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Elternbildung

Kinder unter Druck

Fast täglich hören wir Berichte über Druck, Stress und Burnout – und immer öfter scheinen bereits Kinder darunter zu leiden. Warum ist das so? Und was hilft gegen zu viel Druck?
Text: Fabian Grolimund
Illustration: Petra Dufkova/Die Illustratoren
Bis heute fällt es mir schwer, nachzuvollziehen, warum Stress und Burnout die grossen Themen unserer Zeit zu sein scheinen. Hatten unsere Vorfahren nicht mit Problemen ganz anderen Kalibers zu kämpfen? Wenn unsere Grosseltern von früher erzählen, dann tauchen Themen auf wie Armut oder die Anforderung, sechs Kinder durchzubringen. Es wird vom Krieg erzählt und von Krankheiten, gegen die wir uns heute impfen können, die früher aber zum Tode führten.

Auch unsere Eltern hatten es oft nicht leicht. Mein Vater erzählt von der Zeit im Internat mit Geistlichen, die beim kleinsten Vergehen zum Rohrstock griffen. Von Strafen, Härte und Gefühlskälte.

Wie schön scheinen es im Vergleich dazu wir und unsere Kinder zu haben. Wir müssen nicht um unser Leben bangen. Unsere Kinder werden in der Schule nicht geschlagen, wenn sie die Hausaufgaben vergessen. Die realen Bedrohungen von früher haben für die meisten von uns hier in der Schweiz abgenommen.
Das, was wir am meisten schätzen, setzt uns oft am meisten unter Druck.
Was zugenommen hat, ist ein Gefühl des ständigen, diffusen Bedrohtseins, das wir nicht recht einordnen können. Herausgreifen möchte ich nur zwei Aspekte, die zeigen: Es sind manchmal genau die Dinge, die wir am meisten schätzen, die uns unter Druck setzen.

Freiheit

Noch nie in der Geschichte der Menschheit hatten wir so viel Freiheit und Wahlmöglichkeiten. Wir könnten und dürfen fast alles mit unserem Leben anfangen. Welchen Beruf möchten wir ergreifen? Die Auswahl ist so gross geworden, dass selbst die Berufsberater den Überblick verlieren. Wollen wir heiraten? Eltern werden? Wie organisieren wir uns als Paar? Wer arbeitet wie viel? Wer übernimmt welche Aufgaben? Kinderkrippe oder nicht? Welchen Platz wollen wir Religion oder Spiritualität in unserem Leben geben? Wo wollen wir wohnen?

Wenn wir diese Fragen lesen, merken wir gleich: Freiheit bedeutet Stress! Denn wir müssen uns entscheiden. Die Angst, die falsche Option zu wählen, wächst mit den verfügbaren Möglichkeiten. Oft fühlen wir uns blockiert, weil wir nicht in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen.
Manche Menschen sind immer latent auf der Suche.
Bei einigen Menschen ist die Angst, etwas zu verpassen, so gross, dass sie sich auf nichts mehr einlassen können. Sie sind immer latent auf der Suche. Sie sind zufrieden mit ihrem Job, aber halten Ausschau nach etwas Besserem. Sie beschreiben die Beziehung als gut, fragen sich aber ständig, ob es nicht noch jemand gäbe, der oder die besser passen würde.

Früher war für viele Kinder der Weg vorgezeichnet – sie sind in die Fussstapfen der Eltern getreten. Sie haben den Hof, den Betrieb, das Handwerk übernommen. Heute haben wir als Eltern nicht die leiseste Ahnung, was aus unseren Kindern einmal werden wird. Vielleicht werden sie einen Beruf ergreifen, der heute nicht einmal existiert. Wie also sollen wir sie auf die Zukunft vorbereiten?
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Dieser Unsicherheit begegnen wir mit der Lösung: Ich muss meinem Kind alle Wege offenhalten. Zu gross ist die Angst, dass das Kind sonst in einer Sackgasse landet und uns später Vorwürfe machen wird. Möglichst viel Bildung, ein möglichst hoher Abschluss scheint das Ticket zu sein, das wir unseren Kindern mit auf den Weg geben wollen. Daneben sollen die Kinder ein möglichst breites Repertoire an Fähigkeiten und Interessen aufbauen.

Nach einem Vortrag fragte mich eine Mutter: «Meine Tochter ist in der ersten Klasse und möchte nach der Schule einfach nur spielen, in den Garten gehen, sich um die Tiere kümmern und ihre Freundinnen treffen. Ich habe mich so erschrocken, als ich gehört habe, was die anderen Kinder in ihrer Klasse alles machen. Die anderen Eltern meinten, es sei doch wichtig, dass ein Kind ein Instrument lernt und Sport macht. Ich habe Angst, dass ich meine Tochter zu wenig fördere.»

4 Kommentare

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Von Ulrike am 20.08.2017 06:51

Der Druck und Stress fängt bei uns Erwachsenen an, von denen immer mehr ständig angespannt, erschöpft und ausgebrannt sind 🙁... Ist es dann erstaunlich, dass wir unsere Lebens-Unsicherheit und -Angst an unsere Kinder weitergeben? Spannende Ansätze, wie wir "Das Passende Leben" gestalten können finden sich in dem gleichnamigen Buch von Remo Largo. Ich bin überzeugt, sobald wir Eltern ein sinnvolles, entspanntes, in Gemeinschaft eingebundenes, naturnahes Leben führen können mit Berufen, die unseren Kompetenzen entsprechen - dann wird auch die Belastung unserer Kinder abnehmen ...

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Von Rita am 12.07.2017 22:38

Dieser Artikel bringt es auf den Punkt. Genau das sehe ich auch als Problem unseren Kindern fehlen die Grenzen und damit die Leitlinien. An was sollen Sie sich orientieren, an was ausrichten. Alles möglich, alles erreichnet. Müssen unsere Kinder nicht viel mehr "anstellen" um
überhaupt eine Grenze übertreten zu können? Es gibt ja keine Grenzen mehr. Und da wundern wir uns, wenn unsere Kinder und Jugendlichen orientierungslos sind..

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Von Daniela am 26.06.2017 16:03

In meiner Tätigkeit als Family Coach, speziell als Kinder und Jugendcoach, erlebe ich immer wieder, verunsicherte Eltern, die durch gut gemeinte oder zuviel Förderung ihr Kind überfordern. Sie meinen es gut, aber gut gemeint ist nicht gleich gut. Wenn das Kind draussen spielt während andere "etwas Sinnvolles" machen oder wenn ihr Kind im Kinderzimmer chillt, ist es für manche Eltern kaum zu ertragen. Der vermeintliche Druck der Gesellschaft, löst Stress bei den Eltern aus und überträgt sich auf das Kind. Bald glaubt es auch "ich bin nicht in Ordnung, so wie ich bin", es entwickelt Ängste und Unsicherheiten, das Selbstbewusstsein sinkt. Es gilt ein Bewusstsein dafür zu bekommen, wie wertvoll das Freispiel ist, wie kreativ, wie förderlich für die Sozialkompetenz, die Ruhe und Entspannung. Herzliche Grüsse

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Von W. am 09.05.2017 11:12

Langsam setzt in den verschiedenen Presseartikeln und Fachbüchern das Bewußtsein ein, daß Freispiel in der Natur den Kindern viel mehr bietet als jeder Kurs. Jetzt sollte es nur noch in die Realität umgesetzt werden. Das ist gut und richtig. Danke für den Artikel.

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