Desktop header dossier erna hrung lauftext
Ernährung

Gesunde Milch und böse Wurst? Ernährungsmythen auf dem Prüfstand

Essen ist Wissenschaft und Glaubensfrage, Geschmackssache und Kulturgut, es verbindet Familien oder spaltet sie. Was ist gesund? Und womit schaden wir unseren Kindern? Eine Einordnung. 
Text: Virginia Nolan
Bilder:
Filipa Peixeiro / 13 Photo
Macht Milch wirklich stark? Ist Fleisch gut für mein Kind? Gilt es, Zucker um jeden Preis zu vermeiden? Alte, tief in unserer Gesellschaft verankerte Weisheiten darüber, was gesund ist und was nicht, sind ins Wanken geraten. Dies macht uns bisweilen ratlos: Was dürfen wir überhaupt noch essen? Und vor allem: Was sollen wir unseren Kindern zu essen geben? Als Autorin, die oft über Ernährung schreibt, gelangte ich mit der Zeit zur Erkenntnis: Der goldene Mittelweg ist der richtige, auch beim Essen. Doch was heisst das genau? Und stimmt das überhaupt? Ich machte mich auf Spurensuche – und stellte sieben Mythen auf den Prüfstand der Wissenschaft. 

1. «Milch macht stark»

Kaum ein Lebensmittel spielt in der Kinderernährung eine so zentrale Rolle wie Milch. «Milch macht stark» ist fest in den Köpfen verankert. Erst recht, wenn es um die Ernährung von Kindern und Jugendlichen geht. Milch gilt als wichtige Kalziumlieferantin, die Knochen und Zähne stärkt. Die Milchempfehlungen der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung (SGE) variieren nach Alter des Kindes. Demgemäss sollten Zehn- bis Zwölfjährige drei Portionen zu sich nehmen. Als eine Portion gelten 2 Deziliter Milch, 150 bis 200 Gramm Joghurt, Quark oder Hüttenkäse, 30 Gramm Halbhart- oder Hartkäse oder 60 Gramm Weichkäse. Daraus resultiert eine Tagesmenge von bis zu 460 Gramm.

Milchtrinker werden grösser 

«Ein so hoher Milchkonsum wird oft mit der Kalziumversorgung gerechtfertigt. Demnach soll Milch die Knochen stärken und Brüchen vorbeugen», sagt Walter Willett, Professor für Ernährungswissenschaft und Epidemiologie an der Harvard School of Public Health in Boston. «Dafür gibt es aber keine wissenschaftlichen Beweise.» Der 72-jährige Willett ist der meistzitierte Ernährungswissenschaftler und erforscht, wie Ernährung und Krankheit zusammenhängen. «Der Mythos, wonach Kinder viele Milchprodukte konsumieren sollten, um ihre Knochen zu stärken, scheint der Realität definitiv nicht standzuhalten», sagt Willett. «Wir wissen heute, dass Jugendliche mit einem hohen Milchkonsum ein höheres Risiko für Knochenbrüche im Erwachsenenalter haben.»
Familiensolidarität mit der AllergikerinElla Macher, 16, aus Bäretswil ZH (oben links) leidet an schweren Lebensmittelallergien. Ihre Eltern Sandra und Andreas sowie Bruder Flynn, 12, stellten deshalb auch den eigenen Speiseplan auf den Kopf. Was dies für den Alltag der Familie bedeutet, lesen Sie hier. 
Ella Macher, 16, aus Bäretswil ZH (oben links) leidet an schweren Lebensmittelallergien. Ihre Eltern Sandra und Andreas sowie Bruder Flynn, 12, stellten deshalb auch den eigenen Speiseplan auf den Kopf. Was dies für den Alltag der Familie bedeutet, lesen Sie hier. 
Ein wahrscheinlicher Grund dafür sei, dass ein hoher Milchkonsum in der Kindheit zu längeren Knochen führe – die damit anfälliger seien für Brüche. Dass Milchtrinker grösser werden, gilt als unumstritten. Grösser bedeutet aber nicht unbedingt gesünder. «Gross gewachsene Menschen haben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebsarten», sagt Susannah Brown vom World Cancer Research Fund. «Der Risikofaktor ist nicht die Körpergrösse selbst, sondern der Wachstumsprozess, den wir bis ins Erwachsenenalter durchlaufen. » Wie gross ein Mensch werde, hänge auch von der Ernährung in Kindheit und Jugend ab. So begünstige eine stark proteinreiche Kost ein rasanteres Wachstum und eine höhere Körpergrösse, auch übergewichtige Kinder wüchsen tendenziell schneller. Zudem setzt die Pubertät früher ein.
Anzeige

Keinen Bedarf mehr für Milch nach der Stillzeit

«Solche Entwicklungen sind eine unmittelbare oder indirekte Folge unserer Ernährung als Kind», sagt Brown. «Dabei spielen erhöhte Spiegel von Wachstums- und Sexualhormonen eine Schlüsselrolle.» Diese Hormone beeinflussten Körpergrösse und Geschlechtsmerkmale, aber auch das Verhalten unserer Zellen – und so das Risiko für Krebs. Was hat das mit der Milch zu tun? «Wir wissen, dass ein hoher Konsum von Milchprodukten die Konzentration von Wachstumsfaktoren im Blut erhöht», sagt Ernährungswissenschaftler Walter Willett. Im Fokus steht dabei der Wachstumsfaktor IGF-1, der die Zellteilung beschleunigt. 
Die Forschung zeigt: Jugendliche mit hohem Milchkonsum haben ein höheres Risiko für Knochenbrüche.
Ein erhöhter Spiegel von IGF-1 geht nachweislich mit einem gesteigerten Risiko für gewisse Krebsarten einher. Warum mehr von diesem Botenstoff im Blut hat, wer ausgiebig Milchprodukte konsumiert, ist gemäss Willett noch nicht geklärt. Im Verdacht stünden jedoch Wachstumshormone in der Kuhmilch. Auch Muttermilch enthält Wachstumshormone. Nach der Stillzeit jedoch, etwa ab dem dritten Lebensjahr, habe der Mensch keinen Bedarf mehr für Milch: «Dann ist rasantes Wachstum nicht mehr wünschenswert, sondern mit gesundheitlichen Risiken verbunden.»

1 Kommentar
Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Unterstützen Sie unser Engagement für Eltern mit einer Spende!

Diesen Artikel kommentieren

Von Slobodanka am 18.11.2017 09:54

Wunderbarer Artikel: gut recherchiert, informativ und vor allem neutral. Vielen Dank dafür! Allerdings kann ich nicht nachvollziehen, was nach all diesen Infos die Werbung der Swissmilk in diesem Magazin zu suchen hat: zu gross, zu verwirrend & voller Mythen, mit welchen ihr eigentlich aufgeräumt habt.

> Auf diesen Kommentar antworten