Legasthenie: Förderung bereits im Kindergarten notwendig - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Legasthenie: Förderung bereits im Kindergarten notwendig

Lesedauer: 4 Minuten

Mithilfe von Gehirnscans untersucht Neurowissenschaftler John Gabrieli, was Kinder mit einer Lese-Rechtschreib-Störung von anderen unterscheidet. Das könnte den Weg für neue Interventionen ebnen. 

Interview: Meeri Kim
Bild: Pexels

Herr Gabrieli, was weiss die Neurowissenschaft über Legasthenie und wie hat sich das Wissen über die Jahre verändert?

Die Ursachen für die Legasthenie oder Lese-Rechtschreib-Störung, die in verschiedenen Ausprägungen zehn bis zwölf Prozent aller Kinder betrifft, sind noch nicht restlos geklärt. Man glaubte früher, das Hauptproblem bestehe in der Einführung einer visuellen Komponente der Sprache: Schliesslich lernt ein betroffenes Kind zu Hause problemlos sprechen, hat dann jedoch in der Schule Schwierigkeiten mit der geschriebenen Sprache.

Und heute?

Heute ist man sich weitgehend einig, dass das Auftreten einer Legasthenie in der Regel etwas mit der Verarbeitung der gesprochenen Sprache zu tun hat. So verfügen manche Kinder über mangelnde phonologische Bewusstheit, eine Fähigkeit, durch die wir explizit verstehen, dass ein Wort aus mehreren Lauten besteht. Kinder, die diese Kompetenz nicht entwickeln, haben Schwierigkeiten, Laute mit geschriebenen Buchstaben und ihnen bekannten Wörtern in Verbindung zu bringen.

Professor John Gabrieli leitet das Athinoula A. Martinos Imaging Center am McGovern Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA.   Neben seiner Forschungstätigkeit lehrt er im Department of Brain and Cognitive Sciences und ist Grover Hermann Professor in der Harvard-MIT Division of Health Sciences and Technology. Ausserdem ist er in der Abteilung für Psychiatrie am Massachusetts General Hospital und an der Harvard Graduate School of Education tätig und leitet die MIT Integrated Learning Initiative. Im Rahmen seiner Arbeit nutzt John Gabrieli Neuroimaging – die bildliche Darstellung von Struktur und Funktionsweise des Gehirns beim lebenden Menschen –, um grundlegende Fragen zu Emotionen, Alterung und Erinnerungsvermögen zu erforschen.
Professor John Gabrieli leitet das Athinoula A. Martinos Imaging Center am McGovern Institute des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA. Neben seiner Forschungstätigkeit lehrt er im Department of Brain and Cognitive Sciences und ist Grover Hermann Professor in der Harvard-MIT Division of Health Sciences and Technology. Ausserdem ist er in der Abteilung für Psychiatrie am Massachusetts General Hospital und an der Harvard Graduate School of Education tätig und leitet die MIT Integrated Learning Initiative. Im Rahmen seiner Arbeit nutzt John Gabrieli Neuroimaging – die bildliche Darstellung von Struktur und Funktionsweise des Gehirns beim lebenden Menschen –, um grundlegende Fragen zu Emotionen, Alterung und Erinnerungsvermögen zu erforschen.

Geht diese mangelnde phonologische Bewusstheit mit wahrnehmbaren Unterschieden in der Struktur oder Funktionsweise des Gehirns einher?

Es gibt einige Hinweise darauf, dass mindestens zwei für das Lesen wichtige Hirnbereiche bei Kindern mit schwacher Lesekompetenz anders funktionieren, was sich nachteilig auswirkt. Beide Bereiche befinden sich in der linken Gehirnhälfte, die unter anderem für die Sprachkompetenz zuständig ist und mit zunehmender Erfahrung fürs Lesen immer wichtiger wird. Ein Teil des linken Temporallappens ist für das Erkennen geschriebener Sprache zuständig, ein Bereich im Parietallappen für die Verbindung von Laut und Schrift.

Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass diese Hirnbereiche bei Kindern und Erwachsenen mit Legasthenie anders funktionieren. Ausserdem wurde nachgewiesen, dass sich die Anatomie des Gehirns bei legasthenischen Kindern in manchen Aspekten von anderen unterscheidet. Diese Unterschiede treten schon vor dem Schuleintritt auf, teils bereits im ersten Lebensmonat.

Ihr Forschungslabor hat kürzlich eine Studie zur Gehirnplastizität bei Menschen mit Legasthenie veröffentlicht. Was haben Sie herausgefunden?

Bei Personen mit normaler Lesefähigkeit verarbeitet das Gehirn wiederholt Gesehenes oder Gehörtes immer effizienter. Bereits nach der zweiten, dritten oder vierten Wiederholung erkennt man diese Effizienz an einer niedrigeren Gehirnaktivierung als Reaktion auf die entsprechenden Reize.

Und bei Personen mit einer Leseschwäche?

Mithilfe von Magnetresonanztomografie (MRT) konnten wir sehen, dass das Gehirn von legasthenischen Erwachsenen und Kindern auf wiederholte auditive oder visuelle Reize viel weniger anpassungsfähig reagiert. Das lässt auf mehr Rigidität und weniger Plastizität schliessen. Zu diesen Reizen zählten auch gesprochene und geschriebene Wörter. Man kann davon ausgehen, dass eine weniger effiziente Verarbeitung solcher Informationen für das Lesenlernen von Nachteil ist.

Überrascht hat uns, dass die geringere Plastizität auch Aspekte betraf, die mit dem Lesen nichts zu tun haben, wie das Erkennen von Gesichtern und Objekten. Da man Menschen mit Legasthenie bisher nicht mit Schwierigkeiten bei der Gesichts- oder Objekterkennung in Verbindung gebracht hat, ist uns dieses Resultat ein Rätsel.

Ein Jahr zuvor haben Studien gezeigt, dass Legastheniker es schwieriger finden, Stimmen zu erkennen. Hat das ebenfalls mit einer geringeren Gehirnplastizität zu tun?

Ja. Und dieses Forschungsergebnis hat den Anstoss für die neue MRT-Studie gegeben. Wir fanden heraus, dass Legastheniker im Vergleich zur Kontrollgruppe Stimmen schlechter erkennen, und wollten wissen, wie es sich mit der Gehirnplastizität verhält, die den Lernprozess unterstützt.

Welche Frühinterventionen gibt es für Kinder mit Legasthenie?

Es gibt Leseprogramme in Kleingruppen mit einer speziell dafür ausgebildeten Lehrperson. Dort geht es um die Wahrnehmung der einzelnen Sprachlaute und um die Verbindung zwischen Laut und Schrift. Das ist also ein recht direkter Ansatz. Fast alle Kinder lernen das ohnehin in der Schule als Teil des Lehrplans, aber manche brauchen eben ein bisschen mehr Hilfestellung.

Leider ist es in unserem Schulsystem üblich, erst zu reagieren, wenn es zu spät ist.

Helfen diese überhaupt?

Es gibt überzeugende Hinweise darauf, dass Interventionen dieser Art am wirksamsten sind, wenn sie im Kindergarten oder in der 1. Klasse eingesetzt werden. Mit jedem weiteren Schuljahr helfen sie den Schülern weniger. Je schneller wir Legastheniker identifizieren und unterstützen, desto besser ist das für sie. Leider ist es in unserem Schulsystem üblich, erst zu reagieren, wenn es zu spät ist.

Wohlmeinende Lehrer können sich nicht entscheiden, ob ein Schüler tatsächlich ein Leseproblem hat, bis er so weit hinterherhinkt, dass das Problem zur Krise wird. Das ist tragisch, denn so verpassen diese Kinder nicht nur die Chance auf frühzeitige Unterstützung, sondern bekommen auch das Gefühl, in der Schule zu versagen. Schüler, die weit hinter der Leistung ihrer Klassenkameraden zurückliegen und mit dem Unterrichtsstoff kämpfen, verlieren ihren Optimismus und ihr Selbstvertrauen in Bezug auf die schulische Leistungsfähigkeit.

Glauben Sie, dass Ihre Forschungsergebnisse zu einer Verbesserung der aktuellen Interventionen beitragen könnten?

Wenn wir künftig Unterschiede im Gehirn bereits kurz nach der Geburt feststellen, sind wir in der Lage, ganz neue Interventionen zu entwickeln, die bereits zu Hause eingesetzt werden könnten. Das wäre zwar zunächst nur ein Versuch, doch womöglich bekämen Kinder dann bereits vor der Einschulung Unterstützung.

An Tieren erforscht man derzeit die spannende Möglichkeit, Medikamente zur Förderung der Plastizität zu entwickeln – das ist allerdings für den Einsatz beim Menschen noch nicht geeignet. Es ist schwer vorstellbar, dass es einmal Arzneimittel geben könnte, die sich direkt auf die Sprachkompetenz auswirken, doch Medikamente zur Förderung der Plastizität sind durchaus denkbar. Bevor eine derartige Behandlung beim Menschen in Betracht gezogen werden kann, müssten allerdings zunächst einige ethische Fragen geklärt werden.

Dieser Text erschien zuerst in englischer Sprache auf BOLD – Blog on Learning and Development.

BOLD

Die Plattform BOLD, eine Initiative der Jacobs Foundation, hat sich zum Ziel gesetzt, einer weltweiten und breiten Leserschaft näherzubringen, wie Kinder und Jugendliche lernen. Spitzenforscherinnen wie auch Nachwuchswissenschaftler teilen ihr Expertenwissen und diskutieren mit einer wissbegierigen Leserschaft, wie sich Kinder und Jugendliche im 21. Jahrhundert entwickeln und entfalten, womit sie zu kämpfen haben, wie sie spielen und wie sie Technologien nutzen.

Mehr lesen: www.bold.expert

Mehr Texte aus der BOLD-Serie

Tipps für Familienferien im Berner Oberland, günstig und mit viel Spass
Advertorial
Familienferien im Berner Oberland – günstig und abwechslungsreich
Mit diesen Tipps für unvergessliche Sommerferien im Berner Oberland kommt die ganze Familie auf ihre Kosten.
Medien beeinflussen das Körperbild.
Entwicklung
Wie Medien das Körperbild eines Kindes beeinflussen
Viele Faktoren haben einen Einfluss darauf, wie zufrieden ein Kind mit seinem Körper ist. Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle.
Entwicklung
Wie können Kinder mit einer Sprachstörung ihre Gefühle ausdrücken?
Kinder mit Sprachstörungen brauchen Unterstützung, um ihre Emotionen zu bewältigen. Was Eltern und Lehrpersonen tun können.
Entwicklung
Die emotionale Stärke von Jugendlichen fördern
Das Üben von sozialen und emotionalen Fähigkeiten kann die psychische Gesundheit von Jugendlichen verbessern.
Lernen
Hyperaktive Kinder brauchen eine günstige Lernumgebung
Kinder mit der Diagnose ADHS haben spezielle Bedürfnisse. Was ihnen beim Lernen hilft, sind eine angepasste Unterrichtsatmosphäre sowie spezielle Lehrmittel.
Familienleben
Wie Eltern ihr Kind richtig loben
Um das Selbstbewusstsein von Kindern zu stärken, ist Lob nicht das wirkungsvollste Mittel.
Lernen
Wie wird die Schule zu einem glücklichen Ort?
Menschen, Abläufe und Orte können Kindern dabei helfen, die Herausforderungen in einer Lernumgebung wie der Schule zu meistern.
Entwicklung
«Schüler profitieren, wenn sie mehr Verantwortung erhalten»
Teenager könnten viel von Gleichaltrigen lernen und Lehrpersonen müssten lernen, sich zurückzuhalten, sagt die Schweizer Lehrerin Renée Lechner im Interview.
Entwicklung
Vorschulkinder können intuitiv multiplizieren und dividieren
Die Forschung in der Entwicklungspsychologie zeigt, dass Vorschulkinder, Kleinkinder und sogar Neugeborene über einige wirklich erstaunliche Zahlenfähigkeiten verfügen.
Entwicklung
Mobbing reduzieren durch Sozialunterricht
Das Fördern der sozialen Verantwortung im Schulunterricht könnte Aggressionen und Mobbing unter Schulkindern reduzieren.
Entwicklung
Mein Bruder, der Draufgänger
Ob Geschwister sich gegenseitig beeinflussen, hängt vor allem von ihrer Beziehung ab. Das gilt auch für ihr Risikoverhalten.
Daniel Paquette: Die unterschätzte Rolle der Väter
Familienleben
Die unterschätzte Rolle der Väter
Wie sich die kindlichen Bindungen an beide Elternteile unterscheiden und ergänzen.
Gesellschaft
Lernen in aussergewöhnlichen Zeiten
Wie können Betreuungspersonen Kinder unterstützen, wenn Fernunterricht notwendig wird? Die besten Tipps.
Mit dir wollen wir nicht spielen!
Gesellschaft
Mit dir wollen wir nicht spielen!
Was Lehrpersonen dafür tun können, dass Kinder Mitschülerinnen und Mitschüler akzeptieren, die Verhaltensauffälligkeiten zeigen, und ihnen mitfühlend begegnen.
Ist guter Schlaf lehrbar?
Entwicklung
Ist guter Schlaf lehrbar?
Viele Jugendliche schlafen nicht genug. Es könnte helfen, wenn wir ihnen erklären, wie wichtig ein gesunder Schlaf fürs Lernen ist.
Angst vor Mathe und die Folgen
Lernen
Angst vor Mathe und die Folgen
Neuere Forschungen zeigen, dass die meisten Kinder mit starker Angst vor Mathematik keine schlechte Leistung in diesem Fach bringen.
Gesellschaft
Erwachsen werden in ungewissen Zeiten
Kinder werden in eine sich immer schneller wandelnde Welt ­hineingeboren. Wie Menschen mit dieser Unsicherheit leben können, soll auch die Schule vermitteln.
Schule der Zukunft
Lernen
Digitales Lernen nach dem Lockdown
Ein robustes und zukunftsfähiges Bildungssystem würde digitale und analoge Lernangebote kombinieren. Möglichkeiten dazu gäbe es viele.
Entscheiden Gene über den Schulerfolg?
Entwicklung
Gene entscheiden über den Schulerfolg – aber anders, als wir denken
Durch die Erziehung und das Verhalten der Eltern nehmen die Gene auch dann Einfluss auf die Entwicklung, wenn die Kinder sie nicht geerbt haben.
Digitaler Wandel bedeutet eine Transformation der Schule
Gesellschaft
Digitaler Wandel bedeutet eine Transformation der Schule
Einfach digitale Geräte im Unterricht einzusetzen, reicht nicht aus. Es braucht ein Umdenken in der Art, wie gelernt und gelehrt wird. 
Medien
Surfen Eltern und Kinder auf verschiedenen Wellenlängen?
Konflikte um die Mediennutzung hängen oft mit unterschiedlichen Sinneswahrnehmungen zusammen. Forscher haben Spannendes herausgefunden.
Internationale Werte in der Erziehung
Elternbildung
Besorgte Amerikaner, entspannte Schweden
Eine Mehrheit der amerikanischen Eltern hält Arbeitsmoral und Gehorsam für die wichtigsten ­­Werte in der Erziehung. Schwedische Eltern dagegen setzen bei ihren Kindern auf Unabhängigkeit und Fantasie.