Herr Born, ist Üben altmodisch?

Ein Gespräch mit dem Lernpädagogen Armin Born über die Kunst des Lernens, warum Kinder auch dann weiter üben sollten, wenn sie etwas längst können und über das Vergessen.
Herr Born, was löst das Wort Üben bei Ihnen aus?
Ah ja, ich will etwas können, also fange ich an zu üben. Üben ist immer sehr eng mit dem Wunsch verbunden, etwas zu können – unabhängig davon, ob es rechnen oder lesen, Gitarre spielen oder eine sportliche Betätigung wie Fussball oder Hochsprung ist.

Ist Üben altmodisch?
Von schulischer Seite wird das Üben häufig zu wenig geschätzt. Einseitig wird vor allem auf das Verstehen, auf die Einsicht und darauf gesetzt, dass das Kind möglichst allein und selbsttätig zu der jeweiligen «Erkenntnis» gelangt. Üben bzw. Pauken gilt dann als altmodisch und fast schon als unpädagogisch. Hier wirken immer noch die alten ideologischen Vorstellungen der Reformpädagogik nach, obwohl sich diese als irrig und als Wunschvorstellung herausgestellt haben. Aktuelle lernpsychologische und neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse belegen uneingeschränkt die Notwendigkeit des Übens und Wiederholens.

In Ihren Büchern weisen Sie auf die Bedeutung der Automatisierung hin. Was versteht man darunter?
Am Anfang des Lernprozesses ist beim Menschen eine grosse geistige Anstrengung und ein hohes Ausmass an Aufmerksamkeit erforderlich. Nach häufigem und intensivem Einüben dagegen gelingt das Erlernte fast wie von alleine. Jetzt können Informationen ohne grössere Anstrengung sehr schnell verarbeitet werden. Es ist eine Automatisierung eingetreten.

Heisst das: Einsicht und Automatisierung gehören gleichberechtigt zusammen. Eines von beiden allein reicht nicht aus?
Richtig. Vergleichen Sie z. B. ein Kind am Anfang des Leselernprozesses und einen geübten Leser. Das Kind benötigt anfangs allein für die Worterkennung einen grossen Umfang an neuronalen Aktivitäten und lastet damit die Verarbeitungskapazität seines Arbeitsgedächtnisses fast ganz aus. Beim geübten Leser dagegen ermöglicht die Automatisierung des Leseprozesses, mithilfe freier Kapazitäten im Arbeitsgedächtnis, den Sinn des Gelesenen zu erfassen. Durch den «Drill» wird somit das Arbeitsgedächtnis entlastet. Dadurch wird Arbeitsgedächtnisspeicher frei für das Verarbeiten von anderen Lösungsschritten. Darauf aufbauend erfolgt dann die flexible Anwendung. Ich muss mein Handwerkszeug beherrschen und wissen, wofür es taugt, um es dann flexibel handhaben zu können.

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