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Und, wie sehe ich aus?

Lesedauer: 5 Minuten

Viele Jugendliche sind unzufrieden mit ihrem Aussehen. Wie wir lernen, uns mit dem eigenen Körper zu versöhnen.

Die ältere Dame auf der Strasse greift mir ohne zu fragen in die Haare und schwärmt: «Jö, der ist aber herzig mit seinen blonden Locken! Wie einer von früher!» Solche Erleb­nisse hatte ich als Kind öfters. Deshalb wünschte ich mir zum Geburtstag nichts sehnlicher als eine Glatze. Ein Wunsch, der nie erfüllt wurde. ­Meine Haare waren das Erste, das ich an mir lange nicht mochte – aber natürlich nicht das Einzige.

Wie ging es Ihnen mit Ihrem Aussehen als Kind, als Jugendliche? Sind Sie jetzt als Erwachsener mehrheitlich zufrieden mit Ihrem Äusseren? Oder finden Sie immer etwas an sich auszusetzen? Haben Sie im letzten Jahr eine Diät gemacht oder einen neuen Anlauf im Fitnessstudio genommen, um Ihren Körper in Form zu bringen? Die meisten von uns würden wahrscheinlich gerne das eine oder andere an ihrem Aussehen verändern.

Die grössten Unsicherheiten treten in der Pubertät auf, wenn sich der eigene Körper rasend schnell verändert und man sich neu kennenlernen muss, seinen Platz in der Gruppe der Gleichaltrigen sucht und sich mit der eigenen Attraktivität auseinandersetzt.

Das alles ist Teil einer normalen Entwicklung, die idealerweise in einer Versöhnung mit dem eigenen Aussehen und einer vermehrten Selbstan­nahme mündet: Es gefällt mir nicht alles an mir, aber im Grossen und Ganzen kann ich mich so annehmen, wie ich bin.

60 Prozent der jugendlichen Mädchen fühlen sich zu dick. Von den Jungen sind nur 22 Prozent insgesamt zufrieden mit ihrem Körper.

Für immer mehr Menschen wird die Diskrepanz zwischen dem «Ist»-Zustand und ihrem «Soll»-Bild aber zum Problem. Eine Befragung durch die Gesundheitsförderung Schweiz ergab, dass sich in der Deutschschweiz 60 Prozent der Mädchen zwischen 13 bis 17 Jahren zu dick fühlen und abnehmen möchten. Von den Jungen gaben lediglich 22 Prozent an, mit ihrem Körper insgesamt zufrieden zu sein.

Das hat gravierende Auswirkungen: Essstörungen nehmen weltweit zu. Vor allem in den Industrieländern, wobei Mädchen und Frauen besonders betroffen sind. Dabei fällt auf, dass drei Viertel aller Mädchen und Jungen, die ein auffälliges Essverhalten zeigen und sich zu dick finden, objektiv gesehen normalgewichtig, manchmal sogar untergewichtig sind.

Ein weiterer Artikel zum Thema:

Die Psychotherapeutin Simone Munsch sagt, es sei normal, dass Teenager sich mit ihrem Körper und Erscheinungsbild beschäftigen. Manche tun dies aber fast obsessiv. Wo beginnt problematisches Essverhalten und wie können Eltern dem entgegenwirken? Das Interview lesen Sie hier.

Wie uns unerbittliche Ideale unter Druck setzen  

Als ich zur Schule ging, verglich man den eigenen Körper mit denen der Klassenkameraden, vielleicht las man ab und zu eine «Bravo». Heute geraten Jugendliche in einen Sog der Mode- und Beauty-Industrie, Ernährungsgurus und Schönheitschirurgie und vergleichen sich mit Fitness-Influencern und Models aus Casting-Sendungen wie «Germany᾽s Next Topmodel».

Das Versprechen, dass man deren Schönheitsideal erreichen kann, wenn man sich nur ein bisschen anstrengt, an sich arbeitet und so glücklich und erfolgreich wird, setzt Jugendliche und Erwachsene zunehmend unter Druck.

Eine Vielzahl von Studien zeigt: Jedes Mal, wenn junge Menschen ein Mode-Lifestyle-Magazin durchblättern, retuschierte Fotos auf Instagram betrachten oder sich eine ­Folge einer Castingshow ansehen, fühlen sie sich hinterher unzufriedener mit dem eigenen Körper und schämen oder ekeln sich teilweise sogar vor sich selbst. Wenn wir Jugendlichen zu einem besseren Körpergefühl verhelfen möchten, können wir genau hier ansetzen.

Wir können sie dazu anregen, sich kritisch mit dieser Industrie auseinanderzusetzen. Eine gute ­Frage dazu lautet: Wer verdient an meinen Unsicherheiten? Gibt es wirklich ein Problem mit meinem Aussehen oder meinem Körper oder suggeriert mir das jemand, damit er oder sie mir danach eine «Lösung» verkaufen kann?

Der ‹perfekte› Körper wird schnell zum Fulltime-Job. Zu einem, der keinen Platz mehr für Genuss, Spontanität und Lebensfreude lässt.

Immer mehr Influencer lassen Jugendliche zum Glück hinter die Kulissen schauen und zeigen, dass sich der «perfekte» Körper nicht im Vorbeigehen erreichen lässt, sondern rasch zum Fulltime-Job wird. Zu einem, der keinen Platz mehr für Genuss, Spontanität und Lebensfreude lässt.

So spricht beispiels­weise die deutsche Fitness-Influencerin Sophia Thiel offen darüber, dass ihre Fitnesssucht sie in eine Essstörung getrieben hat. «Ich wollte unbedingt zu meiner Topform zurückkommen und war wie besessen von dem Gedanken, ich muss abnehmen, um wieder online und wieder glücklich sein zu dürfen», sagte sie in einem Interview.

Jugendliche können sich fragen: Ist das wirklich ein erstrebenswertes Leben? Alles zu opfern, um von morgens bis abends zu trainieren und nach strengen Ernährungsplänen zu essen, nur um eine bestimmte Figur zu erreichen? Und ist das, was mir hier gezeigt wird, überhaupt die Realität? Oder werden Bilder retuschiert und mit Filtern bearbeitet?

Noch wirksamer ist es, einen kritischen Blick darauf zu werfen, wem wir auf den sozialen Medien folgen, welche Zeitschriften wir lesen und welche Sendungen wir schauen. Jugendliche können lernen, sich die Frage zu stellen: «Tut mir das gut? Wie fühle ich mich danach?» Wenn wir diesen Pseudo-Vorbildern nicht mehr folgen, werden wir vielleicht rasch eine Erleichterung spüren und merken, dass wir uns selbst besser annehmen können.

Mitgefühl und die Verbindung mit anderen helfen gegen Scham

Wenn wir uns für unseren Körper schämen, fühlen wir uns isoliert, kritisieren uns selbst und werten uns ab. Wir denken ständig über unsere vermeintlichen Makel nach. Ein wirksamer Weg, um Schamgefühle abzubauen und sich mit dem eigenen Körper auszusöhnen, ist Mitgefühl. Dieses können uns andere oder wir uns selbst entgegenbringen.

Dazu gehört, dass wir uns unsere Gefühle eingestehen und zu uns zum Beispiel sagen können: «Es belastet dich und macht dich traurig, dass du eine schiefe Nase und Cellulite hast.» Wir können etwas nur akzeptieren, wenn wir es zulassen können. Dabei hilft es uns, wenn wir uns mit anderen verbinden und merken: «Fast alle Menschen in meinem Umfeld erleben Ähnliches. Ich bin nicht allein mit meinen Unsicherheiten – es ist das, was mich menschlich macht.»

Wir können unseren Fokus auch verändern, indem wir uns bewusst machen, was unser Körper täglich für uns leistet.

Schliesslich können wir lernen, unsere abwertenden Stimmen durch mitfühlende zu ersetzen: «Ja, du hast nicht die Beine, die du dir wünschst, und das darf dich traurig machen – und du hast gleichzeitig so viel Schönes an dir und so viel, das dich auszeichnet.»

Vielleicht haben wir Lust, den letzten Punkt noch etwas zu konkretisieren, indem wir uns vor den Spiegel stellen und einmal ganz bewusst darüber nachdenken, was wir an uns mögen. Vielleicht streift unser Blick über Stellen, die wir als hässlich empfinden. Wenn wir mit dem Blick dort verweilen, unsere Gefühle aushalten und uns selbst mit Mitgefühl begegnen, verändert sich manchmal die Sicht darauf – oder es verliert an Bedeutung.

Wir können unseren Fokus auch verändern, indem wir uns bewusst machen, was unser Körper täglich für uns leistet, und dankbar dafür sind, dass er uns so vieles ermöglicht. Vielleicht haben wir eine ­Narbe – ein Zeichen für die Heilungskräfte unseres Körpers. Vielleicht mögen wir unsere Oberschenkel weniger – aber sie tragen uns jeden Tag.

Unser Körper ist mehr als ein Accessoire oder ein Statussymbol.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

Alle Artikel von Fabian Grolimund

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