Stefanie Rietzler: Mein Kind kann keine Hilfe annehmen
Familienleben

Mein Kind kann keine Hilfe annehmen

Beim gemeinsamen Lernen kracht es oft zwischen Eltern und Kindern. Dabei kann Streit vermieden werden, wenn Mütter und Väter mehr Fragen stellen würden, weiss unsere Kolumnistin Stefanie Rietzler. 
Text: Stefanie Rietzler
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Ella ist wütend. «Du erklärst es falsch!», schreit die 10-Jährige ihre Mutter an. Die Viertklässlerin kämpft mit den Tränen, ihre Mutter mit der Selbstbeherrschung: «Zuerst willst du meine Hilfe und dann ist dir nichts recht!»

Manchen Kindern fällt es schwer, Unterstützung anzunehmen. So­­lange sie in einem Bereich alleine zurechtkommen, ist das kein Pro­blem. Kompliziert wird es, wenn ein Kind mit einer Lernschwäche nicht mehr zuhört, wenn die Lehrerin oder die Heilpädagogin ihm etwas erklären will oder – wie im Falle von Ella – ein rechenschwaches Kind bei den Hausaufgaben alleine nicht weiterkommt und Hilfe einfordert, dann aber nichts damit anzufangen weiss. Am Ende hängt der Haus­segen schief und alle sind frustriert.

Doch weshalb ist es für manche Kinder so schwierig, sich helfen zu lassen – und wie dringen wir in dieser Situation zu ihnen durch?

«Du machst mir ein Durcheinander im Kopf!»

Ellas Mutter weiss, wie stressig Matheaufgaben für ihre Tochter sind, und möchte sie bestmöglich unterstützen. Sie gibt sich daher redlich Mühe, ihrer Tochter zu erklären, wie man schriftliche Subtraktionsrechnungen mit mehreren Zahlen löst. Sie zeigt Ella Tricks, versucht ihr zu erläutern, wie man solche Aufgaben in ihrer eigenen Schulzeit gelöst hat, und nutzt Veranschau­lichungen. 
Je mehr wir das Kind in die Expertenrolle versetzen, desto aktiver denkt es mit.
Das Problem ist, dass die Mutter dabei sehr viel und schnell spricht – und ungeduldig wird, wenn Ella die Lösungswege nicht nachvollziehen kann, mit leerem Kopf die Sätze der Mutter wiederholt «minus sieben, minus sieben» und dann irgendetwas zu raten scheint. 

Wir können Ella besser verstehen, wenn wir uns in eine ähnliche Situation versetzen. Vielleicht denken wir daran, wie uns bei der Arbeit ein versierter Computer-Crack in das neue Programm einführt, mit dem Mauszeiger über den Bildschirm huscht, wild herumklickt und tippt und dabei noch etwas erklärt. Bald sind wir völlig konfus und warten nur darauf, bis die Erläuterungen zu Ende sind, vielleicht sogar mit dem Gedanken: «Das bringt mir gar nichts, das muss ich mir dann eh noch mal selber anschauen.»

In solchen Fällen hilft es, wenn wir uns an zwei Prinzipien halten: 

1. Weniger sagen, mehr fragen. 
2. Gemeinsam mit dem Kind die Lösungen der Schule nachvollziehen, anstatt es mit zusätz­lichen Varianten zu verwirren. 

Je mehr wir Kinder in die Expertenrolle versetzen und uns zum Beispiel von ihnen erklären lassen, wie die Lehrerin bei einfacheren Beispielen im Heft vorgegangen ist und was sie dazu gezeigt und erzählt hat, desto aktiver denkt das Kind mit. Als Elternteil kann man in die Rolle eines neugierigen Mitlernenden schlüpfen, indem man Fragen stellt, die Lösungen im Heft und Buch des Kindes nachvollzieht («Aha, dann seid ihr so vorgegangen?») und dem Kind dabei hilft, Zusammenhänge zu erkennen («Das wäre dann so ähnlich wie hier, oder?»). Wir können dem Nachwuchs auch offen sagen, dass wir dies oder jenes in unserer eigenen Schulzeit anders gelernt haben – und nun gespannt sind, wie das heute vermittelt wird.

Bei manchen schulischen Inhalten werden wir uns selbst unsicher fühlen, das ist normal. Dann ist es besser, die Hausaufgaben abzubrechen und das Kind zu bitten, sich das Vorgehen in der Schule nochmals zeigen zu lassen, anstatt es zu verwirren und die Situation in Tränen enden zu lassen.

«Wenn ihr mir helft, fühle ich mich klein und schwach!»

Vor mehreren Jahren war ich mit einer dreizehnjährigen Klientin zu einem Gespräch am runden Tisch eingeladen. Neben der Jugendlichen und ihren Eltern waren noch der Lehrer, die Schulleiterin, die Heilpädagogin und der Psychotherapeut vertreten. Der Vater des Mädchens schaute in die Runde und sagte: «Siehst du, so schlimm ist es mit dir, dass all diese Leute jetzt hier sein müssen.»

Auch ohne eine solche Aussage werten viele Kinder und Jugendliche Hilfsangebote als Zeichen, dass sie alleine nicht schaffen, was von anderen in ihrem Alter erwartet wird. 

Es ist ihnen «peinlich», wenn der Heilpädagoge ihnen etwas gesondert erklären muss, und sie empfinden es als Kränkung, wenn ihnen einfachere Aufgaben angeboten werden. Oft werden sie tatsächlich in der Klasse deswegen belächelt. 
Für diese Kinder ist es wichtig, dass sie nicht immer auf der Seite des ­Hilfeempfängers stehen müssen, sondern sich von Zeit zu Zeit auch in der starken Position befinden, in der sie anderen etwas voraushaben, Hilfe anbieten und mit ihren Stärken glänzen können. 
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Oft wird Hilfe abgewehrt, weil sie nicht mit dem übereinstimmt, was das Kind braucht.
Vielleicht hat diese Schülerin, dieser Schüler ein starkes Fach und kann anderen während des selbst­organisierten Lernens darin Hilfe anbieten? Vielleicht ist das Kind künstlerisch begabt und fasst den Auftrag, ein Klassenwappen oder Banner für das nächste Lager zu entwerfen? Vielleicht ist es Feuer und Flamme, wenn es im Sportunterricht die Übungen vorführen und seine Mitschüler «coachen» kann? Oder es fühlt sich gestärkt, wenn es eine Unterrichtsstunde zu seinem Spezialthema gestalten oder die Organisation der Klassenparty übernehmen darf?

«Hilfe ja, aber nicht so!»

Oft wird Hilfe auch abgewehrt, weil sie nicht mit dem übereinstimmt, was das Kind braucht. Wer beispielsweise ein starkes Autonomiebedürfnis hat, fühlt sich rasch eingeengt, wenn die Eltern helfend eingreifen. Diese Kinder wollen alles selbst schaffen, weil sie ihre Erfolge nur dann wirklich geniessen können. Hier ist es im Zweifelsfall oft besser, sich als Eltern in Zurückhaltung und Geduld zu üben. 

Der Bär denkt, er kann es nicht
Unser Kurzfilm «Der Bär kann es nicht» greift die in dieser Kolumne angesprochene Problematik auf und zeigt Primarschülerinnen und -schülern, wie sie Hürden beim Lernen mit Kämpferherzen gegenübertreten können
Häufig liegt das Problem auch in der Art und Weise der Rückmeldung: Während manche Kinder direktes und klares Feedback schätzen, fühlen sich andere rasch angegriffen und abgewertet, wenn man ihnen sagt, wo sie Fehler gemacht haben und was sie noch verbessern sollten. Sie reagieren regelrecht ­al­lergisch auf kleine beiläufige Kommentare wie «Nein!», «Falsch!», «Gib mal her, das musst du so machen».

Hat man den Eindruck, das Kind «macht oft zu», wenn man ihm helfen möchte, dann lohnt es sich, dies in einem ruhigen Moment anzusprechen: «Ich habe das Gefühl, so wie ich dir bei … helfe, stresst dich das. Was könnte ich tun, damit du meine Hilfe besser annehmen kannst?»

Ein Vater, dessen Sohn aufgrund einer Leseschwäche zehn Minuten pro Tag üben sollte, fragte den Bub nach mehreren frustrierenden Anläufen, die in Streit geendet hatten: «Sag mal, was würdest du mir für meine Lesebegleitung für eine Note geben? … Was?! So schlimm? Was müsste ich denn machen, um eine Note besser zu werden? … Ah, mehr loben und nicht so genervt auf die Fehler tippen. Das probier ich morgen gleich mal aus.»

Zur Autorin: 

Stefanie Rietzler ist Psychologin und Autorin («Geborgen, mutig, frei – wie Kinder zu innerer Stärke finden», «Erfolgreich lernen mit ADHS», «Clever lernen»). Gemeinsam mit Fabian Grolimund leitet sie die Akademie für Lerncoaching, ein Beratungs- und Weiterbildungsinstitut mit Sitz in Zürich: www.mit-kindern-lernen.ch, www.biber-blog.com. Stefanie Rietzler lebt mit ihrem Mann in Zürich. 

Mehr lesen von Stefanie Rietzler: 

  • «Du gehst jetzt raus, bis du dich wieder beruhigt hast»
    Oft sind Kinder so gefangen in ihrer Wut, dass sie andere mit ihren Ausrastern ängstigen. Viele Eltern und Lehrpersonen verordnen dem tobenden Kind dann eine «Auszeit». Dabei wäre es förderlicher, sich in das Kind hineinzufühlen und ihm zu helfen, seine Wut in Worte zu fassen.

  • Wie reagiert Ihr Kind auf Lob?
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