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So stärken Sie das psychische Immunsystem Ihres Kindes

Lesedauer: 4 Minuten

Seelische Widerstandsfähigkeit lässt sich trainieren, ganz einfach im Alltag. Wie das funktioniert? Wir haben drei einfache und alltagstaugliche Resilienz-Übungen für Eltern zusammengestellt.

Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
Bild: Kate Parker

Das Wichtigste zum Thema

Manche Menschen pustet ein Lüftchen um, andere trotzen Orkanen. Resilienz nennt die Wissenschaft jene Widerstandsfähigkeit, die Menschen Krisen meistern und ein gutes Selbstwertgefühl bewahren lässt. Wie können Kinder diesen besonderen Schutz der Seele erwerben? Die gute Nachricht: Resilienz ist lernbar. Doch wie entsteht sie? Und was können Eltern dafür tun? 

Die Psychologen Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund haben drei einfache Übungen zusammengestellt, die die seelische Widerstandsfähigkeit bei Kindern fördern.  

Übung 1: Wenn dich etwas belastet, dann schreib es auf

  • Was passiert, wenn jemand an fünf Tagen für jeweils 15 Minuten beschreibt, was ihn belastet, und dabei seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lässt?

Die Forschung zum expressiven Schreiben zeigt: sehr viel!

Diese simple Übung verbesserte die Stimmung und das Wohlbefinden. Darüber hinaus konnten Forscher eine Menge zusätzlicher Effekte feststellen, die man fast nicht für wahr halten könnte, wenn sie nicht so gut abgesichert wären: Eine Stärkung des Immunsystems und weniger Arztbesuche konnten sogar über ein Jahr nach der Schreibwoche noch festgestellt werden.

Wie positiv sich das Schreiben auf die Seele auswirkt und welche Schreibtricks helfen, lesen Sie im ganzen Artikel. Dort finden Sie alle drei Übungen mit vielen praktischen Tipps, die Kindern helfen, ihre Resilienz zu stärken. 

1. Wenn dich etwas belastet, dann schreib es auf

Was passiert, wenn jemand an fünf Tagen für jeweils 15 Minuten beschreibt, was ihn belastet, und dabei seinen Gefühlen und Gedanken freien Lauf lässt? Die Forschung zum expressiven Schreiben zeigt: sehr viel!

Diese simple Übung verbesserte die Stimmung und das Wohlbefinden. Darüber hinaus konnten Forscher eine Menge zusätzlicher Effekte feststellen, die man fast nicht für wahr halten könnte, wenn sie nicht so gut abgesichert wären: Eine Stärkung des Immunsystems und weniger Arztbesuche konnten sogar über ein Jahr nach der Schreibwoche noch festgestellt werden.

Studierende, die am Experiment teilnahmen, schrieben bessere Noten, und Arbeitslose fanden rascher eine neue Stelle. Sogar bei Depressionen und posttraumatischen Belastungsstörungen konnten die Sympto­me durch das Schreiben gelindert werden.

Während des Schreibens nehmen die negativen Gefühle zu. Die positiven Effekte lassen aber nicht lange auf sich warten.

Das expressive Schreiben ist eine wirksame Möglichkeit, sich belastenden Erlebnissen und Gefühlen mit voller Aufmerksamkeit zuzuwenden und sie aktiv zu verarbeiten. Es hilft dabei, einen anderen Umgang damit zu finden oder mit schwierigen Episoden abzuschliessen.

Probieren Sie es aus: Sie benötigen dazu nicht mehr als einen Stift und ein Blatt Papier oder den Computer. Kinder können auch eine Zeichnung machen.

Durch das Schreiben wird ein anderer Umgang mit Belastungen  leichter gefunden.

Was für eine lebensverändernde Erfahrung das Schreiben eines Tagebuchs für Jugendliche sein kann, zeigt das Beispiel von Erin Gruwell. Die junge Lehrerin unterrichtete an der Wilson Classical High School in Kalifornien eine Klasse von Jugendlichen, die aus schwierigsten Familienverhältnissen stammten.

Viele waren bereits straffällig geworden. Der Alltag der Jugendlichen war gezeichnet von Bandenkriegen, Schiessereien und Drogen. Die meisten hatten bereits eine wichtige Bezugsperson durch Gewalt verloren. Erin Gruwell nutzte unter anderem das Tagebuchschreiben als Möglichkeit, den Jugendlichen bei der Verarbeitung ihrer Erlebnisse zu helfen.

Wenn Sie sich und Ihre Kinder oder Schüler/-innen zum Tagebuch­ schreiben inspirieren möchten, empfehlen wir Ihnen das Buch «Dear Freedom Writer: Wie eine junge Lehrerin und 150 gefährdete Jugendliche sich und ihre Umwelt durch Schreiben verändert haben». Lesemuffel könnten sich von der Verfilmung mit Hilary Swank mitreissen lassen.

2. Begegnen Sie unnötigen Sorgen mit einem psychologischen Kniff

Manchmal müssen wir mit wirklich belastenden Ereignissen zurechtkommen. Wir alle machen uns im Alltag aber auch viele unnötige Sorgen, bei denen wir im Nachhinein sagen müssen: «Da hätte ich mich jetzt wirklich nicht so verrückt machen müssen – die ganze Grübelei hätte ich mir sparen können.»

Nachts im Bett oder wenn wir uns müde, ausgelaugt oder ängstlich fühlen, quälen uns Sorgen, die wir in einem nüchternen Moment kaum ernst nehmen würden. Dabei begleiten uns negative Gedanken wie «Wenn ich das nicht schaffe, bin ich der totale Versager», «Warum muss gerade mir das passieren?», «Das könnte ich nicht aushalten» oder «Was ist, wenn xy passiert?».

Bei genauerer Betrachtung sind die meisten dieser Gedanken übertrieben und einseitig. Aber dennoch können sie uns zusetzen, uns vom Schlafen abhalten und uns hilf- und hoffnungslos machen.Je nachdem, in welcher Stimmung wir über eine schwierige Situation nachdenken, sieht diese ganz anders aus.

Sobald wir etwas besser gelaunt sind, fällt uns plötzlich ein, dass wir nicht so alleine, schwach und hilflos sind, wie wir uns eben noch gefühlt haben. Ein wirksamer psychologischer Kniff besteht darin, sich im Gefühlsstrudel seine negativen Gedanken aufzuschreiben und sich etwas später – in einem neutralen oder positiven Moment – damit auseinanderzusetzen.

 Dies ist besonders lohnenswert bei Sorgen, die uns und unsere Kinder immer wieder befallen.

Und so gehen Sie vor: Schreiben Sie die Sorgen, Selbstzweifel oder Befürchtungen, die Sie oder Ihr Kind plagen, auf Karteikarten. Nehmen Sie für jeden einzelnen Gedanken eine neue Karteikarte. Wenn Ihr Kind beispielsweise Gedanken äussert wie «Mich mag eh keiner!», «Ich bin sowieso zu blöd» usw. können Sie diese zu Papier bringen. Hören Sie einfach nur zu, argumentieren sie nicht dagegen. Schreiben Sie die Gedanken für später auf.

Schreiben Sie die Gedanken auf Karteikarten.

In einem besseren Moment nehmen Sie und Ihr Kind die Gedankenkärtchen hervor. Ziehen Sie beide jeweils einen negativen Gedanken und rücken Sie diesem zu Leibe. Sicher werden Ihnen nun viele Argumente einfallen, weshalb dieser Gedanke übertrieben oder sogar falsch ist.

Schreiben Sie die Gegenargumente auf die Rückseite des Kärtchens. Auf der Vorderseite stünde zum Beispiel «Keiner mag mich», auf der Rückseite die Namen der Menschen, die das Kind gern haben, sowie die liebenswerten Seiten des Kindes. Sie machen das Gleiche für einen Ihrer Stressgedanken.

Wenn Sie das für zwei, drei Gedanken gemacht haben, kommt die Herausforderung: Sie oder Ihr Kind ziehen einen Gedanken und das Gegenüber muss so rasch wie möglich dagegen argumentieren. Mit etwas Übung fallen uns die Gegenargumente in immer schwierigeren Situationen ein, wodurch Stress und Hilflosigkeit reduziert werden.

3. Starten Sie gut in den Tag

Die Frage «Worauf freust du dich heute?» kann uns den ganzen Tag versüssen. Sie hilft uns, auch kleine Glücksinseln im Alltag auszumachen und diese auszukosten. Das können ganz banale Dinge sein: der Schulweg mit der besten Freundin, die Stunde bei der Lieblingslehrerin, die Lieblingsserie, die heute Abend im Fernsehen läuft.

Worauf freue ich mich heute? 

Gerade wenn Sie oder Ihr Kind einen stressigen oder mühsamen Tag vor sich haben, lohnt es sich, solche Momente bereits im Vorfeld bewusst zu machen. Damit verbessert sich automatisch die Stimmung und man gewinnt mehr Energie, um auch den unliebsamen Punkten zu Leibe zu rücken.

Manchmal merkt man bei dieser kurzen Übung auch, dass zu wenig schöne Momente auf einen warten und man noch etwas mehr davon einbauen sollte. Mit der Frage «Was würde den Tag heute besser machen?» lassen sich auch graue Tage aufpeppen.

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Die beiden eint der Wunsch, dass Kindergarten und Schule Orte sind, wo sich Kinder, Eltern und Lehrpersonen wohl fühlen und voneinander lernen können.

Alle Artikel von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

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