Wie schüchterne Kinder Freunde finden - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Wie schüchterne Kinder Freunde finden

Lesedauer: 5 Minuten

Schüchterne und introvertierte Kinder sind oft sehr einfühlsam, gute Gesprächspartner und Spielgefährten. Kurz: Sie sind tolle Freunde. Doch die Kontaktaufnahme macht ihnen Schwierigkeiten. So können Eltern sie unterstützen, Freunde zu finden. 

Sie stehen am Rand und schauen sehnsüchtig zu, können sich aber einfach nicht überwinden, auf die anderen Kinder zuzugehen. Ermunterungen wie «jetzt frag doch einfach, ob du mitmachen darfst» setzen sie oft nur zusätzlich unter Druck.

Gedanken wie «die glotzen mich alle an – das ist so peinlich» oder «ich weiss nicht, was ich sagen soll» schiessen ihnen durch den Kopf. Als Eltern eines zurückhaltenden Kindes können Sie jedoch eine Menge tun, um ihrem schüchternen oder introvertiertem Kind die Kontaktaufnahme zu erleichtern.

Sorgen Sie für ein ungezwungenes Aufeinandertreffen

Gemeinsame Aktivitäten sind der beste Nährboden für Freundschaften. Falls es Ihrem Kind schwer fällt, mit anderen in Kontakt zu kommen, können Sie sich bewusst fragen: Wo gibt es in unserer Umgebung Räume, in denen mein Kind auf andere treffen und frei spielen könnte? Möglicherweise lässt sich ein Abenteuerspielplatz oder ein Fussballfeld ausmachen, das im Quartier als beliebter Treffpunkt gilt.

Falls Ihr Kind sehr schüchtern ist, erwarten Sie nicht zu viel von ihm. Lassen Sie zu, dass es die ersten Male einfach für sich spielt und die anderen Kinder beobachtet. Ihr Kind sollte eine gute Zeit haben und seine Anfangshürde in Ruhe abbauen dürfen.

Mit der Zeit wird es ihm leichter fallen, sich in ein laufendes Spiel einzuklinken, weil es die anderen Kinder bereits lose vom Sehen kennt.  Wo gibt es in der Nachbarschaft andere Kinder, vielleicht sogar in einem ähnlichen Alter wie Ihr Nachwuchs? Vielleicht könnten Sie die Nachbarsfamilie am Wochenende zum Grillen oder einem Kaffee einladen, damit sich die Kinder in Ruhe kennenlernen können? Oftmals bietet auch ein gemeinsamer Schulweg die Möglichkeit, lose Kontakte aus der Nachbarschaft zu intensivieren.

Für viele schüchterne Kinder ist es beruhigend zu wissen, dass man etwas Schönes zusammen unternimmt. Und dass sie nicht die ganze Zeit ein Gespräch am Laufen halten müssen.

Sie können zudem überlegen, in welchem Verein oder bei welchem Freizeitangebot Ihr Kind auf Gleichgesinnte treffen könnte. Viele schüchterne Kinder und Jugendliche fühlen sich unsicher, weil sie nicht wissen, worüber sie sich mit anderen unterhalten sollen.

Über ein gemeinsames Hobby findet sich oft ganz automatisch ein guter Einstieg und ein Thema für ein beiläufiges Gespräch, mit dem das Eis gebrochen ist – unabhängig davon, ob es beim Striegeln der Ponys vor dem Reitunterricht oder auf dem Weg in die Umkleidekabine nach dem Handballtraining ist.

Gleichzeitig besteht bei solch strukturierten Freizeitaktivitäten weniger die Erwartung, dass man dauerhaft ein Gespräch am Laufen behalten muss. Vielleicht ist Ihr Kind froh, wenn es kurz mit anderen plaudern kann und sich danach wieder ganz seinem Sport oder Instrument widmen kann.

Vielen schüchternen Kindern hilft es zudem, wenn sie mit einem konkreten Vorschlag auf andere zugehen dürfen, die sie sympathisch finden. Sie könnten Ihrem Kind beispielsweise vorschlagen, jemanden aus seiner Klasse am Wochenende zu einem Ausflug ins Schwimmbad oder in den Zoo einzuladen.

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Ist Ihr Kind noch jünger und traut sich nicht, alleine zu fragen, können Sie natürlich auch auf Elternebene ein wenig nachhelfen und etwas für die Kinder abmachen, wenn diese einverstanden sind. 

Für viele schüchterne Kinder ist es beruhigend, wenn sie wissen: Wir machen etwas Schönes zusammen, das uns beiden Spass macht. Sobald die Anfangshürde genommen ist und ein solcher gemeinsamer Rahmen da ist, tauen auch schüchterne Kinder meist etwas auf. 

Viele zurückhaltende Kinder fühlen sich in Gruppensituationen überfordert. Sie geniessen es, sich ganz auf ein einzelnes Kind einzulassen und entspannen sich eher, wenn sie in ihrem gewohnten Umfeld sind.

Von kleinen Eisbrechern und grossem Druck

Gemeinsames Spielen verbindet. Aber wie findet man den Einstieg, wenn man sich nicht traut, auf andere zuzugehen? Als Elternteil können Sie Ihr Kind unterstützen, indem Sie darauf achten, welche Spielsachen Sie ihm bereitstellen. Für den Spielplatz können Sie ihm beispielsweise Spiele mitgeben, die zu zweit oder in der Gruppe am meisten Freude bereiten: Federball, Wasserpistolen oder ein Gummitwist-Seil.

In den meisten Fällen kommt ein forscheres Kind mit einem «Darf ich auch mal?» auf Ihr Kind zu. Ideal ist es auch, etwas Kleines zum Knabbern mitzunehmen, das Ihr Kind mit anderen teilen kann. 

Mut machen ohne Druck!

Die Aufforderung «Jetzt geh doch einfach mal rüber und frag, ob du auch mitmachen darfst!» ist für viele Kinder der blanke Horror. Sie malen sich aus, wie alle Blicke auf sie gerichtet sind und möchten sich die Pein ersparen, zurückgewiesen zu werden. Elterliche Ratschläge und Versicherungen wie «mehr als Nein sagen können sie nicht», «jetzt mach dir nicht so viele Gedanken» oder «die sind bestimmt nett» lassen den Stresspegel meist nur noch mehr ansteigen.

Hilfreicher ist es, wenn Sie Ihr Kind aktiv darauf hinweisen und liebevoll ermutigen, wenn sich die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme gerade bietet: «Das Mädchen guckt immer wieder rüber, ich glaube, sie würde gerne mit dir spielen.» Oder: «Willst du ihr auch was abgeben? Ich glaube, sie würde sich freuen.» Bei jüngeren Kindern ist es als Eltern auch oft möglich, ein Spiel zu initiieren und sich dann langsam zurückzuziehen.

Stefanie Rietzler erinnert sich: «Meine Eltern bauten mit meinem Bruder und mir am Strand eine grosse Sandburg mit Wassergraben, den wir fleissig mit Meerwasser befüllten. Bald hübschten wir das Ganze noch mit einigen Sandrinnen auf, durch die man kleine Flummis sausen lassen konnte. Ein paar Kinder schauten erst aus etwas Abstand zu und kamen dann näher. Mit einem «Willst du auch mal?» gaben meine Eltern ihre restlichen Flummis und den Platz im Sand frei, woraufhin wir wenig später einträchtig im Sand nebeneinander her buddelten – und für den Rest des Urlaubs neue Spielgefährten gefunden hatten.»

Nutzen Sie die Beobachtungsgabe Ihres Kindes

Zurückhaltende Kinder sind oftmals gute Beobachter. Diese Gabe können sie nutzen, um sich von anderen Kindern etwas abzuschauen. Vielleicht machen Sie mit Ihrem Kind zusammen ein Beobachtungs-Experiment? Gehen Sie gemeinsam auf einen belebten Platz mit vielen Kindern und stellen Sie sich die Aufgaben, heraufzufinden, wie Kinder miteinander in Kontakt kommen. Oft lassen sich die folgenden Varianten beobachten:

  • Einfach fragen: Manche Kinder gehen auf andere zu und fragen, ob sie mitmachen dürfen. Sozial kompetentere Kinder erwischen dabei den richtigen Moment. Sie unterbrechen laufende Spiele nicht, sondern warten, bis sich eine Pause oder ein Spielwechsel ergibt, um sich einzuklinken. 
  • Blickkontakt suchen: Manche Kinder setzen sich in die Nähe und schauen zu. Dabei nehmen sie Blickkontakt auf und signalisieren zum Beispiel durch ein kurzes Zuwinken, dass sie mitmachen möchten.
  • Nebenher spielen: Eine weitere Taktik, die viele Kinder intuitiv verwenden, besteht darin, dass sie etwas Ähnliches in der Nähe eines anderen Kindes machen und sich dann etwas annähern. 
  • Komplimente machen: Anstatt zu fragen, ob sie mitspielen können, kommentieren manche Kinder laufende Spiele oder machen ein Kompliment wie «cooles Auto», um die Chance zu erhöhen, zum Mitspielen eingeladen zu werden.
  • Um Hilfe bitten: «Wow! Kannst du mir zeigen wie das geht?» ist oft eine sehr charmante Annäherung. Das andere Kind kann stolz seine Fähigkeiten präsentieren und dem anderen zeigen, wie man ein Rad schlägt oder Gummitwist spielt. 
  • Andere einladen: Sich mit dem Ball hinzustellen und zu fragen «Machst du mit?» ist oft einfacher, als auf eine Gruppe zuzugehen und zu fragen, ob man mitspielen darf.

Oft sind schüchterne Kinder ganz darauf fixiert, was alles falsch laufen könnte, wie sie auf andere wirken und was sie sagen müssen. Wenn sie den Fokus mehr darauf richten, wie andere Kinder es machen, erweitern sie ihr Repertoire und bauen Hemmungen ab. 

Wie hilfreich diese Form der Beobachtung ist, konnte der Psychologe Robert O‘Connor bereits 1972 nachweisen. Er filmte elf verschiedene Szenen, bei denen ein Kind zuerst schüchtern abseits steht, dann auf eine Gruppe zugeht und schliesslich fröhlich mit ihnen spielt. Eine Erzählstimme kommentiert währenddessen beiläufig, was das Kind tut, um sich in die Gruppe zu integrieren und weist auf die positiven Reaktionen der anderen Kinder hin.

Diesen Film zeigte er sozial ängstlichen und gehemmten Kindergartenkindern. Nach dem Film gingen diese ebenfalls auf andere zu und gehörten sechs Wochen später sogar zu den sozial aktivsten Kindern ihrer Kindergartengruppe.  


Weiterlesen:

  • Wenn Kinder keine Freunde finden.Für Eltern ist es nicht einfach mitanzusehen, wenn ihre Kinder keine Freunde finden. Jesper Juul sagt, was sie in einer solchen Situation tun können – und was nicht.  

Die Autoren: 

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund sind Psychologen, Autoren («Clever lernen», «Erfolgreich lernen mit ADHS») und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Sie geniessen es, dass sie ihre Freundschaft mit der Arbeit verbinden können.

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