Die spinnen, die Tanten - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Die spinnen, die Tanten

Lesedauer: 2 Minuten

Michèle Binswanger schwelgt in Erinnerungen, als ihre Kinder noch klein waren, und verrät, was es mit den Tanten auf sich hat.

Text: Michèle Binswanger
Illustration: Petra Dufkova / Die Illustratoren

Es gehört zu den widersprüchlichen Erfahrungen des Menschseins, dass jeder sich in jungen Jahren für etwas ganz Besonderes und Einzigartiges hält. Nur um dann mit zunehmendem Alter festzustellen, dass gerade dieser Glaube an die eigene Besonderheit einen gewöhnlich macht.

So denke ich etwa an meine erste Zeit als junge Mutter zurück, als die Welt mir bei den ersten Spaziergängen mit der wenigen Tage alten Tochter vollkommen neu zu begegnen schien. Da war eine plötzliche und mehr oder weniger subtile Verschiebung in der Wahrnehmung meiner Person und natürlich glaubte ich, dass das etwas mit mir zu tun haben müsse.

Unterwegs mit meinem Baby erhielt ich plötzlich jede Menge empathische Zuwendung von älteren Damen. Manch eine zischte mir oder besser meinem Baby ein verzücktes «Jöö, wie klein!» hinterher, ab und zu blieb auch eine stehen, linste kurz in mein Tragetuch und seufzte beim Blick auf den Schopf des Neugeborenen wohlig auf. So befremdlich mir das einerseits vorkam, so sehr begrüsste ich die Begeisterung, die mein Baby auszulösen schien. Und heimlich dachte ich: Die spinnen, die Tanten.

Ich muss damals sehr dumm gewesen sein. Denn heute bin ich selber eine jener Tanten. Jetzt, da meine Kinder bald erwachsen sind, kenne ich das Entzücken, das auch völlig fremde Dreikäsehochs auslösen können. Manchmal ist es ihr tapsiges Verhalten, die von der Kälte geröteten Backen oder die kindlich fragenden Bemerkungen, deren Charme ich erliege.

Solche Liebe zu verschenken, ist etwas vom Tiefsten und Schönsten, was man als Mensch erfahren kann.

Anders als damals verstehe ich aber heute, woher dieses Entzücken kommt und dass es nicht um die Besonderheit dieser Kinder oder etwa um mich geht. Vielmehr ist es die Erfahrung jeder Mutter, die sich darin zeigt. Die Erinnerung an die Zeit, als die eigenen Sprösslinge noch klein, unschuldig und unerfahren in die Welt blickten und man im Bann dieses Zaubers des Neuen stand. Im Bann der vielen Möglichkeiten, die damals noch darauf warteten, Wirklichkeiten zu werden.

Es ist auch die Erinnerung an die bedingungslose Zuwendung, die man den Kindern zuteilwerden liess, um ihnen das zu ermöglichen. Schliesslich ist solche Liebe zu verschenken etwas vom Tiefsten und Schönsten, was man als Mensch erfahren kann.

Von der stetigen Zuwendung emanzipieren sich die Kinder irgendwann. Das ist ja auch ein Glück. Schliesslich hat die nostalgische Erinnerung an diese Zeit wenig mit der erschöpfenden Wirklichkeit von damals gemein. Das ist auch der Grund, warum das Entzücken über die herzigen kleinen Kinder sich meistens schnell verflüchtigt, sobald man länger Zeit mit ihnen verbringt und sie bei Laune halten muss.

Es bleibt die Erinnerung an diese so besondere Phase. Und die Erkenntnis, dass diese Erfahrung nicht nur einem allein gehört, sondern in gewisser Weise uns allen, und dass sie sich in jeder Erfahrung junger Mütter fortsetzt. Dieser Gedanke hat etwas seltsam Tröstliches. Auch wenn er uns etwas gewöhnlich macht.

Michèle Binswanger
Die studierte Philosophin ist Journalistin und Buchautorin. Sie schreibt zu Gesellschaftsthemen, ist Mutter zweier Kinder und lebt in Basel.

Alle Artikel von Michèle Binswanger

Mehr zum Thema Resilienz:

Advertorial
Vermögen aufbauen mit der Clanq Familien-App
Die kleinen Ausgaben im Alltag machen einen gewaltigen Unterschied. 3 Tipps, wie auch mit kleinem Budget ordentlich Geld zusammenkommt.
Resilienz: Sophie erzählt, was sie wertvoll findet
Familienleben
«Die Kinder sollen wissen, dass sie wertvoll sind»
Sophie erlebte eine schwierige Kindheit und hätte als Teenager gut auf die schiefe Bahn gelangen können. Die Fernsehtechnikerin erzählt, was ihr Halt gegeben hat und wofür sie dankbar ist.
Resilienz: Kinder müssen Scheitern lernen
Erziehung
«Kinder müssen das Scheitern lernen»
Kinder werden heute zu sehr geschützt, sagt Psychologe Peter Gray. Dies hindert sie am effektivsten Resilienz-Training: dem freien Spiel.
Resilienz
Familienleben
«Eines kann ich: die Guten erkennen»
Für Marissa ist Resilienz keine Zauberkraft, die wir allein aus uns schöpfen. Wichtiger sei es, auf die richtigen Menschen zählen zu können.
Eine Krebsdiagnose stellte Morenos Leben auf den Kopf.
Gesellschaft
«Mir ist viel Gutes widerfahren»
Moreno Isler, 22, ist in der Lehre zum Fachmann Betreuung. Mit 14 stellten erst eine Krebsdiagnose, dann die Folgen der Behandlung sein Leben auf den Kopf.
Resilienz
Erziehung
Resilienz – das Immunsystem der Seele
Resilienz befähigt uns, trotz Schwierigkeiten Lebensmut zu bewahren. Woher kommt diese Widerstandskraft und wie können Kinder sie lernen?
Gesellschaft
Nach Unfall im Rollstuhl: «Ich will mich zurück ins Leben stürzen»
Seit einem Motorradunfall ist Fabian Kappeler, 17, querschnittgelähmt. Statt mit seinem Schicksal zu hadern, bleibt er optimistisch.
Video
Mein Kind hat immer Angst
Silvia Zanotta ist Expertin für Angststörungen. Im Kosmos-Kind-Vortrag erklärt sie, wie Eltern betroffenen Kindern helfen können.
Resilienz: Wie wird mein Kind stark?
Erziehung
Wie stärke ich mein Kind? 11 Resilienz-Faktoren
Es gibt Schutzfaktoren, die der Entwicklung von Resilienz zuträglich sind und Kinder für die Stolpersteine im Leben wappnen.
Resilienz: Unser Thema im Juni
Fritz+Fränzi
Resilienz: Unser Thema im Juni
Weshalb die einen schwierige Lebensumstände besser bewältigen können als andere – und wie Eltern die Widerstandskraft ihres Kindes stärken.
Mindful Self-Compassion: 5 Übungen
Familienleben
5 Übungen für einen achtsamen Umgang mit sich selbst
Mindful Self-Compassion bezeichnet das Mitgefühl, das wir mit uns selbst haben. Wir zeigen Ihnen, wie Sie dieses im Alltag trainieren können.
Selbstfürsorge: Was ich wirklich brauche
Familienleben
Wie können wir uns im Familienalltag besser Sorge tragen?
Selbstfürsorge ist im oft hektischen Familien- und Berufsalltag nicht einfach. Was es für einen achtsamen Umgang mit sich selbst braucht.
Schulstart: Die neue Rolle der Eltern
Elternbildung
Schulstart: Die neue Rolle der Eltern
Beim Übertritt an die Primarschule brauchen Eltern in der Erziehung viel Feinfühligkeit und Beziehungsstärke. Was ist damit gemeint?
Schulangst
Psychologie
Wenn die Schule zur Qual wird
Bei Schulabsentismus ist immer häufiger Angst im Spiel. Wie sollten Lehrpersonen reagieren? Und wie können Eltern ihr Kind stärken?
Familienleben
«Familie ist eben nicht Privatsache»
Die Kinderombudsstelle setzt sich für die Rechte der Kinder ein. Diese würden oft missachtet, sagt Leiterin Irène Inderbitzin.
Entwicklung
Aus der Bahn geworfen
Noch nie waren in der Schweiz so viele Kinder und Jugendliche in psychotherapeutischer Behandlung. Eine Entspannung ist nicht in Sicht.
«Es gibt nicht reife oder ­unreife, sondern einfach ­unterschiedliche Kinder»
Entwicklung
«Es gibt nicht reife oder ­unreife Kinder – nur ­unterschiedliche»
Die Entwicklungspsychologin Claudia M. Roebers sagt, was Kinder wirklich brauchen, um ihr Potenzial zu entfalten – und was nicht.
Familienleben
Wie können Eltern besser mit Stress im Alltag umgehen?
Viele Eltern fühlen sich im Alltag mit seinen unendlichen To-do-Listen permanent gestresst und gehetzt. Woran liegt das? Und vor allem: Wie kommen wir da wieder raus?
Kindergarten
So lernt Ihr Kind den Umgang mit seinen Emotionen
Wie Kinder emotionale Fähigkeiten entwickeln und was Eltern tun können, um sie dabei zu unterstützen.
Elternbildung
Was ist das Wichtigste, das wir unserem Kind mitgeben sollen?
Ein solides Erbe oder Geduld mit sich selbst? Die Antworten unseres Expertenteams fallen einmal mehr ganz unterschiedlich aus.
Krieg
Elternblog
Wie kommen wir aus der Sorgenspirale raus?
Auf die Corona-Krise folgt der Krieg in der Ukraine. Was macht das mit uns als Eltern? Was mit unseren Kindern? Fritz+Fränzi-Redaktorin Maria Ryser wirft einen kritischen Blick nach Innen und fragt sich, was handeln für sie bedeutet.
Medienerziehung
Hat die Gesellschaft Einfluss auf das Internet oder umgekehrt?
Das Web bringt leider oft die schlechten Seiten der Menschen zum Vorschein. Eltern sollten hier Vorbilder sein – denn Kinder und Jugendliche brauchen einen moralischen Kompass.
Elternbildung
«Auch Eltern dürfen sagen: Das macht mir Angst»
Resilienzforscherin Isabella Helmreich: Wie Eltern und Kinder mit ihrer Verunsicherung in Krisenzeiten umgehen können.
Familienleben
Wie unser Gehirn bei Stress reagiert
Unsere Gene und unsere Umwelt haben Einfluss darauf, wie wir in stressigen Situationen umgehen, sagt die Psychologin Nicole Strüber.
Familienleben
Wie bleibt man ruhig im Familienalltag?
Wie reagiert man gelassen, wenn der Familienalltag einen mal wieder an seine Grenzen bringt? Leider ist die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, nicht ­angeboren. Die gute Nachricht: Sie kann erlernt werden, sagen Experten.