Elternbildung
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Bei Mobbing sind Sie als Lehrperson gefordert!

Es gehört in den Verantwortungsbereich der Lehrperson, dafür Sorge zu tragen, dass jedes Kind den Unterricht angstfrei besuchen kann – ganz egal, auf welcher Stufe Sie unterrichten und ob Sie Fachlehrperson oder Klassenlehrperson sind. Sie können Hilfe in Form eines Schulsozialarbeiters oder der Schulleitung beiziehen – aber Sie haben weiterhin die Verantwortung für Ihre Klasse. Solange Mobbing in Ihrer Klasse stattfindet, sind Sie in der Pflicht, sich dieser Problematik anzunehmen. Führt die Intervention von aussen nicht dazu, dass sich die Lage wesentlich verbessert, ist es an Ihnen, sich nach weiteren Möglichkeiten zu erkundigen und selbst aktiv zu werden. 

Würden Sie in Ihrem Team gemobbt, würden Sie von der Schulleitung erwarten, dass sie solange nach einer Lösung sucht, bis das Problem gelöst ist. Und dass sie nicht nur einmalig einen Versuch startet. Denn: Gibt man sich bei Mobbing mit einer halbherzigen Lösung zufrieden, stärkt man die Macht der Akteure, man signalisiert ihnen, dass sie am längeren Hebel sitzen.

Wir können verstehen, wenn Sie sich als Lehrperson unsicher und hilflos fühlen, wenn ein Kind in Ihrer Klasse gequält wird. Aus diesem Grund möchten wir Ihnen möglichst konkrete Hilfestellungen beschreiben.
Wenn sich der Lehrer einmischt, wird das gemobbte Kind oft als Petze beschimpft – und alles wird noch schlimmer.
Wir möchten Sie auch ermutigen, selbst zu intervenieren. Eine externe Fachperson mag über ein grosses Repertoire an Ansätzen und Erfahrungen verfügen, aber Sie haben eine starke Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern aufgebaut und kennen die einzelnen Kinder. Sie sehen, ob Ihre Intervention ankommt, ob sich daraufhin etwas verändert – und Sie können positive Veränderungen aufgreifen und verstärken. Haben Sie es geschafft, eine gute Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen, sind diese zudem gewillt, das gemobbte Kind um ihretwillen zu unterstützen. Der No Blame Approach, den wir im Folgenden beschreiben, baut genau auf diesen Faktoren auf.

Mobbing ohne Strafen und Schuldzuweisungen begegnen – mit dem No Blame Approach

Der 1991 von Barbara Maines und George Robinson in England entwickelte No Blame Approach versteht Mobbing als Gruppengeschehen und hat das Ziel, die Gruppendynamik in einer Klasse zu verändern. Er verzichtet deshalb konsequent auf Schuldzuweisungen und Strafen.

Wir empfinden dies aus mehreren Gründen als sinnvoll.

  • Erstens werden Sie als Lehrperson dadurch entlastet. Da Mobbing meist verdeckt stattfindet, ist es für Sie als Lehrperson schwierig, der «Wahrheit» auf den Grund zu gehen. Dies insbesondere dann, wenn Aussage gegen Aussage steht und mehrere Schülerinnen oder Schüler die Akteure decken.

  • Zweitens führen Schuldzuweisungen sofort dazu, dass die Akteure und Mitläufer (Assistenten und Verstärker, wie sie im No Blame Approach genannt werden), ihre Aktionen rechtfertigen, abstreiten oder dem gemobbten Kind eine Mitschuld geben.

  • Drittens lässt sich oft beobachten, dass die negativen Gefühle gegenüber dem gemobbten Kind zunehmen, wenn die Akteure und Mitläufer beschämt oder bestraft werden. Das betroffene Kind wird daraufhin als Petze beschimpft. Nicht selten erfolgen versteckte Racheaktionen, bei denen das betroffene Kind so massiv eingeschüchtert wird, dass es weitere Vorfälle verschweigt. Das Schweigen der Betroffenen aus Angst vor der Rache der Gruppe ist ohnehin ein grosses Problem.

  • Viertens ist es für das betroffene Kind sehr belastend, wenn es alles preisgeben, über peinliche und demütigende Vorfälle berichten und Beweise für seine Situation erbringen muss.

  • Fünftens ist es ohne Beweise für Sie als Lehrperson sehr schwierig, eine Strafe auszusprechen und durchzusetzen. Rasch kleben Ihnen die Eltern der Akteure an den Fersen, die das Gefühl haben, ihr Kind werde ungerecht behandelt.

  • Sechstens ist es für die Akteure und Mitläufer leicht, auf Taten auszuweichen, die nicht zu sehen oder kaum zu bestrafen sind. In diesen Fällen wird das betroffene Kind meist isoliert. Die Gruppe zeigt ihm ihre Verachtung, indem sie es bei Spielen ausschliesst, es wie Luft behandelt oder durch subtile Gesten und zweideutige Kommentare auf den wunden Punkten herumreitet.

Aufgrund dieser sehr zweifelhaften Wirkungen von Strafen schliessen wir uns der Empfehlung der Autoren an, darauf zu verzichten.
Wie mischt man sich ein, ohne es für Betroffene noch schlimmer zu machen? Bilder: Fotolia
Wie mischt man sich ein, ohne es für Betroffene noch schlimmer zu machen? Bilder: Fotolia
Zwei Ausnahmen möchten wir jedoch anführen:

  •  Im Jugendalter wird Mobbing seltener, dafür nimmt die Intensität von Mobbinghandlungen zu. Kommt es dabei zu einer Straftat (Körperverletzung, Diebstahl, Beschädigung fremden Eigentums, Hausfriedensbruch, sexueller Übergriff) sollte die Polizei eingeschaltet werden.
  • Handelt es sich um Cybermobbing, werden also Videoaufnahmen, Fotos oder Gerüchte übers Internet verbreitet, sollte umgehend die Polizei eingeschaltet werden. Der Grund: Solche Inhalte können sich unkontrollierbar schnell verbreiten und sind danach kaum mehr zu löschen.

In allen anderen Fällen können Sie sich voll und ganz darauf fokussieren, die Situation des betroffenen Kindes zu verbessern und damit gleichzeitig an einem positiveren Klassenklima zu arbeiten.
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Mit Beziehung und Vertrauen eine Lösung finden

Hinter dem No Blame Approach steckt eine Grundhaltung, die von Vertrauen geprägt ist und an das Gute in jedem Kind appelliert. Die Lösung wird nicht von oben verordnet. Stattdessen werden die Kinder dazu eingeladen, an einer Lösung mitzuwirken und sich mit ihren Ideen einzubringen. Die Umsetzung erfolgt auf freiwilliger Basis und erreicht die Kinder gerade deshalb.

Um die negative Gruppendynamik zu durchbrechen, wird den Kindern aktiv eine neue, positive Rolle zugewiesen – die des Helfers. Dabei wird eine Unterstützergruppe gebildet, die aus sechs bis acht Kindern besteht. Dieser gehören zur Hälfte Kinder an, die zum Mobbing beigetragen haben. Die andere Hälfte bilden Kinder, die sich bislang neutral verhalten haben oder versucht haben, das gemobbte Kind zu schützen. Die Lehrperson behandelt jedoch unterschiedslos alle Kinder der Unterstützergruppe als Helfer, an die sie positive Erwartungen heranträgt und die sie aktiv darum bittet, ihr dabei zu helfen, die Situation des gemobbten Kindes zu verbessern.

Dabei wird weder das Wort Mobbing verwendet, noch werden einzelne Vorfälle angesprochen. Die Lehrperson macht jedoch unmissverständlich klar, dass sich die Situation des Kindes verbessern muss und sie dazu auf die Mithilfe der Gruppe angewiesen ist.

Der Ansatz besteht aus drei Schritten. Für jeden der Schritte findet man im Buch «No Blame Approach. Mobbing-Intervention in der Schule» von Heike Blum und Detlef Beck sehr konkrete Hinweise (Fairaend, 2014). Verschriftlichte Gesprächssequenzen sorgen für Sicherheit in der Umsetzung und konkrete Fragen geben Anregungen, wie man die Gespräche einleiten und gestalten könnte.  

7 Kommentare

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Von Michaela am 22.09.2016 18:04

Dieser Ansatz,der Mobbingsituation Herr zu werden ist für mich der beste, den ich bisher gehört habe. Danke dafür!

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Von peach am 14.09.2016 11:15

Gute Strategie. Gibt es Erkenntnisse zum Erfolg?

Von Clara am 11.03.2018 17:57

Der Evaluationsbericht wurde keineswegs von unabhängigen Stellen durchgeführt, sondern von fairaend selbst. Das ist in etwa so aussagekräftig, wie wenn McDonalds in Studien belegt, dass sie gesunde Ernährung anbieten. Zudem wurden bei der Evaluation gravierende Regeln der Statistik missachtet. Würde man diese Evaluation in der Form wiederholen, kämen immer wieder andere Ergebnisse heraus.

Zudem wird der Erfolg vom Anwender beurteilt und nicht von einem neutralen Beobachter. Wenn man sich ein wenig mit Mobbing- und Traumaforschung auskennt, kann man von der Methode allen Opfern nur dringend abraten!

Von Petra am 21.09.2018 13:33

Brauchen wir wissenschaftliche Studien?

Wichtig ist doch, dass der schnell einsetzende Erfolg recht gibt.
In der Schulsozialarbeit setze ich seit Jahren auf das NO Blame Approach Prinzip. Schüler bekommen die Chance, dem Betroffenen als Helfer zur Seite zu stehen, und somit die eigene Verhaltensweise zu überdenken, eben ohne Schuldzuweisung. Und es funktioniert !!!

Von Fabian am 19.06.2017 14:59

Es gibt Erkenntnisse zum Erfolg. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, ihren Ansatz im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu evaluieren.

Der Evaluationsbericht kann hier eingesehen werden:

http://www.no-blame-approach.de/media/downloads/EvalutionsberichtNoBlameApproach.pdf

Natürlich ist die Evaluation (wie jede Evaluation!) mit gewissen Durchführungsmängeln behaftet, über die die Autoren im Rahmen des Evaluationsberichts detailliert Auskunft geben.

Um die Effektivität des Ansatzes genauer zu überprüfen, wäre es wünschenswert, dass eine Universität den Ansatz im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts mit anderen Ansätzen vergleicht. Es kann jedoch nicht den Autoren angelastet werden, dass es bisher keine entsprechenden Bemühungen von Universitäten gegeben hat.

Von Fabian am 11.05.2017 13:15

Ja. In einem grösseren Evaluationsbericht konnte das Mobbing in 192 von 220 Fällen mit Hilfe des Ansatzes erfolgreich gestoppt werden. Den detaillierten Evaluationsbericht finden Sie hier: http://www.no-blame-approach.de/media/downloads/EvalutionsberichtNoBlameApproach.pdf

Von Clara am 16.06.2017 22:27

Nein, weil es keine einzige unabhängige wissenschaftliche Studie gibt, die den Erfolg der Methode belegt.

Beck und Blum räumen im Evaluationsbericht 2008 selbst ein: „Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass primär AnwenderInnen Rückmeldung gegeben haben, die vor allem positive Ergebnisse zu berichten hatten und so unzufriedenstellende oder gescheiterte Anwendungen des Ansatzes nicht ausreichend erfasst werden konnten.“ Obwohl die Autoren um die Verzerrung der Ergebnisse ihrer Evaluation wissen, werden im Buch selbst die Ergebnisse präsentiert als seien sie repräsentativ.

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