Der israelische Psychologe Haim Omer
Elternbildung
Seite 2

Was aber, wenn der Widerstand des Kindes Alltagspläne durchkreuzt? Hierzu ein Beispiel: Ein Paar hat eine zehnjährige Tochter und einen zwölfjährigen Sohn. Die Tochter hindert die Familie regelmässig an gemeinsamen Unternehmungen, wenn sie darauf keine Lust hat – indem sie sich hinschmeisst und schreit. Was können die Eltern dann tun?

So gestellt ist die Frage unfruchtbar, denn sie führt zu problematischen Schlussfolgerungen. Dazu, dass die Eltern entweder versuchen, die Tochter zu zwingen, sie bestrafen oder es mit Überzeugungsarbeit pro­bieren. Gerade bei solchen Kindern ist Zwang kontraproduktiv. Manche fordern Strafen richtiggehend ein, um den Eltern zu demonstrieren, dass sie sich nicht beugen. Die zen­trale Frage lautet nicht, wie die Eltern das Mädchen zum Ausflug bewegen können, denn das können sie nicht.

Sondern?

Ich würde die Eltern zuallererst fra­gen, ob es auch andere Gelegenhei­ten gibt, bei denen das Kind auf seine Familie Zwang ausübt. Auf diese Frage kommen jeweils Ant­worten, die deutlich machen, dass der Familienfrieden in vielerlei Hin­sicht davon abhängt, ob das Kind seinen Willen bekommt oder nicht. Seine Drohungen und Wutanfälle tangieren – oder eher: bestimmen – immer mehrere Bereiche des Zusammenlebens. Vielen Eltern fällt es dann wie Schuppen von den Augen: Sie sind nicht frei, sondern leben unter Zwang. Wie können sie dagegen Widerstand leisten? Welche Handlungsmöglichkeiten haben sie, um die Freiheit aller Familienmit­glieder wiederherzustellen? Das sind die entscheidenden Fragen.

Ihre Antwort darauf ist der gewaltlose Widerstand. Worum geht es?

Wir beginnen immer mit einer Ankündigung, die dem Kind als Brief überreicht und vorgetragen wird. Dieses förmliche Ritual demonstriert, dass sich die Dinge nun ändern. In unserem Beispiel könnte ein Brief folgendermassen lauten: «Liebe Tochter, wir sind dei­ne Eltern, wir lieben dich und wer­den immer für dich da sein. Aber wir sind nicht mehr bereit, uns deinen Drohungen und Wutanfällen zu beu­gen. Wir werden dagegen Wider­stand leisten. Wir können dich zu nichts zwingen, aber wir werden entschlossen dagegenhalten und dabei nicht allein bleiben.» Die Eltern hören auf zu klagen, zu schimpfen oder zu drohen und konzentrieren sich stattdessen auf unmissverständliche Botschaften. 

Was, wenn sie auf den Brief bloss Schulterzucken ernten?

Das ist wahrscheinlich, tut der Sache aber keinen Abbruch. Die Ankündi­gung ist kein Vertrag mit dem Kind, den es akzeptieren oder unterschrei­ben muss. Sie erfolgt einseitig und signalisiert, dass die Eltern etwas unternehmen werden und ihre Beschlüsse kein Verhandlungs­gegenstand sind. Der Erfolg dieser Massnahme hängt nicht von der Reaktion des Kindes ab, sondern einzig und allein von der Entschlos­senheit der Eltern.
Anzeige

Wie geht es dann weiter?

Im Alltag ist es wichtig, dass die Eltern dem Kind zugewandt bleiben und auch das Positive im Blick haben, dass sie sich selbst und dem Kind auch mal etwas Gutes tun. Das Kind soll merken, dass sich der elter­liche Widerstand nicht gegen seine Person, sondern gegen ein bestimmtes Verhalten richtet. Wenn dieses für die Familie ein dauerhaftes, massives Problem darstellt, gibt es eine eindrucksvolle Methode des gewaltosen Widerstands: das Sit-in.
Haim Omers Konzept einer neuen Autorität beruht auf Gewaltverzicht und Selbstkontrolle.
Haim Omers Konzept einer neuen Autorität beruht auf Gewaltverzicht und Selbstkontrolle.

Ein Sitzstreik wie zu Zeiten der Studentenproteste?

Das Prinzip ist dasselbe. Nehmen wir das Beispiel eines zwölfjährigen Jugendlichen, der seine Schwester regelmässig schlägt. Die Eltern haben ihm mit einer Ankündigung eröffnet, dass sie dagegen Widerstand leisten werden. Sie haben nun die Möglichkeit, ihre Position durch einen Sitzstreik zu stärken. Dazu gehen sie ins Zimmer des Jugendlichen, setzen sich vor die Tür und sagen mit ruhiger Stimme: «Wir schätzen dich als unseren Sohn. Aber wir werden es nicht mehr hinnehmen, dass du deine Schwester schlägst. Wir sitzen hier, um gegen dein Verhalten zu protestieren, und warten auf Vorschläge, damit das nicht wieder vorkommt.» Danach verharren die Eltern im Zimmer. Sie schweigen und beantworten keine Fragen. Wie lange sie bleiben, vereinbaren sie vorher gemeinsam. Bringt das Kind einen Vorschlag, beenden die Eltern den Sitzstreik und sagen ihm, dass sie über seine Ideen beraten werden.

Und wenn kein Vorschlag kommt?

Dann bleiben die Eltern trotzdem bis zum Ablauf der vereinbarten Zeit sitzen. Danach können sie sich mit diesen Worten verabschieden: «Wir haben von dir noch keinen Vorschlag gehört, wir gehen nun. Wir bleiben dran und kommen auf unser Anliegen zurück.» Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist, sage ich dazu. 

Möglicherweise wird der Jugendliche das Zimmer verlassen.

Daran sollten die Eltern ihn nicht mit Gewalt hindern. Sie lassen ihn gehen, bleiben aber für die vereinbarte Zeit in seinem Zimmer sitzen. Damit vermitteln sie ihm, dass sie präsent sind, und zwar unabhängig von seiner Reaktion. Oft ist es hilfreich, für den Sitzstreik eine dritte, der Familie vertraute Person einzubeziehen. Sie wartet ausserhalb des Zimmers. Sollte das Kind davonlaufen, bittet die Person es, ins Zimmer zurückzukehren. Wird das Kind gewalttätig, rufen die Eltern die Drittperson ins Zimmer, damit sie Zeugin des Geschehens wird. Elterlicher Widerstand gelingt nicht im stillen Kämmerlein.

Es braucht also die Hilfe anderer?

Genau. Präsenz entwickeln wir nur durch Beistand einer Unterstützergruppe. Häufig sind es Scham oder Sorgen um die Privatsphäre des Kindes, die Eltern davon abhalten, andere um Hilfe zu bitten. Das ist verständlich, schränkt die Handlungsfähigkeit der Eltern jedoch ein. Wenn wir Rückhalt und Entlastung spüren, verändert sich unsere Haltung gegenüber den Kindern. Dafür müssen Eltern ihre Hilflosigkeit aber bis zu einem gewissen Grad öffentlich machen.

0 Kommentare

Zugehörige Tags

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Diese Webseite nutzt Cookies. Cookies werden zur Benutzerführung und Webanalyse verwendet und helfen dabei, diese Webseite zu verbessern. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich mit unserer Cookie-Police einverstanden. Mehr Infos hier.