Entwicklung

Kinderängste: Woher kommen sie? Wie können Eltern helfen?

Nehmen Ängste überhand, machen sie krank. Jedes zehnte Kind erlebt in seiner Entwicklung eine behandlungsbedürftige Angst. Woher Kinderängste kommen – und was dagegen hilft.
Text: Sarah King
Bilder: Stephan Rappo / 13 Photo
Ein Mädchen wirbelt in luftiger Höhe, mal kopfüber im Spagat, mal wie eine Spinne an einem losen Tuch hochkletternd. Anna* ist 15 Jahre alt. Was gibt ihr Sicherheit? Das um den Fuss gewickelte Tuch? Oder ist es die Angst, die Anna jede Bewegung mit grösster Vorsicht ausführen lässt? Seit fünf Jahren macht die Jugendliche Zirkusakrobatik, am liebsten am Vertikaltuch und am Luftring. Sie habe Höhenangst, sagt sie. Aber an diesen Geräten fühle sie sich sicher. Warum? Anna: «Weil ich mich selbst halten kann.»

Dann, am Abend, zu Hause. Anna hilft ihrem Vater kochen. Der Käse fehlt. «Holst du ihn bitte aus dem Keller?», fragt der Vater. Anna zögert. Im Keller ist es dunkel. Was, wenn jemand dort ist? Was, wenn die Tür zugeht und sie alleine eingesperrt bleibt? In Windeseile türmen sich ihre Gedanken zu einem Angstgebilde. «Komm bitte mit», sagt Anna leise zu ihrer jüngeren Schwester. Die Schwester stöhnt: «Du hast immer Angst!» – und geht dann mit.
In der Pubertät sind Mädchen doppelt so häufig wie Jungs von Ängsten betroffen.
Jedes zehnte Kind erlebt im Verlauf seiner Entwicklung eine behandlungsbedürftige Angst. Jungen und Mädchen sind im Kindesalter etwa gleich häufig betroffen – in der Adoleszenz trifft es Mädchen rund doppelt so häufig wie Buben.

Doch was ist Angst eigentlich, woher kommt sie und wie können Eltern sie bei ihrem Kind erkennen? Welche typischen Angststörungen gibt es? Und: Wie werden sie behandelt? Diesen und weiteren Fragen wollen wir auf den Grund gehen.

Was bedeutet Angst bei Kindern und Jugendlichen?

Angst ist die häufigste Störung im Kindes- und Jugendalter, sagt Susanne Walitza, Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Eine frühe Behandlung ist wichtig, denn Ängste weiten sich aus, können sich chronifizieren und weitere Störungen wie Depressionen zur Folge haben.»

Bevor eine krankhafte Angst behandelt werden kann, muss sie erkannt werden. Für Eltern ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wann eine Angst normal, wann sie klinisch relevant und wann es überhaupt eine Angst ist. «Kinder reden wenig über Ängste», sagt Susanne Walitza. «Generell zeigt sich Angst mehr durch körperliche Symptome.» Kinder klagen dann zum Beispiel über Bauchschmerzen, Übelkeit oder Kopfschmerzen.

Die Angst hat viele Gesichter

In der Psychologie wird Angst als eine Emotion verstanden, die sich auf eine als bedrohlich empfundene Situation bezieht. Die Art der Bedrohung bleibt eher unbestimmt und geht mit Vorstellungen einher, was geschehen könnte. Davon abzugrenzen ist die Furcht: Sie bezieht sich auf eine konkrete Bedrohung und ist begründbar. Wirkt die Furcht jedoch übertrieben stark, löst sie eine unmittelbare Reaktion aus und kann zu körperlichen Symptomen und zu Vermeidungsverhalten führen. In einem solchen Fall spricht man von einer Phobie. Besteht für eine plötzliche und heftige Angstreaktion keine äusserlich erkennbare Gefahr, handelt es sich um Panik.
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Die Angst gehört zu den grundlegenden Gefühlszuständen, gerade im Kindes- und Jugendalter spielt sie eine zentrale Rolle. Mit jedem Übergang von einer Entwicklungsphase in die andere stehen neue Herausforderungen an, das Kind lernt Unbekanntes, vergrössert seine Autonomie und wird durch das Erleben von Angst auf Gefahren hingewiesen und davor geschützt. Das geht mit typischen, in der Regel schwachen Entwicklungsängsten einher wie mit der Angst vor Fremden, vor Monstern, vor Krankheiten oder vor Ablehnung.
Mit jeder Entwicklungsphase stehen für das Kind neue Herausforderungen an, die Angst spielt dabei eine zentrale Rolle.
Mit jeder Entwicklungsphase stehen für das Kind neue Herausforderungen an, die Angst spielt dabei eine zentrale Rolle.
Von einer Störung spricht man dann, wenn die Angst unbegründet stark ist und lange anhält, sie Leid verursacht und das Kind beeinträchtigt. «Langfristig verhindert eine Angststörung die Entwicklung des Kindes», sagt Simone Munsch. Sie ist Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie und Leiterin der psychotherapeutischen Praxisstelle der Universität Fribourg. Angst habe die Tendenz, sich auszubreiten: «Zuerst bezieht sie sich auf das Flugzeug. Dann auf den Bus, den Zug, das Auto. Und am Schluss will das Kind gar nicht mehr aus dem Haus.» Ein Kind expandiere seinen Bewegungsraum über die Entwicklung hinweg. Klinisch relevante Angst tue das Gegenteil: «Sie schränkt den Bewegungsraum stark ein. Nicht nur beim Kind, sondern bei der ganzen Familie.»
Zu den ersten Angststörungen im Verlauf der Entwicklung gehört die Trennungsangststörung. «Sie tritt erstmals mit drei, vier Jahren auf. Ab dem Alter von 12 oder 13 Jahren klingt diese Art Angst wieder ab», sagt Silvia Schneider. Die Professorin lehrt klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. In Basel führte sie diverse Studien zur Trennungsangst durch. 

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