Jesper Juul: Die Kunst, Nein zu sagen
Elternbildung

Die Kunst, Nein zu sagen, ohne zu verletzen oder zu kränken

Einst bekamen Kinder von ihren Eltern fast automatisch ein Nein zu hören, wenn sie einen Wunsch äusserten. Heute sagen Mütter und Väter oftmals Ja, auch wenn sie eigentlich Nein meinen. Dabei brauchen Kinder die authentische Rückmeldung ihrer Eltern.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Mit dem Nein verhält es sich wie mit Grenzen – es gibt keine, die per se richtig oder angemessen sind. Man kann keine Liste davon anfertigen, unter welchen Voraussetzungen und in welchem Alter ein Nein automatisch gerechtfertigt wäre. 

Zwei Dinge lassen sich mit Sicherheit feststellen:

  • Die erste Antwort, die ein neugeborenes Kind hören, sehen und fühlen muss, ist ein riesiges Ja, das von ganzem Herzen kommt. Ein «Ja, du bist willkommen». Ein «Ja, ich werde für dich da sein». Während des ersten Lebensjahres des Kindes müssen die Eltern ihm ein ständiges Ja zukommen lassen. Ein Ja zu Hunger, Durst und Kontaktbedürfnis. Ein Ja zu Koliken, Mittelohrentzündungen und Schlafschwierigkeiten. Ein «Ja, wir öffnen dir unsere Herzen und bieten dir für alle Zeit einen sicheren Platz darin».

  • Wenn das Kind etwa achtzehn Monate alt ist, wird es Zeit, auch mal Nein zu sagen. Nicht nur im Interesse des Wohlergehens und der Entwicklung des Kindes, sondern ebenso sehr hinsichtlich der Qualität unserer Beziehung und unserer eigenen Bedürfnisse.

Kinder werden mit grosser Weisheit, doch ohne Erfahrung geboren. Kinder kommen als kompetente, vollwertige Menschen auf die Welt, doch fehlen ihnen zunächst zwei wichtige Kompetenzen: Sie sind nicht in der Lage, im umfassenden Sinne für sich selbst Sorge zu tragen, ehe wir dies zehn bis zwölf Jahre lang übernommen haben. Und sie können keine Verantwortung für die notwendige Qualität ihrer Beziehung zu den Erwachsenen übernehmen. Sie können signalisieren, wenn etwas mit dieser Beziehung nicht in Ordnung ist, doch sie können die Beziehung nicht ändern.

Grundbedürfnisse befriedigen

Dass sie nicht für sich selbst Sorge tragen können, zeigt sich darin, dass sie den Unterschied zwischen ihren momentanen Wünschen und ihren eigentlichen Bedürfnissen nicht kennen. Es ist die wichtigste Auf­gabe der Eltern, dafür zu sorgen, dass die Grundbedürfnisse ihrer Kinder nach Nahrung, Wärme, Sicherheit und sozialem Kontakt befriedigt werden. 

Die zweitwichtigste Aufgabe besteht darin, den Kindern den Unterschied zwischen momentanen Wünschen und grundlegenden Bedürfnissen zu vermitteln. Nicht, indem sie langatmige Vorträge darüber halten, sondern indem sie ihren Kindern bestimmte Erfahrungen ermöglichen. Die wichtigste dieser Erfahrungen lautet, dass die Welt nicht untergeht, wenn man nicht immer gleich bekommt, worauf man gerade Lust hat. Viele solcher Erlebnisse formen sich zu einer wichtigen Lebenserfahrung, die zu dem gehört, was auch soziale Kompetenz genannt wird und das Gegenteil von Egozentrik ist.

Eltern in unserem reichen Teil der Welt stehen hierbei vor der Herausforderung, bei der Begründung für ein Nein auf die eigenen Gefühle, Haltungen und Wertvorstellungen angewiesen zu sein. Frühere Generationen konnten sich darauf beschränken, auf einen allgemeingültigen Kodex zu verweisen, was «man» tat oder nicht tat beziehungsweise, was sich mehr oder weniger «gehörte». Doch schon damals wiederholten die Eltern ihr Nein zehn bis zwanzig Mal, ehe sie mit zornbebender Stimme ausriefen: «Ich hab Nein gesagt und damit basta!»

Im Verhältnis zu unseren Kindern gilt dasselbe wie zu anderen Menschen auch: Der richtige Zeitpunkt für ein Nein ist dann gekommen, wenn wir zu uns selbst Ja sagen müssen. Wenn wir unsere eigenen Grenzen und Werte wahren müssen und ein Ja aus vollem Herzen nicht möglich ist. 

Ein solches Nein hat die ausserordentliche Qualität, über «Wärme» zu verfügen – statt einer Abweisung ist es eine persönliche Rückmeldung, die sagt: So bin ich. In Langzeitbeziehungen zu Kindern, Partnern, Freunden und Angehörigen sind solche Rückmeldungen von unschätzbarem Wert. Die anderen wissen, mit wem sie es zu tun haben, und auch wir selbst lernen uns immer besser kennen.

Manche Mütter und Väter haben die un­glück­selige Angewohnheit entwickelt, auch dann Ja zu sagen, wenn sie eigentlich Nein meinen – so wollen sie Konflikte vermeiden oder ihr schlechtes Gewissen kompensieren, zu wenig Zeit und Energie für ihre Kinder aufzubringen. Entweder sagen sie sofort Ja oder sie bringen ihren Kindern bei, nur beharrlich genug sein zu müssen, damit ihre Eltern die Meinung ändern. 

Diese Angewohnheit ist leicht zu erklären, aber schwer zu entschuldigen, denn sie schadet der persönlichen wie der sozialen Entwicklung der Kinder. Ausserdem geht sie auf Kosten der persönlichen Integrität und Selbstachtung der Eltern und trägt dazu bei, in der Familie eine Kultur zu etablieren, in der man sich um des lieben Friedens willen anlügt oder manipuliert.

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