Verbale Gewalt – wenn Wörter die Kinderseele verletzen
Elternbildung
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Welches sind denn die möglichen Folgen seelischer Gewalt?

Diese können sehr vielfältig sein und umfassen beispielsweise das ganze Spektrum psychischer Störungen, aggressives oder depressives Verhalten, Drogen- oder Alkoholmissbrauch. Ein Kind, das über Jahre kleingehalten wurde, kann kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Dies wiederum führt zu Beziehungsproblemen, sozialen Problemen. Oder die kognitive Entwicklung des Kindes wird beeinträchtigt, weil es den Kopf nicht frei hat für intellektuelle Leistungen. Es entwickelt massive Schulprobleme. Und klar ist, wenn man einem Kind Gewalt antut, dann lernt es primär eins: Gewalt. Das Kind imitiert die Eltern. Es wird ein Lernprozess in Gang gesetzt.
«Wenn man einem Kind Gewalt antut, lernt es primär eins: Gewalt.»

Wie machen es diese Kinder später mit ihren eigenen Kindern?

Da gibt es diejenigen, die bewusst oder unbewusst auf die eigene Kindheit zurückblicken und das, was sie selbst erlebt haben, so weitergeben. Und es gibt die anderen, die aus Überzeugung genau das Gegenteil machen. Die sagen, ich werde meine Kinder niemals so erziehen, wie ich selbst erzogen wurde! Dazwischen gibt es viele Varianten.

Ist jedes Kind, dem psychisches Leid angetan wird, gleichermassen stark betroffen?

Die Verletzlichkeit ist von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Und damit auch die Eigenschaft der Resilienz, der psychischen und physischen Widerstandsfähigkeit, Dinge auszuhalten. Es gibt Kinder, die zehn, zwölf Jahre schlimmsten Psychoterrors ausgesetzt sind und die trotzdem eine unglaubliche Selbstbehauptung, ein Selbstbewusstsein entwickeln. Das sind Kinder, denen kann man einen Felsbrocken in den Weg legen und sie kommen drum herum, anderen legt man einen Kieselstein in den Weg und sie stolpern darüber.
Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt gegen Minderjährige, sagt Psychologe und Heilpädagoge Franz Ziegler.
Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt gegen Minderjährige, sagt Psychologe und Heilpädagoge Franz Ziegler.

Da sprechen Sie von Extremfällen. Trotzdem, das Leben mit Kindern kann sehr fordernd sein, einen manches Mal an seine Grenzen bringen. Da passiert es doch wahnsinnig schnell, dass einem in einer Stresssituation eine unüberlegte Bemerkung herausrutscht.

Absolut. Wie oft das passiert, wissen wir leider nicht. Es gibt keine aussagekräftigen Erhebungen beziehungsweise Untersuchungen. Es ist sehr schwer abzugrenzen, wo psychische Gewalt anfängt und wo sie endet. Klar ist aber: Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt, da sie sowohl in physischer und sexueller Gewalt impliziert ist als auch alleine vorkommen kann.
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Sie beschäftigen sich beruflich schon über ein Vierteljahrhundert mit Kindern und Jugendlichen. Dabei sind Ihnen sicher einige Fälle von psychischer Gewalt begegnet.

Ja, sehr viele und auch unterschiedliche. Doch häufig lässt sich ein solches elterliches Verhalten in Scheidungssituationen, besonders bei Kampfscheidungen, beobachten. Oder in Familien, in denen ein oder beide Elternteile psychisch erkrankt sind. In beiden Situationen sind die Eltern derart mit sich selbst beschäftigt, dass sie für die Anliegen und Bedürfnisse der Kinder nicht offen sind. Ihnen fehlt die Sensibilität gegenüber den Kindern oder sie instrumentalisieren die Kinder für ihre eigenen Anliegen. Kinder werden dann oft auch in eine Erwachsenenrolle gedrängt und müssen quasi für einen Elternteil sorgen – physisch und psychisch.
«Klar ist: Psychische Gewalt ist die häufigste Form von Gewalt.»

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Ein 12-jähriger Junge, integriert und aktiv, zieht sich plötzlich zurück, bleibt dem geliebten Training im Fussballklub fern, entwickelt körperliche Symptome wie Entzündungen und Schmerzen ohne medizinisch erkennbare Ursachen, trifft sich in der Freizeit nicht mehr mit seinen Freunden. Wie sich herausstellt, ist seine Mutter psychisch erkrankt und hat ihren Sohn an sich gebunden. Er muss die Rolle eines Pflegenden und Verpflegenden übernehmen und verliert dadurch die Möglichkeit, noch Kind sein zu können. Ein anderer Junge meldet sich per E-Mail und schreibt, dass er es nicht mehr aushalte zu Hause. Seine Mutter schreie ihn mindestens einmal wöchentlich «den ganzen Abend» an, werfe ihm vor, wie böse und undankbar er sei. Sie wecke ihn nachts auf und verletze fortlaufend seine Privatsphäre.

In welchen Fällen müssen die Behör­den eingreifen?

Immer dann, wenn das Kindeswohl gefährdet ist und die Eltern nicht fähig beziehungsweise nicht willens sind, an ihrem Verhalten beziehungsweise der Gefährdungssituation etwas zu ändern.
«Das können Eltern wie Sie und ich sein, die in Situationen von Stress an ihre Grenzen kommen.»

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ich erinnere mich an eine 15-Jährige, die sich selbst an den Sozialdienst gewandt hat, weil sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat. Ihre Mutter, in der Trennung zum Vater lebend, sagte Dinge zu ihr wie: «Wenn du nicht mehr leben würdest, hätten wir kein Problem mehr.» Die Jugendliche wurde für das zerrüttete Verhältnis der Eltern verantwortlich gemacht. Dass sie Hilfe und Unterstützung nötig hatte, war naheliegend. Jemand, der dem Teenager ein Umfeld bieten konnte, das ihm half, die Verletzungen zu verarbeiten und das Selbstbewusstsein und Selbstvetrauen aufzubauen. Ihre Eltern haben nie eine Beziehung zu ihrem Kind aufbauen können oder wollen.

Was ist mit ihr passiert?

Die Behörden haben entschieden, dass das Mädchen in einer betreuten Wohngruppe platziert werden soll. Alle Beteiligten haben dem zugestimmt.

Wie erkennen Sie einen Fall von psy­chischer Gewalt?

Wir sind vor allem auf die Aussagen von Eltern und Kindern angewiesen. «Mein Mami sagt, dass sie mich lieber nie geboren hätte.» Es gibt Eltern, die so etwas völlig unbedarft vor Zeugen aussprechen. Im Rahmen von Untersuchungen wurde festgestellt, dass in Misshandlungsfamilien weniger kommuniziert wird und, wenn kommuniziert wird, oftmals negativ. Und in einem Umfeld, wo Beleidigungen und Schimpfwörter zum Standard der Kommunikation gehören, werden Beschimpfungen auch eher ausserhalb der eigenen vier Wände geäussert.
«Mehr Fantasie im Umgang mit Kindern würde vielen guttun.»

Sie sprachen gerade von typischen Missbrauchsfamilien ...

... so einfach ist das leider nicht. So vielfältig die Formen und Ausprägungen von psychischer Gewalt sind, so vielfältig sind auch die Familien. Das können Eltern mit niedrigem Bildungshintergrund sein, Mütter oder Väter mit einer psychischen Krankheit oder einem Suchtproblem. Es können aber auch Eltern wie Sie und ich sein, die manchmal in Situationen von Stress, Überforderung an ihre Grenzen kommen. Die aus einer Enttäuschung heraus eine Äusserung machen und danach denken: «Oh nein, so etwas willst du doch eigentlich gar nicht sagen!» So wie es auch in der Kommunikation unter Erwachsenen passieren kann. Nur darf man dann nicht, weil es sich beim Gegenüber um ein Kind handelt, einfach darüber hinwegsehen.
Ein Kind ist kein Objekt, sondern ein Subjekt mit Rechten und einem Anrecht auf Integrität.

8 Kommentare

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Von Susanna am 28.12.2019 23:04

Was wäre wenn der Erziehungsberechtigte das gesagte nie zurücknimmt sondern einfach totschweigt?

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Von Annette am 11.10.2019 00:50

Vielen Dank für Ihren Artikel, er hat mir mal wieder gezeigt das ich mir das alles nicht eingebildet habe. Ich bin 54 und habe leider genau so eine verbale Gewalt von den Eltern erlebt. Selbst heutzutage mit über 80 hat sich an ihrem Verhalten nichts geändert. Ich dagegen verarbeite meine Narben immernoch. Ich bin nicht so geworden wie sie, ich habe mein Kind mit Liebe erzogen, habe ihn unterstützt und ihn gelobt. Jeder Mensch hat die Möglichkeit sich zu ändern, allerdings können sich Kinder und Jugendliche alleine nicht wehren und leider glauben auch viele das es ihre Schuld ist. Aber es ist nicht ihre Schuld, das Problem sind die Eltern.

Von Fritz+Fränzi Redaktion am 11.10.2019 09:13

Vielen Dank für diesen Einblick!

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Von Stefanie am 31.07.2017 19:11

Schade werden keine konkreten Lösungsmöglichkeiten genannt, wie zum Beispiel die gewaltfreie Kommunikation mit Kindern (funktioniert übrigens auch mit Erwachsenen). Das kann man lernen.

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Von Babs am 31.07.2017 19:34

Das kenne ich leider nur zu gut. Und mein Sohn erlebt es in der Schule. Wenn es die Lehrerin macht dann machen wir das auch.
So gibt's ein schwarzes Schaf, und wenn es sich wehrt dann grenzen wir es noch mehr aus.
Wenn ich es anspreche, heißt es: ist ja schwer nachweisbar.

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Von Matthias am 13.03.2017 18:13

Der sicherste Wert eines Menschen ist ein guter Selbstwert. Kinder, wie Erwachsene sind auf diesen angewiesen, um gesund durchs Leben zu kommen.
Sich als Kind als ganz erleben, sich wohl und aufgehoben fühlen in den Händen der Eltern und bedingungslose Liebe von ihnen erfahren: das macht sie stark.

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Von Ursula am 13.03.2017 13:19

Ein äusserst wertvoller Artikel, der bewusst macht, wozu die Sprache mächtig ist.
Ganz besonders prägend entfalten sich negative, kühle und gezielt eingesetzte Worte, die einen dann ein halbes Leben lang verfolgen können.
Ein Beispiel: Meine erste Handarbeitslehrerin war sich politisch mit meinem Vater nicht einig und liess ihren Unmut über seine Haltung dann an mir aus mit der Bemerkung: "Jetzt kommst wieder Du mit Deinen zwei linken Händen".
Es gelang ihr in drei Jahren, mein Selbstbewusstsein in allem, was Handarbeit anbetraf für viele Jahre zu zerstören, so dass ich immer zitterte, wenn ich etwas vorzeigen wollte. Trotzdem bestand ich die Prüfung in die Bezirksschule Aarau mühelos, was sie zur Frage verleitete: "Wie kann jemand, der keinen geraden Saum hinbringt, so etwas erreichen?"
Ich wurde dann Lehrerin und unterrichtete gern, aber erst die eigenen Kinder brachten mich von der fixen Idee ab, ich hätte zwei linke Hände, indem sie mir einfach immer wieder voller Vertrauen fragten und baten:" Mami, bitte hilf mir. Mami, kannst Du das wieder flicken? Mami, wie geht das?"
Ich hüte mit meinem Mann regelmässig unsere Enkelbuben und wie Sie sehen, ist mir dieser despektierliche Satz, diese Beurteilung oder Verurteilung der Handarbeitslehrerin immer noch bewusst. So schade, eigentlich. Ursula Fehr aus Eglisau, Gemeindepräsidentin immerhin.

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Von Uschi am 06.03.2017 12:35

Vielen Dank für diesen Artikel. Es ist wichtig, dass solche Sachen angesprochen werden. Viele Eltern machen sich über solche Äusserungen keine oder zuwenig Gedanken darüber, wie sehr ein Kind oder Jugendlicher dadurch verletzt wird. Die Verletzungen sind ja nicht "sichtbar" wie zum Beispiel bei körperlicher Gewalt. Auch ironische Äusserungen gehören in dieses Kapitel.

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