Scheidungskinder: Wie geht eine Trennung im Guten?
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Scheidungskinder: Wie geht eine Trennung im Guten?

Lesedauer: 12 Minuten

In den letzten 50 Jahren hat sich die Scheidungsrate in der Schweiz mehr als verdoppelt. Eine Trennung muss aber nicht zwingend einen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung haben. Vorausgesetzt, die Eltern schaffen es, sich zum Wohle des Kindes zu verhalten. Wie geht das?

Text: Andres Eberhard
Bilder: Thomas Schweigert / 13 Photo

Das Wichtigste zum Thema:

Kinder leiden nicht unter der Trennung an sich, häufig aber unter ihren Folgen. Die Scheidungsfolgenforschung hat die Zusammenhänge gut untersucht: Als direkte Folgen einer Trennung gelten Konflikte zwischen den Eltern, der Verlust eines Elternteils, die psychische Verfassung des erziehenden Elternteils und ein allfälliger «ökonomischer Abstieg». Als indirekte Folgen, welche Kinder im negativen Sinne prägen können, gelten ein Umzug, der Verlust von anderen Beziehungen und die Gründung einer Zweitfamilie. Die gute Nachricht lautet: Fast alle der erwähnten negativen Folgen einer Trennung können durch das Verhalten der Eltern positiv gesteuert werden. Der Ratschlag, der von Experten am häufigsten zu hören ist, lautet deshalb: Trennen Sie die Rolle als Partner oder Partnerin von Ihrer Rolle als Mutter oder Vater, dann kommt es gut. 

Doch, das ist einfacher gesagt, als getan. Die Realität sieht oft anders aus. Viele Mütter und Väter, die sich in einer Trennung befinden, umtreiben Fragen wie:

  • Wie umgehen mit der Wut auf den Partner oder auf die Partnerin? 
  • Welche Wohnform (Nestmodell, Wochenende-Papa, Wochenende-Mama etc.) ist am besten für
    das Kind?
  • Wie stark trifft eine Trennung der Eltern die Psyche eines Kindes? 
  • Wie funktioniert man mit dem Ex oder mit der Ex als Elternpaar weiterhin? 
  • Was tun, wenn die Expartnerin oder der Expartner partout nicht kooperieren möchte?  

Antworten darauf und weitere vertiefte Informationen zum Thema Scheidungskinder lesen Sie im gesamten Artikel mit Fokus: Scheidung – und trotzdem Familien bleiben. 

Es gab Zeiten, da wurde eine Scheidung der Eltern für fast alles verantwortlich gemacht, was im Leben der Kinder schiefgehen kann: psychische Störungen, Drogenmissbrauch, Straffälligkeiten und vieles mehr. Dass selbst einige Wissenschaftler diesen «Broken home»-Ansatz vertraten, war eine Steil­vorlage für konservative Scheidungsgegner. 

Heute weiss man: Kinder leiden nicht unter der Trennung an sich, häufig aber unter ihren Folgen. Die Scheidungsfolgenforschung hat die Zusammenhänge gut untersucht: Als direkte Folgen einer Trennung gelten Konflikte zwischen den Eltern, der Verlust eines Elternteils, die psychische Verfassung des erziehenden Elternteils und ein allfälliger «ökonomischer Abstieg».

Alternierende Obhut: Vier Tage pro Woche sind Lynn, Léna, Léon und Léonor bei Karin Benninger, drei Tage bei ihrem  Vater.
Alternierende Obhut: Vier Tage pro Woche sind Lynn, Léna, Léon und Léonor bei Karin Benninger, drei Tage bei ihrem Vater.

Nun möchte aber kaum eine Mutter, kaum ein Vater, dass das Kind unter der Trennung seiner Eltern leiden muss. Nur, wie kriegt man das hin? Wir haben für dieses Dossier betroffene Familien und Expertinnen und Experten gefragt, worauf es an­­kommt.

Die gute Nachricht zuerst: Fast alle der erwähnten negativen Folgen einer Trennung können durch das Verhalten der Eltern positiv gesteuert werden. Das wiederum heisst nichts anderes als: Eine Trennung, bei der die Kinder glimpflich davonkommen, ist zu schaffen.

Dass die Scheidungsrate von 1970 bis heute von 15 auf rund 40 Prozent gestiegen ist, klingt für viele erst einmal wie das Ende des Modells «Familie». Nicht vergessen werden, sollte aber, dass es darunter sehr viele «gute Scheidungen» gibt: In etwa 85 Prozent aller Fälle schaffen es die Eltern, die Beziehung aufzulösen, die Familie aber in neuer Form zu erhalten.

Gleichwohl stellt eine Trennung eine grosse Herausforderung an die Eltern dar – gerade, weil sie sich selber in einer emotionalen Ausnahmesituation befinden. Besonders schwertun sich viele Eltern damit, ihre eigenen Konflikte nicht aufs Kind zu übertragen.

Der Ratschlag, der von Experten bei Weitem am häufigsten zu hören ist, lautet deshalb: Trennen Sie die Rolle als Partner oder Partnerin von Ihrer Rolle als Mutter oder Vater, dann kommt es gut.

«Viele Konflikte entstehen auf der Paarebene, werden aber auf der Elternebene ausgetragen», sagt Danielle Estermann vom Schweizerischen Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV). Und Oliver Hunziker vom Verein für elterliche Verantwortung (VeV) verdeutlicht: «Wenn man es schafft, zu erkennen, dass man selber seinen eigenen Partner unmöglich findet, der gemeinsame Sohn ihn aber lieb hat, dann ist man auf gutem Weg.»

Fast alle negativen Folgen einer Trennung können durch das Verhalten der Eltern positiv gesteuert werden.

Auf den Punkt gebracht: Kinder sollten nicht in den Streit der Eltern involviert werden. Das klingt einfach, ist es aber natürlich nicht. Denn kommt es zur Trennung, streiten die Eltern – so sehr man das auch zu verhindern versucht – oft auch um die Kinder. Erstens, weil niemand die Kinder verlieren möchte. Und zweitens, weil es im Trennungsverfahren immer auch um den Unterhalt der Kinder geht.

Oliver Hunziker findet dafür einfachere Worte: «Kinder bedeuten eben auch Geld.»Wenig förderlich zeigt sich dabei die Systematik unseres Rechtssystems. Eine Scheidung muss immer vor Gericht. Dafür braucht es in der Regel Anwälte. Und die sind dazu da, die Interessen einer einzigen Person zu vertreten.

Wir werden also regelrecht auf ein Seilziehen ge­­trimmt, bei dem jeder seine eigenen Interessen durchsetzen will. «Die Aufgabe von Gerichten ist, herauszufinden, wer recht hat», sagt Hunziker. Dabei würde eine gute Scheidung, vor allem wenn Kinder im Spiel sind, ein pragmatisches Mitein­ander brauchen: Kommunikation, Kom­­promisse, aufeinander zugehen.

Wenn Behörden über das «Kindeswohl» entscheiden müssen

Was passieren kann, wenn die Ko­­operationsbereitschaft zwischen den Eltern fehlt und die Behörden über das «Kindeswohl» entscheiden müssen, zeigt das Beispiel von Roland Keller* und seinen Söhnen Tim*, 16, und Manuel*, 14. (* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.)

Fragt man Roland Keller, ob er in den letzten Jahren Weihnachten gemeinsam mit den Kindern feiern konnte, muss er in seinen Unterlagen nachschauen. Auf dem Tisch liegen Sichtmäppchen mit unzähligen Dokumenten. Zum Gesprächstermin hat Keller auch ausgedruckte SMS seiner Kinder mitgebracht, die beweisen sollen, dass seine Söhne ihn gernhaben. Oder vielleicht auch eher: dass er im Recht ist.

Zu Hause im Regal stehen weitere sechs Bundesordner gefüllt mit Gerichtsakten, Korrespondenzen mit Beiständen und Anwälten, Protokollen der KESB und der Polizei. Keller zieht eine Akte hervor und sagt: «Ah, hier, die Feiertagsregelung: In geraden Kalenderwochen sind die Kinder zu Neujahr und Ostern bei mir.» Und Weihnachten? «Wir waren in einer Pizzeria, doch nach zwei Stunden wollte der Jüngere wieder nach Hause.» 

Experten raten im Scheidungsfall, die Rolle als Partner oder Partnerin von der Rolle als Vater oder Mutter zu trennen.

Zwei Jahre seines Lebens hat Roland Keller damit verbracht, mit den Behörden zu streiten. «Ich hatte kein eigenes Leben mehr», sagt er. Getrennt leben Keller und seine Ex-Frau schon seit 2010, doch erst 2015 kam es zu Vorfällen, die entweder als erzieherische Überforderung oder häusliche Gewalt interpretiert werden können, je nachdem, wem man glaubt.

Keller sagt, seine Kinder hätten nur noch gegamt, da habe er mal durchgreifen wollen, es sei zu einem harmlosen Gerangel ge­­kommen. Seine Frau jedoch reichte ein. Das Verfahren wurde später eingestellt. Als Sofortmassnahme hatte die KESB aber das Besuchsrecht von Keller sistiert. Der Vater wehrte sich, es folgte ein gehässiger Schlagabtausch. Für eine Zeit sprachen Kellers Kinder öfter mit Beiständen und Polizisten als mit dem eigenen Vater.

Am Ende hatte Keller vor dem Zürcher Obergericht Erfolg – die KESB habe die Besuche zu Unrecht eingestellt, stand im Urteil. Seither darf Keller seine Söhne wieder sehen. Da der Vater 45 Autominuten entfernt wohnt, klappt das allerdings nur jedes zweite Wochenende. Für die Übergabe wartet er draussen im Auto, ins Treppenhaus darf er nicht. Als Ge­­winner sieht sich Keller nicht. «Das Verhältnis zu den Kindern ist viel schlechter als vorher. Es ist viel kaputtgegangen in diesen zwei Jahren.» 

Kinderfreundliche Obhut

Die Konflikte zwischen den Eltern dürften eines der grössten Hindernisse auf dem Weg zu einer für die Kinder «guten Trennung» sein. Negativ aufs Wohlbefinden des Kindes wirkt sich nachweislich auch der Kontaktabbruch zu einem Elternteil aus – in der Realität meistens zum Vater. Die Erkenntnisse der Wissenschaft eindeutig: Kinder brauchen beide Eltern.

Interessant ist, dass Kinder dabei nicht die Person an sich vermissen, sondern vielmehr die Bedürfnisse und Erfahrungen, die mit der Person einhergehen. Theoretisch kann also auch eine andere Bezugsperson die Rolle des abwesenden Vaters oder der abwesenden Mutter einnehmen – eine Erkenntnis, die insbesondere für Patch­­work-Familien interessant sein dürfte.

Mahalia Kelz trennte sich nach elf Jahren von ihrem Mann. «Was meine Söhne und ich danach durchmachen mussten, wünsche ich keiner Familie.»
Mahalia Kelz trennte sich nach elf Jahren von ihrem Mann. «Was meine Söhne und ich danach durchmachen mussten, wünsche ich keiner Familie.»

Grundsätzlich aber sollten die Eltern ein Interesse daran haben, dass der Kontakt zu keinem Elternteil verlorengeht. Entscheidend da­für ist die Obhutsregelung: Wo wohnt das Kind, wie oft sieht es den anderen Elternteil?

Drei Wohnformen sind üblich: Am häufigsten ist nach wie vor das sogenannte Residenzmodell. Die Kinder wohnen bei einem Elternteil – in der Regel der Mutter – und besuchen den anderen bei ihm zu Hause und verbringen einen Teil der Ferien mit ihm. Beim (seltenen) Nestmodell bleiben die Kinder in derselben Wohnung, die Eltern wechseln sich dort mit der Betreuung der Kinder ab.

Über das dritte Modell wird derzeit in der Politik und in den Medien viel diskutiert: die sogenannte alternierende Obhut (auch: Wechselmodell). Die Kinder leben abwechselnd bei beiden Elternteilen – zu mindestens 30 Prozent. Seit 2017 prüfen Schweizer Gerichte die alternierende Obhut, wenn die Kinder oder ein Elternteil dies verlangen – also auch dann, wenn sich ein Partner dagegen ausspricht. Allerdings zeigen sich die Richter in der Praxis bisher sehr zurückhaltend, dieses Modell gegen den Willen eines Elternteils anzuordnen. 

Links zum Thema Trennung:

Der Schweizerische Verband alleinerziehender Mütter und Väter (SVAMV) bietet Beratungen an für Betroffene aus Einelternfamilien zu den Themen Geld, Recht (unverbindlich) sowie psychosoziale Belastungen. www.svamv.ch

Der Verein für elterliche Verantwortung (VeV) bietet ebenfalls Beratungen an und ist in sieben Kantonen mit Selbsthilfegruppen präsent. Er organisiert auch Fachtagungen und eine Weiterbildung zum Trennungsberater. www.vev.ch

Die Kinderrechtsorganisation Kisos bietet Beratungen durch Mediatoren an. www.kisos.ch

Das «International Council on Shared Parenting» ist eine internationale Organisation, die wissenschaftliche Forschung zu geteilter Elternschaft fördert. www.twohomes.org

Mediationsangebote in der Deutschschweiz (durch Beraterpaar Mann/Frau mit juristischer und psychosozialer Grundausbildung durchgeführt) sind zu finden auf:  www.scheidungsberatung.ch

Sonya Gassmann bietet Mediationen für die ganze Familie (auch Kinder) an: psychologie-be.ch

Die Psychologin im Fritz+Fränzi-Interview: Was hilft Kindern bei einer Trennung?

Expertinnen und Experten wie die deutsche Familienrechtsprofessorin Hildegund Sünderhauf sehen die alternierende Obhut als ideal für Kinder an, weil sie den regelmässigen Kontakt zu beiden Elternteilen ermöglicht, ohne dass wie beim Nest­­modell ein gemeinsamer Haushalt weitergeführt werden muss (was eine äusserst hohe Kooperations­bereitschaft erfordert). Elternverbände fordern gar, dass die alternierende Obhut in der Schweiz zum Regelfall werden soll.

Kritiker bemängeln jedoch, dass dies realitätsfremd sei. Eine vom Bund in Auftrag gegebene Studie der Universität Lausanne kommt zum Fazit: «Die in der Schweiz herrschenden sozialen Bedingungen verunmöglichen eine allgemeine Einführung der alternierenden Obhut.»

Oder anders gesagt: Wie auch soll es möglich sein, dass ein Gesetz getrennte Paare dazu zwingt, ein egalitäres Modell zu leben, wenn dies noch nicht einmal zusammenlebende Paare hinbekommen?

Nach einer Trennung sei es den finanziell besser gestellten Kreisen vorbehalten, sich eine zweite grosse Familienwohnung in der Nähe zu leisten und sich flexible Arbeitszeiten einzurichten, welche eine egalitäre Kinderbetreuung zulassen, argumentieren die Lausanner Wissenschaftler. 

Räumliche Nähe zahlt sich aus

Dass die alternierende Obhut funktionieren kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, zeigt das Beispiel von Karin und Marc Benninger aus dem Kanton Freiburg. Als sie sich für eine Trennung entschieden, waren sie mit ihren vier gemeinsamen Kindern auf einer halbjährigen Weltreise. Seither teilen sie sich die Obhut von Lynn, 17, Léon, 13, Léna, 12, und Léonor, 7. Vier Tage pro Woche sind die Kinder bei der Mutter, drei beim Vater.

Eine gänzlich harmonische Trennung sei es nicht gewesen, erzählt Mutter Karin, «aber für uns beide war klar, dass wir über unseren Schatten springen mussten. Die Kinder leiden unter der Trennung schon genug.» Noch während der Weltreise informierten sie die Kinder über den Entscheid.

Das Wichtigste und Schwierigste zugleich ist es, solidarisch zu bleiben.

Karin Benninger

Diese seien erleichtert gewesen. «Sie merkten ja, dass etwas nicht stimmt, wussten aber nicht, was los ist.» Marc Benninger sagt, dass nicht alle die Trennung problemlos weggesteckt hätten. Ein Kind hatte vermehrt Schlafprobleme, ein anderes sei wütend auf die Mutter gewesen, welche die Trennung ausgesprochen hatte.

Zwei Jahre später steuert die Familie auf ruhigere Gewässer zu. Die Eltern versuchen, miteinander zu reden, über schulische Dinge oder darüber, wie man mit den Kindern über die neue Situation spricht. «Das Wichtigste und Schwierigste zugleich ist es, solidarisch zu bleiben», sagt Karin Benninger.

Damit meint sie, dass man vor den Kindern den Partner nicht schlechtmacht, nicht versucht, den anderen mit einem besseren Kinderprogramm zu überbieten. Und dass man an einem gemeinsamen Strick zieht, damit die Kinder ihre Eltern nicht gegeneinander ausspielen.

Marc Benninger mit Ex-Frau Karin: «Das Wichtigste ist, den Fehler bei sich und nicht beim anderen zu suchen.»
Marc Benninger mit Ex-Frau Karin: «Das Wichtigste ist, den Fehler bei sich und nicht beim anderen zu suchen.»

Nicht das, nicht dies, nicht jenes: Für viele Eltern, die sich in einer emotional stressigen Trennungssituation befinden, kann das wirken wie Hohn. Auch Karin Benninger weiss das: «Am Anfang schafft man das nicht immer. Es soll aber das Ziel sein. Und mit der Zeit gelingt es auch.»

Geholfen hat der Familie Benninger auch, dass sich die Eltern bereits vor der Trennung die Erziehung der Kinder aufgeteilt hatten, wie Karin Benninger sagt. «Wir haben beide relativ flexible Arbeitszeiten.» Ein zentraler Punkt sei zudem, dass die Kinder in ihrer gewohnten (Schul-)Umgebung bleiben konnten.

So zog Mutter Karin nach der Trennung ins Nachbardorf, das nur eine fünf­minütige Autofahrt entfernt liegt. Das biete auch für die Eltern Vorteile: «Wenn etwas vergessen geht, kann man es schnell holen gehen.»

Eltern verarbeiten eine Trennung sehr individuell

Eine nicht zu vernachlässigende Erkenntnis der Scheidungsfolgenforschung: Kinder leiden, wenn es den Eltern schlecht geht. Aus diesem Grund sollten sich Eltern auch um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern – und Strategien für die Verarbeitung einer Trennung entwickeln. Marc Benninger, der Vater von Lynn, Léon, Léna und Léonor, meditiert seit Jahren 15 Minuten pro Tag. «Das hat mir enorm geholfen, die Trennung zu akzeptieren und Frieden zu finden.» Etwas vom Wichtigsten sei es, den Fehler bei sich zu suchen und nicht beim anderen, sagt Benninger.

Wie Eltern eine Trennung verarbeiten, ist sehr individuell. Manche wie Marc Benninger tun das für sich, andere sprechen mit Freunden, wieder andere suchen sich professionelle Hilfe bei Psychologen oder Media­­toren. Einen anderen Weg, eine Trennung zu verarbeiten, schlägt Andrea Marco Bianca, reformierter Pfarrer aus Küsnacht, vor. Und zwar einen, der besonders für Kinder gut geeignet ist: Bianca rät, sogenannte Scheidungsrituale durchzuführen. Dabei handelt es sich um symbolische Akte, bei denen es um die Auflösung des Eheversprechens und eine Neuformulierung des Elternversprechens geht.

Zum Beispiel trifft man sich an einem bedeutungsvollen Ort – in einer Kirche, im Wald, auf einem Berg – und führt eine kurze Zeremonie durch. Beim Ritual gilt: Alles ist möglich, vom einfachen Handschlag oder dem Anstossen mit einem Glas Prosecco in den eigenen vier Wänden bis hin zu einer gros­sen Zeremonie mit Pfarrer und Gästen an einem Lagerfeuer, bei dem die Ex-Partner ihre Eheringe ver­graben.

Zentral ist, dass Eltern im Rahmen der Zeremonie ein paar persönliche, vorbereitete Worte aussprechen. «Dem Ex-Partner wird für das Gute ge­dankt und für das Schlechte vergeben», sagt Bianca. Wichtig sei, was Eltern im Rahmen dieser kurzen Rede ihren Kindern versprechen: «Etwa, dass mit der Liebe zwischen den Eltern nicht die Liebe zu den Kindern verloren geht.»

Scheidungsrituale können helfen, eine Trennung zu verarbeiten. Zum Beispiel, indem die Ex-Partner ihre Eheringe gemeinsam im Wald vergraben.

Andrea Marco Bianca

Zu­­dem gelte es, den Kindern die Schuld und die Verantwortung zu nehmen. «Kinder erleben oft Schuld- und Schamgefühle. Darum hilft es, ihnen zu versichern: ‹Du bist nicht schuld, du kannst es nicht ändern und du musst auch nichts machen.» Der Vorteil von Ritualen im Vergleich zu nur in Worte gefassten Versprechen ist, dass sie erfahrbar sind. Bilder, Gesten, Symbole oder Erlebnisse bleiben nun einmal besser in Erinnerung als ein paar Sätze am Familientisch.

Ein weiterer Vorteil: Rituale sind starke Signale nach aussen. «Verwandte und Freunde, die sich aus Unsicherheit womöglich abwenden würden, merken: Die schaffen es.» Auch wenn es kein leichter Weg ist: Es gibt also einige Strategien, die Eltern dabei helfen, die häufigsten schädlichen Folgen einer Trennung in den Griff zu bekommen.

Sowohl gegen Konflikte mit dem Partner als auch für das eigene Wohlbefinden lässt sich etwas tun. Mit der Wahl einer kinderfreundlichen Obhutslösung können Eltern zudem dafür sorgen, dass das Kind durch die Trennung keinen Elternteil verliert.

Ob ein Kind schliesslich mit der Situation einer Patchworkfamilie zurechtkommt, ist eine sehr individuelle Frage.

Nicht vergessen werden, sollten dabei die indirekten Folgen, die eine Trennung auf das Kind haben kann: Umzug, Verlust von Bekannten und häufig auch eine neue Familie. Gerade ein Umzug kann für Kinder schlimm sein, weil sie aus ihrem sozialen Umfeld gerissen werden.

Viele Eltern wie die Familie Benninger sorgen darum dafür, dass sie auch nach der Trennung nah beieinander wohnen. Mit guter Kommunikation nach aussen – warum nicht mit einem Scheidungsritual – lässt sich zudem verhindern, dass sich Verwandte oder Bekannte aus Unsicherheit abwenden.

Ob ein Kind schliesslich mit der Situation einer Patchworkfamilie zurechtkommt, ist eine sehr individuelle Frage. Die Forschung zeigt zumindest auf, dass es möglich ist. Schliesslich können ein «Bonus­papa» oder eine «Bonusmama» für ein Kind genauso ein Vorteil sein wie neue Halbgeschwister. Nur für eine Konsequenz einer Trennung sind gute Ratschläge teuer: Oft geraten Einelternhaushalte in finanzielle Schwierigkeiten, meist alleinerziehende Mütter.

Buchtipps:

Remo H. Largo, Monika Czernin: Glückliche Scheidungskinder. Trennungen und wie Kinder damit fertig werden.
Piper, 2003. Orell Füssli, Fr. 24.90

Hildegund Sünderhauf: Wechselmodell: Psychologie – Recht – Praxis. Springer, 2013. Orell Füssli, Fr. 199.-

 

Andrea Büchler, Heidi Simoni (Hg.): Kinder und Scheidung. Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge.
Rüegger Verlag, 2009. Orell Füssli, Fr. 55.-

Andrea Marco Bianca: Scheidungsrituale. Globale Bestandsaufnahme und Perspektiven für eine glaubwürdige Praxis in Kirche und Gesellschaft. TVZ, 2015. Orell Füssli, Fr. 93.90

Die Gründe für den «ökonomischen Abstieg» liegen darin, dass die Mütter vor der Trennung nicht oder nur Teilzeit berufstätig waren und dann auf einen Schlag zur Haupternährerin der Familie werden. Dies lässt sich kaum verhindern, es sei denn, man teilt Betreuungs- und Arbeitsverhältnisse bereits vor der Trennung auf. Danielle Estermann vom SVAMV rät: «Im besten Fall wird die Betreuung bereits thematisiert, wenn das Kind unterwegs ist.»

Wohl jede Familie wünscht sich, dass sie zusammenbleibt, am besten bis ans Ende aller Tage. Gelingt das nicht, fühlt sich das an wie ein Scheitern. Ein Happy End trotz Trennung scheint erst einmal un­­denkbar. Wer an diesem Punkt ist, sollte sich einen Ratschlag des Kinderarztes Remo Largo zu Herzen nehmen, der im Buch «Glückliche Scheidungskinder» niedergeschrieben ist.

Seine Co-Autorin Monika Czernin hat sich soeben getrennt und sorgt sich, was nun aus ihrer Tochter wird. ­Largo, selbst seit vielen Jahren geschieden, sagt: «Wenn ihr als Eltern die Bedürfnisse eurer Tochter weiterhin ausreichend ab­­deckt und es euch selbst nach der Trennung gut geht, wird nichts passieren.»

Andres Eberhard
ist freischaffender Journalist und lebt mit seiner Familie in Zürich.

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