliedschaft im Cevi (YMCA) ein wichtiger Teil. Das hat uns ein Fundament gegeben und auch Ablenkung – mit Freunden etwas erleben. Es war wie ein zweites Zuhause.
Viola: Meine älteste Schwester Nadine lernte in dieser Zeit ihren heutigen Mann kennen. Auch er nahm eine wichtige Rolle ein. Er gab anfangs seine Wohnung für unsere Mutter frei, damit sie ausziehen konnte, und zog zu uns. Er wurde schnell zu einem wichtigen Mitglied der Familie.
Nadine: Er ist humorvoll und brachte uns in dieser Zeit viel zum Lachen. Oft hat er einzeln etwas mit uns Geschwistern unternommen. Wir gingen grillieren, Fussball spielen oder setzten uns in den Golf und fuhren durch die Gegend.

Wie war es unter euch Geschwistern?

Viola: Für uns war klar, wir möchten als Geschwister zusammenbleiben und bei Papa wohnen. Wir sind in dieser Zeit zu einer unzertrennlichen Einheit zusammengewachsen. Wir konnten gemeinsam heulen und wütend sein, aber auch lustige Momente erleben. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass es weitergeht und dass wir es schaffen.
Patric: Es ist ein Geschenk, dass wir mit Papa ein Team waren und einander geholfen haben. Es war wichtig, zu wissen, dass wir diesen Zusammenhalt nicht verlieren.
Georges Morand: Die Küche wurde in dieser Zeit sehr viel genutzt, ebenso die Stube. Jeder suchte Nestwärme. Stundenlang haben wir zu Abend gegessen oder am Sonntag gebruncht und geredet. Nicht nur über schwierige Dinge, auch über viel Schönes. Die Einzelzimmer waren in dieser Zeit nicht so beliebt (lacht).
Die Morands (von links):  Nicola, Nadine, Georges (Mitte), Patric und Viola.
Die Morands (von links):  Nicola, Nadine, Georges (Mitte), Patric und Viola.

Georges Morand, Sie waren voll berufstätig, hatten vier Kinder zu versorgen und eine Trennung zu verarbeiten. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?

Georges Morand: Es war schön, dass sich ich die Kinder für mich entschieden hatten, aber auch schön schwer. Ich wusste nicht, wie ich das alles bewältigen sollte. Die Scheidung habe ich als persönliches Scheitern erlebt. Aber wir gaben unser Bestes, und mehr und mehr gelang es uns, wieder Boden zu gewinnen. Nach zehn Monaten – als vieles wieder rund lief – brach ich zusammen, hatte eine Erschöpfung. Zehn Wochen war ich krank geschrieben, mit anschliessender langsamer Aufbauphase. Hilfreich war in dieser Zeit die therapeutische Begleitung, um die Situation aus mehr Distanz zu reflektieren.

Was haben Sie in der Therapie erfahren?

Ein wichtiger Gedanke, den ich aus der Therapie mitgenommen habe, war: «Sie sind nicht dafür verantwortlich, Ihre Kinder vor jeglichen Nöten zu schützen.» Ebenso waren auch einige Männerfreundschaften für mich sehr wichtig. Zudem habe ich viel gelesen. In einem Buch stiess ich auf die Sätz «Sie können an Ihrer Scheidung wachsen» und «Auch Ihre Kinder können an Ihrer Scheidung wachsen». Das hat mir eine neue Sicht eröffnet. Und schliesslich war Tagebuch schreiben enorm hilfreich.

In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einer Art Urvertrauen, das Sie in sich tragen.

Ich meine dieses Gefühl: «Ich weiss momentan zwar nicht, wie es weitergehen soll, aber es geht weiter. Es gibt Menschen, die haben viel Schlimmeres erlebt und haben es auch geschafft.» Woher ich dieses Urvertrauen habe, weiss ich nicht. Von meinen Eltern habe ich das nicht mitbekommen. Aber schon als Kind hatte ich etwas in mir, von dem ich dachte, dass ich mir das nicht nehmen und von niemandem kaputt machen lasse. Es ist eine Art innerer Bunker. Später habe ich bei Anselm Grün gelesen, dass man dies den inneren Raum nennt – die Würde des Menschen.
Georges Morand (Mitte, vorne): «Es war schön, dass die Kinder sich für mich entschieden hatten. Aber auch schön schwer.»
Georges Morand (Mitte, vorne): «Es war schön, dass die Kinder sich für mich entschieden hatten. Aber auch schön schwer.»

Gab es einen speziellen Wendepunkt für euch?

Viola: Ich empfand es als Befreiung, dass mit Papas neuer Partnerin nach Jahren wieder jemand da war, der die engste Bezugsperson in seinem Leben sein konnte. Nicola und ich spürten, dass wir das nun nicht mehr abzudecken brauchten. So war es leichter, wieder loszulassen. Dann konnten wir auch endlich in Ruhe pubertieren (lacht).
Patric: Mir war es sehr wichtig, dass Mama und Papa beide glücklich sind. Ich bin froh, dass es heute wieder jemanden gibt, der in Papas Herzen einen besonderen Platz hat.

Was würdet ihr anderen Familien raten, die in einer Krise stecken?

Patric: Gebt einander Kraft, stützt euch gegenseitig und schaut, dass alle Beteiligten zu Freunden gehen können und auch schöne Dinge erleben können. Das gibt Halt.
Viola: Rückblickend hat es mir sehr geholfen, dass unser Vater authentisch war. Er zeigte offen seine Gefühle, hat auch ab und zu geweint, war wütend und hat uns offen gesagt, was er momentan verträgt und was nicht. So wussten wir immer, woran wir sind. Und er gab zu, wenn er am Ende war und nicht mehr konnte. Dadurch war es auch für mich leichter, zu meinen Gefühlen zu stehen und Schwäche zu zeigen. Gleichzeitig wusste ich, es gibt auch Platz, um Glücksgefühle auszudrücken. 

«Ich weiss momentan zwar nicht, wie es weitergehen soll, aber es geht weiter.» 

Georges Morand: Den Kindern den Rücken zu stärken, dass sie ausdrücken können, was sie möchten und was nicht. Mir war es wichtig, dass wir alle ehrlich zu unseren Gefühlen stehen können.
Viola: Es braucht die Akzeptanz untereinander, dass jeder eine schwierige Lebenssituation anders verarbeitet. Den anderen zugestehen können, dass es beim einen länger dauert, bis er/sie bereit ist für gewisse Schritte, und dass einen gewisse Themen stärker beschäftigen als andere.
Georges Morand: Dieser Respekt für die Gefühle der anderen war immer wichtig für uns. Es geht auch darum, die Jahre davor zu würdigen; zu merken, dass nicht alles kaputt ist, dass so viel Gutes in Kinderherzen haften bleibt und gespeichert ist. Eine Scheidung schafft es nicht, all das zu zerstören. Ich habe anfangs so gefühlt, aber heute weiss ich es besser.

Interviewpartner:

Georges Morand, 57, ist Theologe und Coach.
Nadine, 32, aktuell in Elternzeit und Mutter zweier Kinder.
Patric, 30, wohnt und arbeitet als Gärtner in der Stiftung Brunegg, die Wohn-, Arbeits- und Ausbildungsplätze für Menschen mit einer Behinderung anbietet.
Viola, 26, ist Erzieherin in einer Kindertagesstätte.
Nicola, 26, ist Sozialpädagoge in Ausbildung.

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