Barbara Bleisch: Kinder schulden ihren Eltern nichts
Psychologie

«Kinder schulden ihren Eltern nichts»

Die Philosophin Barbara Bleisch sagt, dass Kinder den radikalen Schritt, die Eltern aus ihrem Leben zu entfernen, niemals freiwillig und erst nach vielen Verletzungen vollziehen. Dieser Akt der Befreiung sei aber richtig und wichtig – und für die eigene Entwicklung manchmal sogar unabdingbar.
Interview: Christine Amrhein
Bild: Alexander Krivitskiy

Frau Bleisch, warum ist ein Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern so ein sensibles Thema?

Ein Kennzeichen von persönlichen Beziehungen, etwa in Familien oder bei Paaren, ist Vertrauen. Ein Kontaktabbruch ist deshalb immer auch ein Vertrauensbruch. Er mag gerechtfertigt sein oder nicht – leicht nimmt ihn niemand, vor allem nicht in Familien.

Die Eltern-Kind-Beziehung ist ja besonders intensiv.

Ja, sie ist etwas Einzigartiges und Unersetzbares. Man kann zwar den Kontakt, aber nicht die Bindung abbrechen, denn jemand bleibt immer das Kind seiner Eltern bzw. der Vater oder die Mutter seines Kindes. Die Beziehung zu den Eltern prägt die Identität des Kindes so stark, dass es seine Eltern nie «überwinden » kann. Und die Eltern haben in diese Beziehung meist sehr viel Fürsorge, Zeit und Geld investiert. Daher ist sie für beide Seiten etwas besonders Kostbares.
Barbara Bleisch ist Philosophin und Moderatorin, Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich und Autorin des Buches «Warum wir unseren Eltern nichts schulden».
Barbara Bleisch ist Philosophin und Moderatorin, Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich und Autorin des Buches «Warum wir unseren Eltern nichts schulden».

Bei beiden, Eltern und Kind, stehen die Verletzungen im Vordergrund.

Ein Kontaktabbruch zwischen Eltern und Kindern ist besonders ‹kostspielig›. Die Verletzlichkeit ist auf  beiden Seiten hoch und für beide entsteht eine Leerstelle im Leben. Zudem erfolgt der Kontaktabbruch meist abrupt und unerwartet. Gerade heute, wo vieles über elektronische Medien läuft, ist das ja relativ einfach möglich.

Auf was kommt es aus Ihrer Sicht bei der Beziehung zwischen Eltern und Kindern an?

Aus meiner Sicht ergibt sich allein aus der Tatsache, dass jemand das Kind seiner Eltern ist, keine Verpflichtung, den Kontakt für immer zu halten. Wenn Eltern ihr Kind schlecht behandeln oder es so sehr in seiner Entwicklung einengen, dass es nicht selbständig werden kann, hat das Kind auch nicht die Pflicht, den Kontakt fortzusetzen.
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