Erwachsen werden in ungewissen Zeiten
Schule

Erwachsen werden in ungewissen Zeiten

Unsere Kinder wurden in eine sich immer schneller wandelnde Welt ­hineingeboren. Das verunsichert. Wie junge Menschen mit dieser Unsicherheit leben können, soll auch die Schule vermitteln.
Text: Susanne Schweizer
Bild: Rawpixel.com
Von meinem Fenster aus höre ich das Treiben im Hof unter mir – es ist die Orientierungswoche an der University of New South Wales in Sydney. Doch dieses Jahr klingen die Geräusche gedämpfter. Es fällt auf, dass die vielen chinesischen Studierenden fehlen, die wegen der Reisebeschränkungen nicht einreisen konnten.

In den nächsten Wochen beginnt nicht nur für die Studierenden ein neues Kapitel ihres Lebens. In ganz Australien bereiten sich junge ­Menschen auf einen wichtigen Lebensabschnitt vor: den Übertritt in die Sekundarschule. Beide Bildungsumgebungen werden sich prägend auf die jungen Leute auswirken. Sie ­versprechen neues Lernen, Herausforderungen für Körper und Geist, Freundschaften und die erste grosse Liebe. Warum fürchten sich dann so viele davor? Und warum tun sich immer mehr junge Menschen schwer mit diesen Übergängen? So schwer, dass daraus zum Teil lebenslange psychische Probleme entstehen?

Psychische Belastungen nehmen bei jungen Menschen weltweit zu

Übergänge im Jugendalter sind geprägt von sich verändernden Umfeldern und neuen Verantwortlichkeiten, und die Jugend gilt schon lange als eine Zeit der Unsicherheit. Doch das neue Schulumfeld allein kann nicht erklären, warum wir ­heute unter jungen Menschen weltweit immer mehr psychische Belastungen feststellen. Wie steht es denn mit allgemeinen Unsicherheiten, die sie um sich herum erleben?

Die Studierenden unten im Hof beginnen ihren neuen Lebensabschnitt, als die australischen Buschfeuer gerade von Überschwemmungen abgelöst werden. Sie wissen nicht, welche Teile des Landes noch bewohnbar oder erschwinglich sein werden, wenn sie sich einmal ein eigenes Zuhause aufbauen wollen. Sie sorgen sich um die Luftqualität und um die Folgen für die Kinder, die sie eines Tages haben möchten. Und sie erleben die negativen Auswirkungen von Naturkatastrophen und Pandemien auf die australische Wirtschaft.
Anders als die ­Babyboomer und ihre ­Kinder wurden heutige Jugendliche in eine instabile Welt geboren.
Jugendliche, die dieses Jahr in die Sekundarschule übertreten, wurden auf dem Höhepunkt der Weltfinanzkrise geboren, und junge Hochschulabsolventen wuchsen in unbeständigen Zeiten auf. Im Gegensatz zum wirtschaftlichen Klima, in das die Babyboomer und ihre Kinder hineingeboren wurden, können wir uns heute nicht auf Stabilität verlassen, und Nachrichten über unbeständige Märkte und Wirtschaftsblasen sind an der Tagesordnung. Die jungen Menschen von heute sehen sich also mit einer unsicheren ökonomischen und ökologischen Zukunft konfrontiert.

Doch die grösste Unsicherheit, der diese jungen Menschen ausgesetzt sind und die sie fürchten, ist ihr neues soziales Umfeld. Jugendliche reagieren auf soziale Ablehnung, besonders durch Mitschüler, sehr sensibel, und das wirkt sich negativ auf die Entwicklung ihres Selbstempfindens aus. Anerkennung ist für sie das wertvollste Gut.

Die meisten Erwachsenen können sich lebhaft an peinliche Momente vor ihren Mitschülern erinnern (ich zum Beispiel habe ausgerechnet dem Jungen, in den ich bis über beide Ohren verliebt war, aus Versehen meinen Salat ins Gesicht gespuckt) oder an tief sitzende, schmerzhafte Ablehnung. Und vielleicht erinnern sich diese Erwachsenen auch daran, damals in ihrem Zimmer Zuflucht gesucht zu haben, einem nicht-sozialen Raum. Im Zeitalter der sozialen Medien und mobilen Geräte ist es heute jedoch schwierig geworden, einen Ort zu finden, der von sozialer Kontrolle frei ist.

In der Schule dreht sich alles um gesichertes Wissen und Fakten

Erstaunlicherweise scheint das für die meisten jungen Menschen kein Problem zu sein. Aus einer gross angelegten Studie mit mehr als 350 00 jungen Menschen sowie aus prospektiven Studien geht hervor, dass in der Bevölkerung insgesamt kaum ein Zusammenhang zwischen psychischen Problemen und der Nutzung mobiler Geräte besteht. Allerdings zeigt die Forschung auch, dass Menschen unterschiedlich sensibel auf soziale und andere Unsicherheiten reagieren. Eine hohe Intoleranz gegenüber solchen ­Unsicherheiten gilt als bekannter Risikofaktor für Depressionen und Angststörungen, zwei Bereiche, die besonders stark zunehmen. Jugendliche, die auf Unsicherheiten sensibel reagieren, leiden also unter Umständen unter der sozialen Omnipräsenz, die sie seit ihrem ersten Smartphone kennen.
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Im Zeitalter der sozialen Medien und mobilen Geräte ist es schwierig geworden, einen Ort zu finden, der frei von sozialer Kontrolle ist.
In der Schule dreht sich alles ­darum, Gesichertes zu lernen, greifbare Fakten zu haben. Ja, unsere ganze Gesellschaft ist darauf ausgerichtet, Fortschritt mit der Eliminierung von Ungewissheit gleichzu­setzen. Wir wollen das Wetter vorhersagen, die Börsenbewegungen und die Zukunft unserer Meere. Das sollten wir auch weiterhin tun, allerdings im Wissen um das Unerwartete, das nicht Einschätzbare und den immer rasanteren Wandel.

Lernen, mit Ungewissheit ­umzugehen

Wie können wir junge Menschen auf diese Flut der Ungewissheit vorbereiten? Helga Nowotny, eine österreichische Soziologin und ehemalige Präsidentin des Europäischen Forschungsrats, schlägt vor, zu überdenken, wie wir Kinder an Unsicherheiten heranführen, und zwar schon in der Grundschule. Ihrer Meinung nach ist das Lernen, mit Ungewissheit umzugehen, eine unserer wichtigsten kulturellen Ressourcen.

Wissenschaftlern ist bewusst, dass alles, was wir lernen, widerlegbar ist, und Forschung, so schreibt Nowotny, sei «ein starker, systematischer Prozess, der Unsicherheiten ausräumen will, nur um dann wieder mit neuen Unsicherheiten konfrontiert zu werden». Wenn wir in Kindern und der ganzen Gesellschaft ein Bewusstsein für diesen Prozess wecken, können unsere Jugendlichen ihrer äusserst unsicheren Zukunft vielleicht resilienter entgegenblicken. 

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf BOLD – Blog on Learning and Development im Februar 2020.

BOLD Blog

Der Blog, eine Initiative der Jacobs ­Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen. ­Spitzenforscherinnen wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen. 

Mehr lesen: www.boldblog.org

<div><strong>Susanne Schweizer </strong>ist Sir Henry Wellcome Fellow im Fachbereich für Psychologie der Universität Cambridge sowie an der ­University of New South Wales in Sydney. In ihrer Forschung befasst sie sich mit dem Zusammenhang zwischen bestimmten ­kognitiven Fähigkeiten und dem Wohl­befinden und untersucht, wie sich dieser Zusammenhang im Lebensverlauf entwickelt. Schweizer kombiniert experimentelle und ­klinische Psychologie mit Ansätzen der ­kognitiven Entwicklungsneuropsychologie.</div>
Susanne Schweizer ist Sir Henry Wellcome Fellow im Fachbereich für Psychologie der Universität Cambridge sowie an der ­University of New South Wales in Sydney. In ihrer Forschung befasst sie sich mit dem Zusammenhang zwischen bestimmten ­kognitiven Fähigkeiten und dem Wohl­befinden und untersucht, wie sich dieser Zusammenhang im Lebensverlauf entwickelt. Schweizer kombiniert experimentelle und ­klinische Psychologie mit Ansätzen der ­kognitiven Entwicklungsneuropsychologie.

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