Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge: «Es gibt keine negativen Gefühle – das müssen Eltern ihren Kindern vermitteln»
Elternbildung

«Es gibt keine negativen Gefühle – das müssen Eltern ihren Kindern vermitteln»

Der Erziehungsberater Jan-Uwe Rogge sagt, Aggressionserziehung sei eine besonders wichtige Aufgabe von Eltern. Denn wenn ein Kind tobt, reagieren Mütter und Väter oft hilflos. Der Bestsellerautor über Wut, Mitgefühl und schwierige Eltern-Kind-Beziehungen.
Interview: Julia Meyer-Hermann 
Bilder: Florian Thoss

Herr Rogge, in heiteren Momenten spiegeln Eltern ihren Kindern deutlich, wie sehr sie ihre Freude oder ihren Mut wertschätzen. Negative Gefühle wie Angst oder Wut möchten sie ­dagegen möglichst schnell abstellen. Das ist verständlich. Aber ist es auch sinnvoll?

Ich möchte zunächst die Differenzierung zwischen negativen und positiven Gefühlen aufheben. Es ist nicht sinnvoll, die eine Emotion als erwünscht und die andere als unerwünscht einzuordnen. Das ist zwar eine gängige Unterscheidung in unserem Alltag, aber für die Begleitung der Kinder ist sie fatal.

Warum?

Sie sagen es ja schon: Weil unsere Tendenz ist, die negativ besetzten Gefühle möglichst schnell stillzulegen. Emotionen auszubilden und sich ihnen zu stellen, ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe jedes Menschen, die mit der Geburt beginnt und uns über das Trotzalter, das Schulalter, die Pubertät bis ins hohe Lebensalter begleitet. Mit Fröhlichkeit kommen wir alle bestens klar. Es ist auch wunderbar, wenn ich meinem Kind meine ­Freude darüber zeige, dass es diese Gefühle mit mir teilt. Mit der gleichen Intensität sollte ich aber auch Angst, Wut oder Aggression begleiten. Die gehören auch zum Leben dazu, sie sind wichtig und wertvoll für uns, also müssen wir auch mit diesen Gefühlen umgehen können. Wir müssen ihre Funktion kennen, ihre Hintergründe. Es gibt zum Beispiel Ängste, die notwendig sind, weil sie uns schützen. Und es gibt Ängste, die uns unselbständig machen und kleinhalten.
Jan-Uwe Rogge arbeitet seit Mitte der 1970er-­Jahre als Erziehungsberater und hat mehr als 30 Bücher publiziert, viele davon Bestseller. Zuletzt hat der 73-Jährige zusammen mit dem Benediktinerpater und Philosophen Anselm Grün das Buch «So grosse Gefühle!» veröffentlicht. Rogge hält Vorträge und Seminare, unter anderem darüber, wie man Kinder in Krisenzeiten begleitet. Rogge ist verheiratet, Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Schleswig-Holstein. www.jan-uwe-rogge.de
Jan-Uwe Rogge arbeitet seit Mitte der 1970er-­Jahre als Erziehungsberater und hat mehr als 30 Bücher publiziert, viele davon Bestseller. Zuletzt hat der 73-Jährige zusammen mit dem Benediktinerpater und Philosophen Anselm Grün das Buch «So grosse Gefühle!» veröffentlicht. Rogge hält Vorträge und Seminare, unter anderem darüber, wie man Kinder in Krisenzeiten begleitet. Rogge ist verheiratet, Vater eines erwachsenen Sohnes und lebt in Schleswig-Holstein. www.jan-uwe-rogge.de

Wer ängstlich ist, möchte dieses Gefühl schnellstmöglich loswerden. Also versuchen Eltern, ihren Kindern die Angst zu nehmen.

Ein Elternsatz, der Kindern deshalb immer wieder vorgebetet wird, ­lautet: «Du brauchst doch keine Angst zu haben.» Das ist wirklich kein bisschen hilfreich! Wenn ein Kind Angst hat, hat es Angst. Dann sucht es Nähe und Geborgenheit. Punkt! Es will nicht noch hören, dass seine Sorge unberechtigt ist. Dann fühlt es sich nämlich ausserdem noch dumm. Auch nicht hilfreich ist die Warum-Frage, die jüngeren Kindern oft gestellt wird. «Warum hast du denn da Angst?»

Wie soll man denn als Mutter oder Vater ­herausfinden, was das Kind umtreibt?

Je jünger mein Kind ist, desto wichtiger ist es, es zunächst einmal zu beobachten. Ich könnte versuchen, mir ein bestimmtes Verhalten selbst zu erklären oder mit meinem Partner oder meiner Partnerin darüber zu reden. Ich kann mich beispielsweise fragen, ob seine Emotionen Ausdruck einer Entwicklungsphase sind, ob es ­Aufmerksamkeit möchte. ­Warum-Fragen drücken meistens eine gewisse pädagogische Ohnmacht aus. Das spüren Kinder. Deshalb bekommt man darauf auch so unsinnige Antworten wie «darum» oder «weiss nicht».
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Gar nichts zu fragen kann aber doch auch nicht die Lösung sein.

Natürlich ist es sinnvoll, so früh wie möglich über Gefühle zu reden. Aber die Fragen der Erwachsenen sollten dem Kind – vor allem wenn es noch klein ist – nicht die Aufschlüsselung der Situation übertragen. Wenn ein Kind zum Beispiel Angst vor Monstern hat, sind Fragen wie «Wie sieht es aus?», «Wo ist es?», «Wie könnten wir es besiegen?» konstruktiv. Wenn ein Kind mit drei oder vier Jahren heftige Wutanfälle hat, kann man etwas fragen wie «Wie fühlt sich deine Wut an?», «Wo sitzt deine Wut?». Das sind Dinge, die ein Kind in Bildern erfassen kann. Damit werden die Gefühle in Sprache greifbar und damit auch veränderbar. Wenn das bereits mit einem kleinen Kind geübt wurde, kann es später viel besser erklären, wie es ihm gerade geht.  Damit, dass ein Kind sein Gefühl benennen kann, kann es diesen Zustand auch besser verstehen und verarbeiten.

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