Kindergarten
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Mit Informationen umgehen lernen

So kommt es mitunter zu Missverständnissen zwischen Eltern und Kind. Ein Beispiel: Wir möchten, dass es, wenn es vom Kindergarten heimkommt, seine Jacke aufhängt, seine Schuhe auszieht, sich die Hände wäscht und an den Tisch kommt, wenn wir es rufen. Wir erwarten: Das klappt. Tut es aber leider öfters nicht. Nicht etwa, weil dem Kind die Fähigkeit, lieb zu sein, plötzlich abhandengekommen ist. Sondern weil dem sechsjährigen Kind das Wissen fehlt, wann es etwas tun oder lassen soll. Dieses Wissen kommt erst mit sieben oder acht Jahren.

Und so kommt es vor, dass das Kind zur Türe hereinkommt und erst mal alles auf den Boden wirft: Schuhe, Kindergartentasche, Jacke. Manchmal auch sich selbst. Oder das Geschwisterkind. Ein möglicher Ausdruck, die Anstrengung des Morgens abzuwerfen. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass es noch keine eigene (nicht angelernte) Verbindung zwischen Gegenwart und Zukunft herstellen kann. Sprich: heimkommen, Hände waschen und sauber an den Tisch sitzen.
Dem 6-jährigen Kind fehlt das Wissen, wann es etwas tun oder lassen soll.
Dem 6-jährigen Kind fehlt das Wissen, wann es etwas tun oder lassen soll.
Yuko Munakata, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Boulder in Colorado, erklärt das in einem Artikel des Fachjournals «Proceedings of the National Academy of Sciences» so: «Fünfjährige Kinder begreifen noch nicht, welchen Einfluss eine Handlung in der Zukunft hat oder haben könnte. Bekommen Kinder also etwas gesagt, reagieren sie erst, wenn sie genügend Informationen beisammen haben, um die ursprüngliche Anweisung einordnen zu können.»

Was dies heisst, zeigt folgende Alltagssituation: Wenn es draussen kalt ist, ein Nachbarskind an der Türe klingelt und fragt, ob Ihr Sohn oder Ihre Tochter mit ihm spielen möchte, rennt Ihr Kind meistens einfach los – ungeachtet der herrschenden Minusgrade. Warum? Weil der Impuls stärker ist als der Verstand. Es kommt nicht auf die Idee, sich eine Jacke anzuziehen. Auch nicht, wenn wir Erwachsene es daran erinnern.

Munakata erklärt dieses Verhalten so: «Kleinen Kindern fehlt das vorausschauende Denken. Sie rennen hinaus, bemerken erst später, dass es kalt ist, rufen erst dann in ihrer Erinnerung ab, wo die Jacke ist, und holen sie schliesslich.»

Plädoyer für mehr Verständnis

Die Ergebnisse ihrer Untersuchung sollen laut Munakata Eltern helfen, die Kommunikation zwischen Eltern und Kind zu verbessern. Für das Beispiel mit der Jacke bedeutet dies, dass Eltern ihren Kindern sagen könnten: «Ich weiss, dass du deine Jacke jetzt nicht mitnehmen willst, aber falls du später frierst, denk daran, dass sie an der Garderobe hängt.»

Aus entwicklungspsychologischer und pädagogischer Sicht geht es um die Entwicklung der sogenannten exekutiven Funktionen. Diese komplexen Fähigkeiten wird das Kind in diesem Jahr weiterentwickeln:
  • vorausschauend denken und handeln (strategische Kompetenz)

  • komplexe Probleme durchschauen (Problemlösungskompetenz) und die Folgen des eigenen Handelns abschätzen (Handlungskompetenz, Umsicht)

  • die Aufmerksamkeit auf die Lösung eines Problems fokussieren (Motivation, Konzentrationsfähigkeit)

  • Fehler und Fehlentwicklungen bei der Suche nach einer Lösung rechtzeitig erkennen und korrigieren können (Einsichtsfähigkeit, Flexibilität)

  • sich bei der Lösung von Aufgaben nicht von aufkommenden anderen Bedürfnissen überwältigen lassen (Frustrationstoleranz, Impulskontrolle)

Das Kind wird also irgendwann von selbst darauf kommen, sich eine Jacke mit Kapuze anzuziehen, wenn es draussen regnet, auf das Röckchen zu verzichten, wenn es schneit. Ende des zweiten Kindergartenjahres wird es sich merken können, was das Programm in zwei Tagen sein wird. Und wenn es das kann, ist aus dem Kleinkind das Grosskind geworden: das schulbereite Kind.
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Körper, Seele und Gehirn im Wandel?

Ihr Kind wird in diesem Jahr rasant wachsen – innerlich wie äusserlich. Es ist das Alter des ersten Gestaltwandels. Die Extremitäten beginnen verstärkt zu wachsen, der kleinkindhafte Bauch wird flacher, die Muskeln treten hervor und die Schultern werden breiter. Das Kind erscheint insgesamt länger und schlanker. Das Kleinkindhafte verschwindet ganz. Auch das Gesicht verändert sich: Mittel- und Untergesicht wachsen, wodurch die Stirn kleiner wirkt als zuvor. Möglicherweise fallen die ersten Milchzähne aus.
Das Kind empfindet sich als weder klein noch gross.
Auch im Inneren gibt es eine Metamorphose. Die Seele des Kindes gerät ins Wanken. Es empfindet sich als weder klein noch wirklich gross, sondern irgendwie dazwischen. So ist es vielleicht manchmal unerwartet explosiv oder neigt zu Stimmungsschwankungen, ist launisch oder unzufrieden. Es möchte Dinge tun, die grössere Kinder schon mühelos bewerkstelligen, Federball oder Fussball spielen, Lego zusammenbauen. Aber oft sind diese Spiele oder Aktivitäten noch einen Tick zu schwer. Also ist es nicht selten frustriert. Die alten Spiele, die, die es früher begeisterte, sind ihm eine zu geringe Herausforderung. Aber an die Stelle der alten Aktivitäten sind noch keine neuen getreten.

Dennoch strebt Ihr Kind weiter vorwärts, ganz unbeirrt, einem inneren Entwicklungsprogramm folgend. Es erweitert seinen Radius, sucht verstärkt Kontakt zu anderen Kindern, ist ganz beseelt vom Wunsch, an möglichst jedem freien Nachmittag mit Freunden abzumachen. Womöglich meistert es den Weg zu seinen Freunden schon selbst. Es neigt zur Selbstüberschätzung und bevormundet seine jüngeren Geschwister. Und dann wieder, ganz plötzlich, wirft es sich Ihnen in die Arme und möchte kuscheln, so wie früher, als es noch das Kind mit den klebrigen Patschhändchen war.
«Können und Wollen bedeuten auch Trennung, Verlust der Verbundenheit, und dies weckt Ängste», fasst es Maria Teresa Diez Grieser, Fachpsychologin für Psychotherapie FSP am «Institut Marie Meierhofer für das Kind» in Zürich, zusammen.

Die Kinder sehnen sich nach Eigenständigkeit und Selbständigkeit; dennoch sind Liebe und Geborgenheit in der Familie noch ganz zentral. Schenken Sie Ihrem Kind die Zuwendung und Ruhe, die es jetzt braucht.

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