Was hilft gegen Nägelkauen? -
Merken
Drucken

Was hilft gegen Nägelkauen?

Lesedauer: 3 Minuten

Obsessives Nägelkauen ist unhygienisch und schmerzt – aber unter Kindern und Jugendlichen weit verbreitet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Was empfinden Nägelkauer und mit welcher Strategie wird man die psychische Störung wieder los?

Text: Petra Seeburger und Evelin Hartmann
Bild: fotolia.com

Der Impuls ist kaum zu kontrollieren: Wer an den Nägeln kaut, macht dies meist unbewusst. Mit den Zähnen knabbern, zerren und nagen Betroffene an jeder Unebenheit, bis das Nagelbett anschwillt, sich rötet oder gar blutet. Ob Stressbeisser oder Langeweileknabberer, Nägelkauen ist eine Art «Leerlaufhandlung», die beispielsweise beim Fernsehschauen, im Tram oder während des Mathetests ausgeführt wird und entspannend wirkt. Dem amerikanischen Forscher Pierre Halteh zufolge sind 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung betroffen.

Oft beginnt das Nägelkauen in der Kindheit und hört im Jugendalter von alleine wieder auf. Einer polnischen Forschergruppe zufolge kaut sogar fast jedes zweite Kind zwischen sechs und zwölf Jahren zeitweise an den Nägeln. Zahlreiche Studien weisen auf eine genetische Komponente hin. So gibt es meist mehrere Nägelkauer in der Familie. Pierre Halteh: «Diagnose und Behandlung werden aber oft hinausgezögert, da Patienten sich schämen und selten Hilfe suchen.»

Dabei kann Onychophagie (von griechisch ónyx = Nagel und phagein = fressen) Haltehs Forschungsresultaten zufolge «zu psychosozialen Problemen führen und sich negativ auf die Lebensqualität auswirken». 1934 erstmals in der medizinischen Literatur beschrieben, ist obsessives Nägelkauen seit Kurzem als psychische Störung klassifiziert. 

Perfektionisten empfinden schnell Langeweile oder Frust. Zur Kompensation kauen sie an ihren Nägeln.

Wer an den Nägeln kaut, empfindet sein Verhalten meist selbst als unangenehm. Medizinisch bedenklich wird Nagelkauen aber erst, wenn aus der Marotte ein «selbstverletzendes und aggressives» Beis­sen wird, das zu Schäden am Nagel oder der Haut führt. Dermatologe Pierre Halteh warnt gar vor Komplikationen: «Verletzte Stellen können sich entzünden oder zu Nagelwachstumsstörungen führen».

Wenn das ständige Nägelkauen die Nägel bleibend zerstört, reden Mediziner von Onychotillomania, der vom Patienten selbst herbeigeführten Zerstörung der Nägel und Nagelplatten. Die Ursachen hierfür können in einer psychischen Erkrankung liegen, zum Beispiel in einer Psychose.

Versteckte Ursachen

Die Gründe für das Nägelkauen sind vielfältig. Als eine Ursache gilt die orale Fixierung im Kindesalter. Bei Schulkindern können Leistungsdruck oder Mobbing mögliche Auslöser sein. Oft ist das Nägelkauen auch Ablenkung und Zeitvertreib. Landläufig mit Nervosität in Verbindung gebracht, beschreiben kanadische Forscher Nägelkauer weniger als nervös als vielmehr perfektionistisch veranlagt.

Die Betroffenen empfinden schnell Langeweile, Frustration sowie Ungeduld und können diese Gefühle schlecht kompensieren. Das Nägelkauen dient dazu, Spannungszustände abzubauen.

Mit Kunstnägeln gegen das Kauen

Um den Teufelskreis zu durchbrechen und das Nägelkauen abzustellen, wurden schon viele Strategien erprobt: von bitter schmeckendem Nagellack, Cremes oder Tinkturen bis zum Versuch, einfach nicht daran zu denken. Paradoxerweise verstärkt Letzteres den Drang sogar zusätzlich.

Kosmetikerinnen empfehlen betroffenen Kundinnen und Kunden, sich die Nägel mit Gel-Lack überziehen zu lassen. Den Nägeln fehlen dann die Ecken und Kanten, an denen so gerne herumgeknabbert wird. Empfehlenswert sei diese Methode aber erst ab 16 Jahren.

Nagellack, Tinkturen, künstliche Nägel: Um das Kauen zu stoppen, gibt es viele Strategien. Nicht alle sind erfolgversprechend.

Doch Nägelkauen lässt sich in der Regel nicht allein mit Lack und Gel stoppen. Wichtig ist es Studien zufolge, die dahinterliegenden Probleme wahrzunehmen und anzugehen. Zuwendung und Aufmerksamkeit vonseiten der Eltern können helfen. In manchen Fällen bedarf es aber auch der Unterstützung einer Fachperson im Rahmen einer Psycho- oder Verhaltenstherapie.

Tipps für Eltern

  • Nicht schimpfen! Seelischer Druck kann das Verhalten verstärken.
  • Das Verhalten beobachten: Wann, wie oft und in welchen Situationen kaut ein Kind?
  • Das Kind auf das Nägelkauen ansprechen und nach möglichen Ursachen fragen.
  • Hört das Nägelkauen im Jugendalter nicht von selbst auf, den Kinderarzt ansprechen.

Strategien zur Entwöhnung: 

  • Hände anderweitig beschäftigen, beispielsweise mit einem Anti-Stressball oder Fidget Spinner
  • Bittere Tinkturen oder spezielle Lacke auftragen. Wermutkraut ist eine Alternative.
  • Nägel kurz schneiden und Kanten feilen. Nagelpflege verringert das Kaubedürfnis.
  • Ziele setzen mit Belohnung.
  • Aufs Nägelkauen aufmerksam machen, aber keinen Druck aufbauen.

Neuropsychologe Steffen Moritz vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hält ein schritt­weises Umgewöhnen für ratsam. Im Rahmen eines speziell entwickelten Therapieprogramms wird das Kauen dabei nach und nach durch eine neue Handlung ersetzt. Den Impuls haben die Betroffenen zwar weiterhin, sie können ihn allerdings umlenken – etwa indem sie die Finger statt zum Mund nun zum Ohr oder zur Nase führen.

Eine Arbeitsgruppe um Moritz teilte im Rahmen einer Studie 72 notorische Nägelkauer per Zufall auf zwei Gruppen auf. Die eine absolvierte ein Verhaltenstraining nach der Entkopplungsmethode, die andere einen Kurs in progressiver Muskelentspannung nach Jacobson.

Wie die Nachbefragung der Teilnehmer ergab, reduzierte das vierwöchige Entkopplungstraining deren Tendenz, an den Nägeln zu kauen; die Entspannungsübungen hatten keinen Effekt. Entsprechend zeigten sich die Probanden der ersten Gruppe deutlich zufriedener mit dem äusseren Erscheinungsbild ihrer Hände.

Die Entkopplungsmethode – so funktionierts!  

  1. Möglichst genau beobachten und notieren, in welchen Situationen das Nägelkauen auftritt.
  2. Sobald die Finger Richtung Mund gehen, stattdessen versuchen, diese zum Ohrläppchen, zur Nase oder zu einem anderen Punkt umzulenken. Die neue Ziel­bewegung dabei möglichst abrupt ausführen. 
  3.  Ausprobieren, welche Bewegung einem am ehesten liegt, aber nicht mehr als zwischen zwei wählen. Das Nägelkauen lässt sich gut unterbrechen, wenn ein ähnlich automatisiertes Verhalten an seine Stelle tritt. 
  4. Vor und nach der «Umleitung» die Fingernägel am Handballen oder an anderen Fingern reiben. 
  5. Das Bewegungsmuster nach etwa zwei Wochen wechseln und eine andere Ersatzhandlung einüben. Nach einer Weile wieder zu der alten Umleitungsbewegung zurückkehren.

Quelle: Steffen Moritz et al.: A Randomized Controlled Trial of a Novel Self-Help Technique for Impulse Control Disorders: A Study on Nail-Biting. In: Behavior Modification 35, 2011

Petra Seeburger
ist Intensivpflegefachfrau, Journalistin und Kommunikationsspezialistin. Sie arbeitet seit 30 Jahren im Gesundheitswesen.

Alle Artikel von Petra Seeburger

Mehr zum Thema psychische Störung:

Globi erobert nun endlich auch die Toniebox.
Advertorial
Globi, jetzt auch bei tonies®
Globi erobert nun endlich auch die Toniebox. Ab Juli erzählt er den Kindern Geschichten – natürlich auf Schwyzerdütsch.
Stress bei Lehrpersonen
Lernen
Stress belastet die Beziehung zwischen Lehrpersonen und Lernenden
Auch Lehrpersonen stehen vermehrt unter Druck. Darunter leidet das Verhältnis zu den Lernenden – ein wichtiger Schutzfaktor gegen Stress.
Wie elterlicher Stress Kindern schadet.
Erziehung
«Eltern müssen ein Bewusstsein für ihre Grenzen entwickeln»
Kümmern sich Eltern nicht um sich, schadet das dem Kind. Annette Cina sagt, wie aus elterlichem Stress kindliches Problemverhalten entsteht.
Stress bei Kindern
Lernen
Stress, Stress, Stress!
Laut Studien steigt die Belastung bei Kindern und Jugendlichen stetig. So können Sie Ihr Kind für das Thema Stress sensibilisieren.
Mädchen mit Smartwatch bei den Hausaufgaben
Elternbildung
Was tun, wenn das neunjährige Kind eine Apple Watch will?
Die neunjährige Tochter wünscht sich eine Apple Watch – weil viele in der Klasse schon eine haben. Die Mutter hat Mühe damit. Was nun?
Stress bei Kindern schnell und einfach mit Klopfen auflösen
Gesundheit
Stress bei Kindern schnell und einfach mit Klopfen auflösen
Prüfungsangst oder Bauchschmerzen wegen einem Konflikt? Mit der EFT-Klopftechnik können Kinder sich bei Stress schnell wieder beruhigen.
Erziehung ohne Gewalt
Erziehung
«Wir müssen zu Krisenmanagern unseres Familienalltags werden»
Mütter und Väter seien heute hohen Anforderungen ausgesetzt, sagt Elternkursleiterin Stéphanie Bürgi-Dollet. So gelingt gewaltfreie Erziehung.
Kommunikation: Mutter liest Sohn etwas vor.
Erziehung
4 Tipps für eine konfliktfreie Kommunikation mit Kindern
Ich-Botschaften und No-Go-Wörter: Wir zeigen Ihnen vier Strategien für eine konstruktive Kommunikation mit Ihrem Kind.
Ein Mädchen kann nicht einschlafen
Elternbildung
Hilfe, unsere Tochter kann nicht mehr allein einschlafen!
Eine Mutter ruft beim Elternnotruf an, weil ihre siebenjährige Tochter abends nicht einschlafen kann und dies die Familie belastet.
Erziehung
Wie gelingt eine gute Kommunikation in der Familie?
Im hektischen Familienalltag fällt schnell ein falscher Satz. Wie Eltern lernen, sich auf ihre Kinder einzulassen und die richtigen Worte zu finden.
Familienleben
7 Tipps, wie Eltern besser schlafen
Nur noch eine Folge der Lieblingsserie schauen oder sich auf social Media tummeln. Eltern gehen abends oft später schlafen, als ihnen guttut. So schaffen Sie es früher ins Bett.
Abschieben der Schlafenszeit
Familienleben
Wenn der Feierabend immer länger wird
Wenn der Feierabend immer länger wird Ist der Nachwuchs erst einmal im Bett, haben Eltern endlich Zeit für sich ​– und gehen schliesslich oft später schlafen, als ihnen guttut. Auszeiten während des Tages helfen, dies zu verhindern. Text: Birgit Weid
Blog
Welcher Aufschiebetyp sind Sie?
Das Aufschieben von Dingen kann viele Gründe haben, langfristig ist es vor allem belastend und Auslöser für Stress.
Welt
Blog
Zwei Welten – eine Not
Die Welt einer Profisportlerin und die Welt einer Mama sind grundverschieden. Doch wenn man hinter die Fassaden schaut, kommen Gemeinsamkeiten zum Vorschein.
Mutter_verzweifelt
Elternbildung
«Ich bin meistens recht hart zu mir selbst»
Eine Mutter ruft beim Elternnotruf an, weil sie beinahe handgreiflich geworden wäre. Die Beraterin zeigt Wege auf, um gelassener zu bleiben.
Mikael Krogerus Kolumnist
Familienleben
Vom Stress, nicht gut genug zu sein
Der gesellschaftliche Druck drängt Jugendliche und Eltern in den Perfektionismus. In den dunkelsten Stunden wendet sich Kolumnist Mikael Krogerus an Gott und bittet um Erlösung. 
Wie geht Erziehung ohne Schimpfen?
Elternbildung
Wie geht Erziehung ohne Schimpfen?
In den meisten Familien gehört Schimpfen zum Alltag: Eltern schimpfen mit ihren Kindern, mal mehr, mal weniger. Doch Grenzen und Regeln lassen sich durch Anbrüllen nicht durchsetzen.
Erziehungsmythen
Erziehung
«Eltern sollten weniger hart mit sich ins Gericht gehen»
Die Psychotherapeutin Felizitas Ambauen weiss aus ihrer Praxis, dass viele Eltern ihre Kinder anders erziehen wollen, als sie selbst erzogen wurden, und in stressigen Momenten doch in alte Muster fallen. Sie rät, Druck aus dem Familienalltag zu nehmen.
Elternbildung
«Noah muss es selbst ausbaden, wenn er morgens zu spät kommt»
Verleger Ronny Spiegelberg und sein Teenager-Sohn sind ein eingespieltes Team – auch was den Umgang mit stressigen Situationen angeht.
Dossier Elternstress
Elternbildung
«Eine Stressquelle bleibt das gemeinsame Essen»
Unternehmerin Felizitas Fluri kennt stressige Momente mit ihrer sechsköpfigen Familie zur Genüge. Doch eine Strategie hilft fast immer: möglichst viel Struktur.
Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!
Erziehung
«Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!»
«Es ist völlig okay zu sagen: Mir ist es zu viel!» Elterncoach Sandra Schwendener sagt, wie Mütter und Väter es schaffen können, ihre eigenen Kräfte richtig einzuschätzen, bevor sie ausbrennen.
Elternbildung
Elternstress: «Wir haben alle oft zu viele Bälle in der Luft»
Psychologin und Zweifachmutter Larissa Hauser findet, man müsse sich in stressigen Phasen bewusst entscheiden: Was lasse ich sein, um wieder mehr Kontrolle zu erhalten?
Familienleben
Wie können Eltern besser mit Stress im Alltag umgehen?
Viele Eltern fühlen sich im Alltag mit seinen unendlichen To-do-Listen permanent gestresst und gehetzt. Woran liegt das? Und vor allem: Wie kommen wir da wieder raus?
Die meisten Kinder werden aus Überforderung geschlagen
Elternbildung
«Die meisten Kinder werden aus Überforderung geschlagen» 
Zwei Sozialarbeiterinnen plädieren für mehr Aufklärung und Hilfsangebote für Eltern, die häufig aus Überforderung gewalttätig werden.
Elternstress: Unser Thema im März
Fritz+Fränzi
Elternstress: Unser Thema im März
Warum sich immer mehr Väter und Mütter überlastet fühlen – und wie sie einem Ausbrennen vorbeugen können.