Einfühlungsvermögen statt Machtkampf - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Einfühlungsvermögen statt Machtkampf

Lesedauer: 4 Minuten

Ein Kind, das rebelliert und keine Autoritäten respektiert, stellt seine Eltern auf die Probe. Und hält ihnen den Spiegel vor: Das Verhalten hat es sich meist abgeschaut.

Text: Jesper Juul
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Das Wichtigste zum Thema 

Eine Mutter macht sich grosse Sorgen um ihren Sohn. Er eckt ständig an, gerade mit Erwachsenen kommt er nicht klar. Regelmässig provoziert er Machtkämpfe mit Lehrpersonen und seinen Eltern. In ihrer Verzweiflung bittet die Mutter Jesper Juul um Hilfe und schreibt ihm unter anderem folgende Zeilen: «Wie kann ich meinem Sohn helfen, seine impulsive Persönlichkeit in den Griff zu bekommen? Wie kann ich ihm beibringen, vor anderen Menschen Respekt zu haben? Wäre Strafen oder Belohnen sinnvoll?»

Für Jesper Juul liegt die Antwort auf der Hand: «Weder noch», schreibt er. Der Grund für das Verhalten des Kindes sei ein ganz anderer: «Er hat es in seiner Familie von seinen Eltern gelernt.»

Lesen Sie nun im ganzen Artikel, was Jesper Juul der Mutter rät und warum es sich lohnt, auch die Familiendynamik unter die Lupe zu nehmen, um dem Sohn zu helfen. 

Eine Mutter schreibt an Jesper Juul: 

Mein Sohn Simon, 7, hat eine starke Persönlichkeit und fordert mich immer wieder
heraus. Simon war von klein auf seinen Altersgenossen überlegen und hat ein grosses Selbstvertrauen.

Sie beurteilen das Verhalten Ihres Sohnes als «richtig oder falsch» als «positiv und negativ».

Mit den zwei jüngeren Geschwistern geht er einfühlsam um. Auch mit seinen Freunden gibt es kaum Probleme. Er ist charmant und sehr beliebt bei anderen Kindern. Die Schwierigkeit liegt im Umgang mit Erwachsenen. Er hört oft nicht, was ich sage. Er macht einfach, was er will. Für mich scheint es so, als würde er mich nicht ernst nehmen.

Eine weitere Herausforderung ist seine Impulsivität. Wenn er sich ungerecht behandelt fühlt oder etwas nicht so abläuft, wie er es sich vorstellt, wird er wütend. Er schreit, wirft Sachen um sich und knallt die Tür. Oft schlägt er dann auch seine Geschwister. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er sich wegen jeder Kleinigkeit aufregt.

Es ist sehr anstrengend, vor allem weil seine Stimmung schnell umschlägt. Mein Mann und ich sind sehr streng. Wir wollen unsere Kinder zu respektvollen Menschen erziehen. Neulich haben wir ein Belohnungssystem eingeführt. Wenn sich Simon anständig verhalten hatte, durfte er einen Kleber auf einer Tabelle einfügen.

Das hat leider nur für kurze Zeit funktioniert. Irgendwann war ihm einfach egal, wenn er keinen Sticker bekam. Weil die Tabelle für Simon keinen Anreiz mehr bot, haben wir nun als Belohnung Zeit mit uns vereinbart. Wenn er sich eine Woche anständig aufführt, machen wir zum Beispiel einen Ausflug mit dem Dampfschiff.

Sie lassen Ihrem Sohn nur zwei Optionen: Ihre Wertvorstellungen zu übernehmen – oder sich zu widersetzen.

Aber auch das klappt nicht so richtig. Simon geht gerne in die Schule und lernt schnell. Aber auch in der Schule gerät er immer wieder mit Erwachsenen aneinander, vor allem mit einer Lehrperson. Er respektiert sie nicht und befolgt ihre Regeln nicht. Immer wieder erhalte ich von der Schulleitung negative Rückmeldungen.

Ich mache mir grosse Sorgen um Simon, weil er durch sein Verhalten überall aneckt. Dabei ist er ein so toller Bub. Wie kann ich ihm helfen, seine impulsive Persönlichkeit in den Griff zu bekommen? Wie kann ich ihm beibringen, vor anderen Menschen Respekt zu haben? Wäre Strafen oder Belohnen sinnvoll?

Antwort von Jesper Juul

Weder noch! Ich habe das Gefühl, dass an Simon bereits viel zu viele Strategien und Taktiken ausprobiert wurden. Ihr Sohn zeigt sich seinen Eltern und seinen Altersgenossen gegenüber respektlos. So ist er nicht geboren. Damit stellt sich die Frage: Wie konnte er so werden?

Die Antwort liegt auf der Hand: Er hat es in seiner Familie von seinen Eltern gelernt. Nun werden Sie vermutlich laut protestieren und behaupten, dass Sie sich nicht so verhalten, wie ich glaube. Damit Sie mich richtig verstehen: Ich glaube nicht, dass Simon eine Kopie seiner Eltern ist.

Aber sein Verhalten ist eine Folge davon, wie Sie ihm während den ersten zwei bis drei Jahren begegnet sind. Hier ist meine Theorie: Sie beurteilen das Verhalten Ihres Sohnes als «richtig oder falsch» als «positiv und negativ».

Das bedeutet, dass Sie sein Verhalten kategorisieren und in eine Schublade stecken. Ihrem Sohn bleiben zwei Möglichkeiten: Entweder er übernimmt die Werte der Eltern und nutzt diese aktiv in der Beziehung zu anderen Menschen. Oder er widersetzt sich Ihren Wertvorstellungen.

Es ist nicht Ihre Schuld, dass Ihr Sohn so ist, wie er ist. Sein Verhalten ist nur die Folge dessen, wer Sie sind und was Sie tun oder nicht tun.

Das gleiche Muster findet sich häufig in Familien, in denen Eltern nicht wirklich bestimmte Werte leben und sich wie ein Fähnchen im Wind drehen. Das eine Kind wird zum aktiven Moralisten, das andere schwimmt mit dem Strom.

Ich erwähne das in der Hoffnung, vermeiden zu können, dass Sie glauben, die Schuld zu tragen. Es ist nicht Ihre Schuld, dass Ihr Sohn so ist, wie er ist. Sein Verhalten ist nur die Folge dessen, wer Sie sind und was Sie tun oder nicht tun.

Sie schreiben, dass Ihr Sohn einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit hat. Das ist bei den meisten Kindern so, aber bei Kindern, die ein zu hohes Mass an Gerechtigkeit erlebt haben – zum Beispiel Werte durchzusetzen, um fair zu bleiben –, passiert eine Art Kurzschluss.

Ihr Sohn hat offensichtlich eine Menge Überzeugungen von Ihnen als deutlich ungerecht erlebt. Es gibt Gründe, warum sich Simon so verhält, wie er sich verhält. Sie loben Ihren Sohn, wenn er sich «gut» verhält. Umso mehr schmerzt es ihn, wenn Sie ihn kritisieren.

Loslassen fällt schwer; das liegt in der Natur von uns Menschen.

Denn wenn er sich «daneben» benimmt, hofft er, dass Sie sich nicht als Richterin zeigen, sondern ihm Vertrauen schenken und sich für ihn und seine Gefühle interessieren. Stellen wir uns vor, ein Kind lebt im ständigen Spannungsverhältnis zwischen Positiv und Negativ und schafft es nicht, es selbst zu sein.

Daher hilft es nicht, ihn für Positives zu loben oder für Negatives zu bestrafen. Das erhöht lediglich die Aufregung und den Schmerz. Simon weiss um Ihre Werte Bescheid. Nun möchte er gehört und ernst genommen werden. Ich hoffe, dass es dafür nicht zu spät ist.

Meine Theorie kann auch falsch sein! Die beste Möglichkeit, das herauszufinden, ist, wenn Sie bei sich nach innen sehen und sich selbst fragen: Halten wir kategorisch an unseren Meinungen und Einstellungen fest?

Und: Ist einer von uns als Erwachsener auch eine starke und schwierige Persönlichkeit? Wenn meine Analyse nur zum Teil richtig ist, so glaube ich, dass Sie professionelle Hilfe benötigen. Ihre Werte sind integriert in Ihrem Leben.

Loslassen fällt schwer; das liegt in der Natur von uns Menschen. Aber Sie müssen es versuchen. Ihr Sohn wird nicht aufhören, sich selbst zu verteidigen.

Jesper Juul
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul hat wie kein anderer in den vergangenen Jahrzehnten Menschen mit seinen Erziehungs- und Beziehungsprinzipien geprägt. Der Gründer von familylab, einem Beratungsnetzwerk für Familien, und Autor von über 40 Büchern («Dein kompetentes Kind», «Aus Erziehung wird Beziehung») starb am 25. Juli 2019 im Alter von 71 Jahren nach langer Krankheit in Odder, Dänemark. Er war zweimal verheiratet und hinterlässt einen Sohn aus erster Ehe und zwei Enkelkinder.

Alle Artikel von Jesper Juul

Lesen Sie mehr zum Thema:

Advertorial
Geschenktipp: Filmmusik-Konzert
Die einzigartige Magie des Disney-Klassikers «Die Eiskönigin – völlig unverfroren» zusammen mit der bewegenden Filmmusik live gespielt vom 21st Century Orchestra & Chorus im KKL Luzern hinterlässt bei Klein und Gross leuchtende Augen. «Manche Menschen sind es wert, dass man für sie schmilzt» (Schneemann Olaf) – und auch manche Filme: Mit dem grossartigen Welterfolg «Die […]
Elternblog
Der beste Erziehungsratschlag
Unser Kolumnist Mikael Krogerus sagt, warum Eltern ihre Kinder um Rat ersuchen sollten und verrät den besten Tipp seiner Tochter.
Familienleben
«Die Zeit, die wir als Familie haben, ist so wertvoll»
Jasmin Bauer erhielt in der ersten Schwangerschaft die Diagnose Brustkrebs. Seither erlebt sie mit ihrer Familie jeden Tag als Geschenk.
Erziehung
«Wir hören einander zu»
Thomas Lottermoser, 52, und seine Frau Gunda Lottermoser-Niedermeyer, 48, erzählen, dass sich die Familie ihr Glück erarbeiten musste.
Erziehung
«Wir setzen auf ­Vertrauen, Respekt und Verbindlichkeit»
Julia Aellig und Orlando Bitzer erzählen, wieso sie Wert auf Mitbestimmung legen und weshalb ihnen Grenzen setzen wichtig ist.
Erziehung
Wie Sie Kindern sinnvoll Grenzen setzen
Wurden Kinder früher an die Gesellschaft angepasst, sollen sie heute selbstbestimmt aufwachsen. Auch in einer partnerschaftlichen Erziehung braucht es aber Regeln und Grenzen.
Elternblog
«Was willst du werden, wenn du gross bist?»
Unser Kolumnist Mikael Krogerus schreibt, warum wir aufhören sollten, unseren Kindern diese Frage zu stellen und welche Frage die richtige wäre.
Elternbildung
So lernt Ihr Kind Verantwortung zu übernehmen
Mit der Zeit sollte Verantwortung Schritt für Schritt von den Eltern aufs Kind übergehen. Wie Mütter und Väter diesen Balanceakt meistern.
Elternbildung
«Wir sollten Kindern etwas zutrauen»
Gwendolyn Nicholas und Nico Lopez Lorio liessen ihre Söhne schon mit acht allein im ÖV durch die Stadt fahren. Heute ist auch die fünfjährige Tochter oft dabei.
Elternbildung
«Kinder müssen wissen, was sie brauchen»
Karin und Stephan Graf sind überzeugt, dass Empathie der Schlüssel zur ­Eigenverantwortung ist.
Elternbildung
«Ich dachte, ich würde es locker nehmen»
Simone Steiner und Paolo Bogni waren als Kinder früh selbständig. Umso mehr erstaunt beide, dass ihnen Loslassen als Eltern oft schwerfällt.
Elternbildung
Eigenverantwortung und Selbständigkeit – so gehts
10 Elternfragen und Antworten von Expertinnen und Experten.
Elternbildung
«Durch die Beratungsrolle bin ich selbstbewusster geworden»
Petra Brem hat zusammen mit ihrem Mann drei Kinder: Nelia, Malin und Leanne. Nelia war im letzten Semester Beraterin im Ideenbüro der Primarschule Kaisten.
Elternbildung
«Mit so einer Beratung wäre uns viel Leid erspart geblieben»
Stephanie Hagmann und ihr Partner haben eine 8-jährige Tochter. Die Familie nimmt seit dem Sommer 2020 am ­Familienklassenzimmer teil.
Elternbildung
«Paolo tut es leid, dass er so aufbrausend war»
Eine Mutter hat Probleme mit ihrem 12-jährigen Sohn. Nun nehmen sie beide am Familienklassenzimmer ihrer Schule teil. Ein Erfahrungsbericht.
Elternblog
Was ich von Mark Zuckerberg über Erziehung lernte
Wichtiger als die wenigen Höhepunkte sind im Familienleben die täglichen Rituale, schreibt unser Kolumnist Michael Krogerus.
Erziehung
Konflikte: Dicke Luft in der Familie
Hausaufgaben, Ausgang, Medienkonsum: In Familien gibt es viele Konfliktfelder. Doch warum streiten wir gerade mit unseren Liebsten so häufig? Wie lassen sich Auseinandersetzungen in etwas Konstruktives verwandeln? Und was sollten wir im Streit auf keinen Fall tun?
Erziehung
«Sich selbst zu reflektieren, ist der Schlüssel, um Konflikte zu lösen»
Michelle Burgener-Oehri, 39, lebt mit ihrer Patchworkfamilie in Winterthur. Dazu ­gehören Pascal, 34, Gian, 13, Lena, 7, und ­Finan, 1. Um Streit zwischen Gross und Klein zu vermeiden, achtet die Lehrerin und Kinesiologin auf ihre eigenen Grenzen.
Erziehung
«Strikte Regeln nehmen Spannung raus»
Damit es zu Hause nicht zu oft knallt, setzen Isa Scherr, 41, und ihr Mann Mathias, 43, auf klare Vorgaben. Mit ihren vier Kindern Morris, 11, Ellen, 9, und den ­Zwillingen Lenny und Damien, 7, wohnen sie in Brütten ZH.
Erziehung
«Eltern sind keine Richter»
Die Sozialarbeiterin Madleina Brunner Thiam leitet Workshops für Kinder und Jugendliche zum Thema Geschwisterstreit. Sie weiss, warum manche Brüder und Schwestern mehr streiten als andere – und rät Eltern, sich so wenig wie möglich einzumischen.
Erziehung
5 Tipps gegen Stress mit Hausaufgaben
Die Schule ist Streitthema Nummer eins zwischen Eltern und Kindern. Welches Verhalten im Konfliktfall angebracht ist, sagt Jolanda Hohl, Primarlehrerin, Lern- und Familiencoach.
Familienleben
Zwillinge getrennt auf verschiedenen Schulstufen
Wie es für eine Familie ist, wenn ein Zwillingspaar aus einem Kindergärtner und einem Schüler besteht. Ein Vater berichtet.
Elternblog
Meine drei wichtigsten Tipps für alle Eltern
Unser Kolumnist Mikael Krogerus lernte aus Kinderantworten viel fürs Leben.
Familienleben
Unsere liebsten Outdoor-Spiele
Der Frühling ist da und mit ihm die Lust draussen Zeit zu verbringen. Wir haben uns intern bei Fritz+Fränzi umgehört, welche Outdoor-Spiele Spass machen und ohne grosses Equipment gespielt werden können. Hier kommen unsere Favoriten.
Blog
Wers glaubt wird selig
Unser Autor Christian J. Käser setzt sich mit der Religion und vor allem mit der Bibel auseinander. Dabei sucht er eine Antwort auf die nervigste Frage der Menschheitsgeschichte: «Was kommt danach?»