Väter das Tor zur Aussenwelt -
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«Früher waren Väter das Tor zur Aussenwelt»

Lesedauer: 4 Minuten

Europas bekanntester Väterforscher Wassilios Fthenakis sagt, dass Väter anders erziehen als Mütter. Wo die Unterschiede liegen und warum diese mehr mit unserer Gesellschaft als dem männlichen Geschlecht zu tun haben.

Interview: Virginia Nolan
Bild: Rawpixel.com

Herr Fthenakis, welche Faktoren ­entscheiden darüber, wie ein Mann ­seine Vaterrolle gestaltet?

Prägend ist die Erfahrung mit dem eigenen Vater. War dieser seinen Kindern eine verlässliche, liebevolle Bezugsperson, nehmen sich Söhne ihre Väter zum Vorbild und praktizieren später oft eine demokratische Erziehung, die dem Kind einen klaren Rahmen vorgibt, aber auch viele Mitspracherechte einräumt. Auf der anderen Seite beobachten wir diesen Erziehungsstil auch bei Männern, die als Kind vom Vater häufig bestraft wurden. Sie versuchen damit zu kompensieren, was ihnen fehlte. In den vergangenen 30 Jahren hat sich dieses Phänomen stark akzentuiert. Aber auch die Qualität der Paarbeziehung spielt eine wichtige Rolle. Sie hat sowohl einen Einfluss auf die Bereitschaft des Mannes, sich für die Familie zu engagieren, als auch auf die der Frau, ihren Partner in die Verantwortung für das Kind miteinzubeziehen.

Erziehen Väter anders als Mütter?

Ja und nein. Väter sind nach wie vor seltener zu Hause als Mütter. Sie haben weniger Zeit mit den Kindern, nutzen diese aber meist intensiver – beispielsweise, wenn sie von der Arbeit kommen und sich den Kindern widmen. Dieser Austausch ist oft geprägt von aktiven, körperorientierten Spielen: Väter werfen die Kleinkinder hoch und fangen sie, raufen oder toben mit dem Nachwuchs herum. So erlebt das Kind die Beziehung zum Vater als aufregend und attraktiv.

Wassilios E. Fthenakis, 83, ist Pädagoge, Anthropologe, Humangenetiker und ­Psychologe. Er gilt als ein Pionier der ­Väter­forschung und leitete von 1975 bis 2005 das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Er ist emeritierter Professor an der Freien Universität Bozen, wo er von 2002 bis 2010 den Lehrstuhl für ­Entwicklungspsychologie und Anthropologie innehatte.
Wassilios E. Fthenakis, 83, ist Pädagoge, Anthropologe, Humangenetiker und ­Psychologe. Er gilt als ein Pionier der ­Väter­forschung und leitete von 1975 bis 2005 das Staatsinstitut für Frühpädagogik in München. Er ist emeritierter Professor an der Freien Universität Bozen, wo er von 2002 bis 2010 den Lehrstuhl für ­Entwicklungspsychologie und Anthropologie innehatte.

Dann hat das körperorientierte Spiel weniger mit dem männlichen Geschlecht als damit zu tun, dass Väter ihre Quality Time mit dem Kind möglichst attraktiv gestalten wollen?

So ist es. Untersuchungen zeigen, dass auch Vollzeit berufstätige Mütter dazu neigen, mit ihren Kindern so zu interagieren. Und das ist gut: Beim Raufen etwa üben sich Kinder in Empathie. Sie lernen, eigene Impulse zu regulieren und mit dem Spielpartner so umzugehen, dass das Spiel für beide Seiten angenehm bleibt.

Meist verbringt das Kind eben mehr Zeit mit der Mutter.

Ja, wobei dieser Kontakt oft parallel zu anderen Tätigkeiten stattfindet. Die Zeit, in der sich die Mutter ausschliesslich dem Kind widmet, beträgt durchschnittlich gerade einmal eine Stunde pro Tag. Das ist ein robuster Befund aus mehreren Studien. So verwundert es nicht, dass Kinder und Jugendliche in Befragungen mehr Freude über gemeinsame Aktivitäten mit dem Vater äussern. Wobei: Wären in der Regel vor allem die Väter zu Hause, zeigte sich hier vermutlich ein anderes Bild. Denn aus 40 Jahren Forschung wissen wir, dass es zwischen Müttern und Vätern in ihrer Elternrolle mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt.

Dennoch scheinen Väter auf gewisse Entwicklungsbereiche des Kindes besonderen Einfluss zu haben.

Es gibt wenige Studien, die diesen Zusammenhang untersuchten. Insgesamt legen ihre Ergebnisse nahe, dass väterliche Merkmale prognostisch bedeutsam sind, wenn es um die kognitive und psychosoziale Entwicklung geht. Demnach wirkt sich die Verfügbarkeit eines männlichen Rollenmodells in der häuslichen Umgebung des Kindes positiv auf seine schulische Laufbahn, sein Selbstvertrauen und seine Problemlösungskompetenz aus, ebenso scheint sie ein gewisser Schutzfaktor im Hinblick auf spätere Verhaltens­auffälligkeiten zu sein. Mütter beeinflussen demgegenüber stärker, wie Kinder ihre sozialen Beziehungen gestalten.

Wie erklären sich diese Unterschiede?

Vermutlich im Wesentlichen durch die Tatsache, dass diese Befunde aus einer Zeit stammen, in der Väter im Familienleben weniger engagiert und Mütter zur Mehrheit Hausfrauen waren. Damals fungierten Väter als Tor zur Aussenwelt, wenn sie nach Hause kamen und über ihre Erfahrungen in Beruf und Gesellschaft berichteten. Dieser Blick über die häusliche Domäne hinaus stimulierte das Kind. Heute haben wir eine andere Situation, auch Mütter gehen arbeiten. Die wichtigste Erkenntnis behält jedoch Gültigkeit: Für die Entwicklung des Kindes sind beide Elternteile relevant.

Eine Trennung muss keinesfalls zu Entwicklungsproblemen führen.

Nun gibt es aber viele Kinder, die mit einem Elternteil leben – meist ist das die Mutter.

Steht eine Trennung dahinter, ist es wichtig, dass beide Elternteile ihr Möglichstes für eine gute Kooperation tun. Gelingt das nicht, kann dies den Selbstwert des Kindes beeinträchtigen, weil es die Beziehung zum Vater als zerbrechlich wahrnimmt. Stehen jedoch das Kind und seine Interessen im Mittelpunkt, muss die Trennung keinesfalls zu Entwicklungsproblemen führen. Auch wenn das Kind den Vater weniger sieht: Skype und Co. können physische Abwesenheit ein grosses Stück weit kompensieren und bieten ausgezeichnete Möglichkeiten, Anteil am Alltag des Gesprächspartners zu nehmen.

Was ist mit Familienkonstellationen, in denen schlicht kein Vater existiert?

Was Kinder brauchen, ist mindestens eine erwachsene Person, die verfügbar ist, einfühlsam auf sie reagiert, Verantwortung und Für­sorge für sie übernimmt. Das Geschlecht dieser Person oder ihre verwandtschaftliche Beziehung zum Kind ist nicht relevant, vielmehr, dass dieses eine sichere, dauerhafte Bindung zu ihr aufbauen kann. Dass eine Familienstruktur mit mehr als einem Erwachsenen eher positive Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung hat, ist grösstenteils darauf zurückzuführen, dass die Belastungen der Familienarbeit dann geteilt werden können. Aber: Forschungsresultate legen ebenfalls nahe, dass in der engsten familiären Umgebung des Kindes idealerweise Rollenmodelle beider Geschlechter verfügbar sind.

Warum?

Weil Männer und Frauen sich trotz vieler Gemeinsamkeiten unterschiedlich verhalten, was dem Kind ein grösseres Spektrum an Lernerfahrungen bietet. Beispielsweise fördern Väter geschlechterrollenspezifisches Verhalten stärker als Mütter oder zeigen in der Regel eine ausgeprägtere Leistungsorientierung. Auch Untersuchungen mit alleinerziehenden Eltern lassen spannende Schlüsse auf unterschiedliches Verhalten von Vätern und Müttern zu.

Nämlich?

Resultaten zufolge fühlen sich alleinerziehende Mütter in der Regel auch allein verantwortlich für das familiäre Zusammenleben. Sie setzen die Standards in Bezug auf den Haushalt hoch, delegieren wenig an Kinder – wenn, kontrollieren sie sie hinterher häufig. Alleinerziehende Väter hingegen sehen die Zuständigkeit für das häusliche Zusammenleben eher bei allen Familienmitgliedern und fordern die Mitarbeit der Kinder ein. Dabei setzen sie die Standards weniger hoch und kontrollieren nicht so stark wie alleinerziehende Mütter. Sie verlangen mehr von ihren Kindern, räumen ihnen aber auch mehr Freiraum ein.

Können dort, wo kein Vater vorhanden ist, männliche Bezugspersonen wie Verwandte oder Familienfreunde in die Bresche springen?

Es ist sicher hilfreich, sie ins Boot zu holen. In Regenbogenfamilien etwa gelingt das mitunter vorbildlich. Solche nahen Bezugspersonen können dazu beitragen, dass Kinder Modelle für männliche Lebensformen erleben – sie sind allerdings kein Ersatz für einen Vater.

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