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Kinder unter Druck

Lesedauer: 5 Minuten

Fast täglich hören wir Berichte über Druck, Stress und Burnout – und immer öfter scheinen bereits Kinder darunter zu leiden. Warum ist das so? Und was hilft gegen zu viel Druck?

Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren

Bis heute fällt es mir schwer, nachzuvollziehen, warum Stress und Burnout die grossen Themen unserer Zeit zu sein scheinen. Hatten unsere Vorfahren nicht mit Problemen ganz anderen Kalibers zu kämpfen? Wenn unsere Grosseltern von früher erzählen, dann tauchen Themen auf wie Armut oder die Anforderung, sechs Kinder durchzubringen. Es wird vom Krieg erzählt und von Krankheiten, gegen die wir uns heute impfen können, die früher aber zum Tode führten.

Auch unsere Eltern hatten es oft nicht leicht. Mein Vater erzählt von der Zeit im Internat mit Geistlichen, die beim kleinsten Vergehen zum Rohrstock griffen. Von Strafen, Härte und Gefühlskälte.

Wie schön scheinen es im Vergleich dazu wir und unsere Kinder zu haben. Wir müssen nicht um unser Leben bangen. Unsere Kinder werden in der Schule nicht geschlagen, wenn sie die Hausaufgaben vergessen. Die realen Bedrohungen von früher haben für die meisten von uns hier in der Schweiz abgenommen.

Das, was wir am meisten schätzen, setzt uns oft am meisten unter Druck.

Was zugenommen hat, ist ein Gefühl des ständigen, diffusen Bedrohtseins, das wir nicht recht einordnen können. Herausgreifen möchte ich nur zwei Aspekte, die zeigen: Es sind manchmal genau die Dinge, die wir am meisten schätzen, die uns unter Druck setzen.

Freiheit erzeugt auch Stress

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Freiheit und Wahlmöglichkeiten. Wir könnten und dürfen fast alles mit unserem Leben anfangen. Welchen Beruf möchten wir ergreifen? Die Auswahl ist so gross geworden, dass selbst die Berufsberater den Überblick verlieren. Wollen wir heiraten? Eltern werden? Wie organisieren wir uns als Paar? Wer arbeitet wie viel? Wer übernimmt welche Aufgaben? Kinderkrippe oder nicht? Welchen Platz wollen wir Religion oder Spiritualität in unserem Leben geben? Wo wollen wir wohnen?

Wenn wir diese Fragen lesen, merken wir gleich: Freiheit bedeutet Stress! Denn wir müssen uns entscheiden. Die Angst, die falsche Option zu wählen, wächst mit den verfügbaren Möglichkeiten. Oft fühlen wir uns blockiert, weil wir nicht in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen.

Manche Menschen sind immer latent auf der Suche.

Bei einigen Menschen ist die Angst, etwas zu verpassen, so gross, dass sie sich auf nichts mehr einlassen können. Sie sind immer latent auf der Suche. Sie sind zufrieden mit ihrem Job, aber halten Ausschau nach etwas Besserem. Sie beschreiben die Beziehung als gut, fragen sich aber ständig, ob es nicht noch jemand gäbe, der oder die besser passen würde.

Die Angst vieler Eltern vor der Zukunft

Früher war für viele Kinder der Weg vorgezeichnet – sie sind in die Fussstapfen der Eltern getreten. Sie haben den Hof, den Betrieb, das Handwerk übernommen. Heute haben wir als Eltern nicht die leiseste Ahnung, was aus unseren Kindern einmal werden wird. Vielleicht werden sie einen Beruf ergreifen, der heute nicht einmal existiert. Wie also sollen wir sie auf die Zukunft vorbereiten?

Dieser Unsicherheit begegnen wir mit der Lösung: Ich muss meinem Kind alle Wege offenhalten. Zu gross ist die Angst, dass das Kind sonst in einer Sackgasse landet und uns später Vorwürfe machen wird. Möglichst viel Bildung, ein möglichst hoher Abschluss scheint das Ticket zu sein, das wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen. Daneben sollen die Kinder ein möglichst breites Repertoire an Fähigkeiten und Interessen aufbauen.

Nach einem Vortrag fragte mich eine Mutter: «Meine Tochter ist in der ersten Klasse und möchte nach der Schule einfach nur spielen, in den Garten gehen, sich um die Tiere kümmern und ihre Freundinnen treffen. Ich habe mich so erschrocken, als ich gehört habe, was die anderen Kinder in ihrer Klasse alles machen. Die anderen Eltern meinten, es sei doch wichtig, dass ein Kind ein Instrument lernt und Sport macht. Ich habe Angst, dass ich meine Tochter zu wenig fördere.»

Raus aus der Genie-Falle

Neben Freiheiten und Wahlmöglichkeiten steht auch die Entfaltung unseres Potenzials hoch im Kurs. Kinder sollen ihre Stärken entdecken, individuell gefördert werden. Wir hören immer wieder, dass unsere Kinder viel mehr könnten, wenn sie nur die richtige Lernumgebung erhielten – bis hin zur Aussage, dass angeblich 98 Prozent der Kinder hochbegabt seien. Berichte von Menschen mit Downsyndrom, die es an die Uni geschafft haben, sollen uns zeigen: Alles wäre möglich mit den richtigen pädagogischen Ansätzen.

Sehnsüchtig suchen wir auf der ganzen Welt nach Musterbeispielen. Nach Finnlands Pisa-Sieg im Jahr 2000 tingelten ganze Expertenscharen dorthin und berichteten von einer besseren Welt. Experten, Eltern und Lehrer waren und sind sich einig: Dort gelingt es. Andere Länder wie Deutschland und die Schweiz haben dagegen «Nachholbedarf».

Wir glauben, dass in jedem Kind ein Genie steckt.

Solche Berichte haben etwas Bewegendes. Sie berühren und beflügeln uns. Manchmal sind sie ein Trost in schwierigen Zeiten. Sie geben uns das Gefühl: In meinem Kind könnte noch ganz vieles stecken – wir müssen es nur finden und zur Entfaltung bringen. Misstöne werden dabei gerne zur Seite gewischt. Wie beispielsweise die Schülerbefragung im Rahmen einer gross angelegten Studie der Unicef aus dem Jahr 2007, die zeigte: In keinem anderen Land geben weniger Schülerinnen und Schüler an, gerne zur Schule zu gehen, als in Finnland.

Ständiges Suchen nach besseren Lösungen, Hinterfragen des Bestehenden und Optimieren setzt Schulen und Familien unter Druck. Der Glaube, dass jedes Kind im Grunde hochbegabt ist und in ihm ein Genie schlummert, das geweckt werden will, bedeutet im Umkehrschluss: Wenn ein Kind nichts Aussergewöhnliches wird, haben wir versagt. Wir haben es versäumt, die ungeahnten Kräfte und Talente in ihm zum Vorschein zu bringen.

Kinder dürfen auch gewöhnlich sein

Es scheint gar keine Option zu sein, sich mit weniger als dem Maximum zufrieden zu geben. Auf dem Weg zum Bahnhof mit zwei Teilnehmerinnen einer Weiterbildung erzählte eine Lehrerin, dass ihr Sohn nun endlich eine Lehrstelle in seinem Traumberuf gefunden habe. Darauf sagte die andere Teilnehmerin: «Ja – und heute mit dem dualen Bildungssystem kann er dann ja immer noch die Berufsmatura machen und sich weiterqualifizieren.» Ich nickte und sagte in gewohnter Manier: «Ja, da haben wir in der Schweiz wirklich Glück.» Die Mutter sah uns genervt an und erwiderte: «Er macht jetzt einfach diese Lehre! Ihm gefällt’s. Das reicht. Jedes Mal, wenn ich davon erzähle, kommen mir die Leute gleich mit ‹Er kann ja dann immer noch…›.»

Wer am Wochenende und in den Ferien lieber zu Hause bleibt, als seinen Horizont zu erweitern, wer seinen Job gut und gern genug macht, anstatt sich permanent nach dem nächsten Karrieresprungbrett umzusehen, wer dankbar ist, dass die Kinder gesund und zufrieden sind, ohne etwas Aussergewöhnliches zu sein, wer zugibt, dass man als Paar ein gutes Team ist, aber nicht jeden Tag von Leidenschaft gepackt wird, wirkt auf andere rasch etwas armselig.

Und dennoch: Zumindest in manchen Bereichen weniger zu wollen und sich und seinen Kindern zu erlauben, durchschnittlich, gewöhnlich, langweilig oder einfach «gut genug» zu sein, ist vielleicht gar kein schlechtes Mittel gegen zu viel Druck.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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