«Spontan zu essen, fällt mir noch schwer»
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«Spontan zu essen, fällt mir noch schwer»

Lesedauer: 2 Minuten

Die 21-jährige Nora* wohnt mit ihren Eltern Monika*, 49, und Gabriel*, 52, und ihrem drei Jahre jüngeren Bruder im Zürcher Oberland. Mit 16 fing sie an, sich mit gesunder Ernährung zu beschäftigen – und geriet in eine Magersucht.

Aufgezeichnet von Christine Amrhein
Bild: Rita Palanikumar / 13 Photo

Nora: «Ich wollte Kalorien vermeiden und habe immer mehr Regeln aufgestellt: Süssigkeiten und Fastfood sind tabu. Kein Essen mehr nach 20 Uhr. Und so weiter. Mit der Zeit habe ich stark abgenommen. Irgendwann realisierte ich selbst, dass das nicht gut ist. Ich wollte mehr essen, hatte aber panische Angst davor, zuzunehmen. Gut war, dass ich mit meinen Eltern immer über alles reden konnte. Sie haben mich jederzeit unterstützt.»

All die Regeln, nach denen Nora lebte, wirkten sich stark auf unser Familienleben aus.

Monika (Mutter)

Monika: «Als Nora anfing, auf ihre Ernährung zu achten, haben wir uns noch nicht gross Sorgen gemacht. Doch relativ bald blieb ihre Periode aus – da bin ich mit ihr zur Frauenärztin gegangen. Sie meinte nur, Nora solle ein bis zwei Kilo zunehmen. Aber dann ging es mit dem Gewicht schnell bergab. Nora wollte selbst etwas ändern und ist zu einer Ernährungsberatung gegangen. Aber irgendwann ging es nicht mehr, und im Oktober 2019 kam Nora zur Behandlung ins Universitätsspital Zürich. Nach vier Monaten wurde sie mit unterem Normalgewicht entlassen. Danach ging sie einmal pro Woche zu einer Ärztin und einer Psychotherapeutin.»

Nora: «Nach der Klinik konnte ich wieder mehr essen. Ich habe wieder Dinge mit Freunden unternommen und konnte meine Lehre als Pharmaassistentin fertig machen. Aber ich war weiterhin ständig mit dem Thema Ernährung beschäftigt. Und es hat mich belastet, dass ich mehr essen wollte, aber es nicht konnte.»

Monika: «Ihr Gewicht konnte Nora seitdem mehr oder weniger halten. Aber ihre Periode blieb wieder aus, daher war klar, dass sie zu wenig wiegt. Weil sie jetzt 18 war, wurde uns Eltern nahegelegt, uns zurückzunehmen. Es war für uns sehr belastend, zuzusehen, wie die Magersucht sie fest im Griff hatte. Und all die Regeln, nach denen sie lebte, wirkten sich stark auf unser Familienleben aus. Im April 2023 wurden wir dann auf die familienbasierte Therapie aufmerksam. Nora war skeptisch – aber sie hat eingewilligt, es zu probieren. Ich habe die Mahlzeiten für sie zubereitet und wir haben vereinbart, dass sie alles aufisst. Ihre Panik vor dem Essen auszuhalten, war oft nicht leicht. Aber Nora hat einige Kilo zugenommen und bekommt ihre Periode wieder regelmässig.»

Prof. Dr. Simone Munsch, Präsidentin des Departments für Psychologie an der Uni Fribourg, erläutert im Rahmen der Vortragsreihe Kosmos Kind in ihrem Vortrag «Essstörungen vorbeugen und heilen: die Psyche im Fokus» Ursachen und Therapieformen von dysfunktionalem Essverhalten und Essstörungen.

Nora: «Inzwischen geht es mir besser und ich engagiere mich viel in der Freiwilligenarbeit. Treffen mit Freunden sind aber zum Teil noch schwierig, weil sie oft mit Essen verbunden sind. Auch selbst auferlegte Regeln zu brechen, fällt mir noch schwer. Aber wir arbeiten daran.»

Monika: «Im Rückblick sind wir dankbar für alle Hilfe, die Nora erhalten hat. Etwas schade finden wir, dass wir als Eltern zunächst wenig in die Behandlung einbezogen wurden. Ich denke aber, dass sich da allmählich etwas verändert.»

*Namen von der Redaktion geändert

Christine Amrhein
ist Psychologin. Sie lebt und arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin in München.

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