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Familienleben

«Als alleinerziehender Vater braucht man eine dicke Haut»

Christoph Adrian Schneider ist Psychologe mit eigener Praxis in Bern und Vorstandsmitglied von männer.ch. Im Interview spricht er darüber, warum Männer im Falle einer Trennung gegenüber Frauen in Fragen der Obhut noch immer das Nachsehen haben, das Wohl des Kindes aber immer im Zentrum stehen sollte. 
Interview: Sandra Casalini

Herr Schneider, war es nie ein Thema, dass Ihre Söhne nach der Trennung hauptsächlich bei Ihnen leben? 

Als unsere Kinder geboren wurden, haben wir bereits beschlossen, dass wir nie um die Sorge streiten werden. Da wir beide sehr gerne Mutter und Vater sind, wir uns die finanzielle Mehrbelastung durch zwei Haushalte leisten können und das Zusammenleben mit unseren Kindern eine sehr hohe Priorität für uns beide hat, stand es immer ausser Frage, dass wir uns Sorge und Obhut zur Hälfte teilen. 

In der Schweiz lebt nach einer Trennung der Eltern immer noch der grösste Teil der Kinder mehrheitlich bei der Mutter. Woran liegt es, dass die Väter so wenig Verantwortung übernehmen? Wollen, können oder dürfen sie nicht? 

In erster Linie liegt es wohl daran, dass die meisten Paare vor der Trennung ein eher klassisches Modell wählten, in dem der Vater mehr arbeitet als die Mutter, und sie dieses danach so beibehalten – nicht zuletzt um die finanzielle Sicherheit zu gewährleisten. Es ist aber sicherlich auch so, dass viele Männer Respekt haben vor dieser Aufgabe und sich überfordert fühlen. Sie konzentrieren sich gern auf die Rolle des Ernährers. Man muss aber auch sagen, dass es einem als Mann nicht gerade schmackhaft gemacht wird, mehr Verantwortung 
für die Kinder übernehmen zu wollen. Man wird bei einer Trennung im besten Fall schräg angeschaut, wenn man sagt, man wolle im Job reduzieren, und im schlechtesten nicht ernst genommen – auch von den Behörden nicht.
«Als unsere Kinder geboren wurden, haben wir bereits beschlossen, dass wir nie um die Sorge streiten werden», sagt der Berner Psychologe Christoph Adrian Schneider.
«Als unsere Kinder geboren wurden, haben wir bereits beschlossen, dass wir nie um die Sorge streiten werden», sagt der Berner Psychologe Christoph Adrian Schneider.

Seit 2014 gilt bei einer Trennung die gemeinsame elterliche Sorge als Regel. Hat sich seither etwas getan für die Väter? 

Im Alltag nicht, nur in den Köpfen der Leute – aber das ist schon mal ein Anfang. 

Aus welchen Gründen bleiben Kinder beim Vater?

Aus denselben, aus denen sie bei der Mutter bleiben. Entscheidend ist meines Erachtens, welcher Elternteil die besten Voraussetzungen für die Sorge und Obhut der Kinder hat. Kinder brauchen Stabilität, Fürsorge und ein sicheres Umfeld. Hat ein Elternteil zum Beispiel eine chronische Krankheit, finanzielle Schwierigkeiten oder ist durch den Job stark absorbiert, kann das schwierig sein in Bezug auf die Kinderbetreuung. 
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Männer müssen offenbar mehr um die Obhut für ihre Kinder kämpfen als Frauen. 

Sofern sich sowohl Mutter als auch Vater damit einverstanden erklären, dass die Obhut beim Vater liegt, ist das kein Problem. Im Streitfall sieht das oft anders aus.
Obhut: «Es sollte unbedingt vermieden werden, dass das Kind unter Druck entscheiden muss».

Wird da auf die Wünsche der Kinder eingegangen? 

Kinder werden so früh wie möglich selbst befragt. Aber schlussendlich entscheidet das Gericht, welche Form der Obhut und Sorge angewendet wird – wobei sicherlich auch das Alter der Kinder eine Rolle spielt. Ältere Kinder können besser ausdrücken, was sie möchten.

Kinder geraten in einen inneren Konflikt, wenn sie sich dazu äussern sollen, bei wem sie leben möchten. Wie soll man sich als Elternteil in einer solchen Situation verhalten?

Das kann zu einer grossen Herausforderung und mitunter auch zu einer Überforderung aller Beteiligten führen. Es sollte unbedingt vermieden werden, dass das Kind unter Druck entscheiden muss. Die Eltern sollten möglichst oft gemeinsam mit dem Kind über die anstehende Veränderung sprechen und wenn nötig mit einer Fachstelle zusammenarbeiten.

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