So lernen Kinder ihren Körper lieben - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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So lernen Kinder ihren Körper lieben

Lesedauer: 4 Minuten

Selbstakzeptanz fängt beim eigenen Körper an. Mit diesen 9 Body-Positivity-Tipps lernen Kinder einen wertschätzenden Umgang mit sich selbst.

Text: Maria Ryser
Bild: Pixabay

Sarah ist traurig. Die Neunjährige mag ihre Haare nicht, findet ihren Bauch zu dick und ihre Beine zu kurz. Sie wäre gern genauso gross, schlank und blondhaarig wie ihr Idol, Königin Elsa aus dem Walt Disney Film «Die Eiskönigin». Sarah ist mit ihrem negativen Körperbild nicht allein. 

Eine Studie von Gesundheitsförderung Schweiz macht deutlich, dass 59 Prozent der befragten Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren unzufrieden mit ihrem Körper sind und sich zu dick fühlen. Bei den Jungen sind es 44 Prozent, die nicht zufrieden sind und sich mehr Muskeln wünschen.

Feiern Sie vermeintliche Makel als Markenzeichen: grosse Nasen werden zum intergalaktischen Schnüffelrüssel und breite Füsse zu tarzanstarken Hobbittretern.

Auch Kinder beschäftigen sich zusehends mit ihrem Erscheinungsbild und Körpergewicht wie eine HBSC-Studie aus Deutschland belegt. Knapp 30 Prozent der elfjährigen Mädchen und rund 20 Prozent der gleichaltrigen Jungen empfinden sich als «ein wenig oder viel zu dick».

Die Zahlen stimmen nachdenklich. Mit unseren Body-Positivity-Tipps zeigen wir Ihnen, wie Sie als Eltern Ihr Kind dabei unterstützen können, dass es sich in seiner Haut wirklich wohl fühlt.

Was ist Body Positivity?
Body Positivity,

englisch für positive Einstellung zum Körper, fordert ursprünglich die Abschaffung unrealistischer Schönheitsideale und mehr soziale Gerechtigkeit.

Zahlreiche Studien belegen: Wer nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht, also weiss, schlank und normschön, wird in Berufs- und Alltagsleben diskriminiert.

Dagegen wehrt sich die Bewegung aus den USA, die sich durch die sozialen Medien weltweit verbreitet hat. Auf Instagram finden sich unter dem Hashtag Body Positivity bereits über 10 Millionen Beiträge.

(Bild: Rawpixel)

  1. Kritisieren Sie Ihren eigenen Körper nicht

Als Eltern nehmen Sie eine wichtige Vorbildrolle ein. Welche Beziehung pflegen Sie selbst zu Ihrem Körper? Was beeinflusst Ihre Zufriedenheit? Sind Ernährung oder Diäten ein Dauerthema bei Ihnen? Leben Sie Ihrem Kind eine positive Beziehung zum Körper vor. Ständiges Rummäkeln färbt ab.

2. Staunen Sie darüber, was der Körper alles kann

Oft merkt man erst durch eine Krankheit oder einen Unfall, wie genial der Körper ist und was er alles leistet: atmen, denken, verdauen, schlafen, sich regenerieren, hören, riechen, schmecken usw. Fragen Sie Ihr Kind zwischendurch: Was können deine Hände, Füsse, Arme, Beine, was kann dein Bauch, Rücken, Kopf? Freuen Sie sich gemeinsam über die Vielfalt unserer Bewegungsmöglichkeiten und bedanken Sie sich regelmässig bei Ihrem Körper dafür.

3. Sensibilisieren Sie Ihr Kind für seine Körpersignale

Wann habe ich Hunger? Wann esse ich mehr für den Gluscht und bin eigentlich satt? Wann bin ich müde und brauche eine Pause? Liegt mir etwas schwer im Magen, zum Beispiel die Angst vor einem Vortrag? Schwirrt mir der Kopf vor lauter Grübeln? Unterstützen Sie Ihr Kind dabei, die eigenen Körpersignale zu erkennen und auf sie zu achten.

4. Reden Sie nicht schlecht über andere Körper

«Kuck mal diese dicke Frau! Wow, dieser Mann hat ja einen tollen Waschbrettbauch!» Worte sind mächtig. Abschätzende oder wertende Bemerkungen über die Körperform anderer sickern in die Kinderköpfe und gären dort weiter. 

Reden Sie mit Ihren Kindern über Bildbearbeitung, Filter und andere Tricks, die Menschen scheinbar perfekt aussehen lassen. 

5. Helfen Sie, Fake-Bilder richtig einzuordnen

TV, Internet, Werbung: Es wimmelt von unrealistischen Schönheitsidealen. Reden Sie mit Ihren Kindern über Bildbearbeitung, Filter und andere Tricks, die Menschen scheinbar perfekt aussehen lassen. 

Diese Influencerinnen setzen sich für ein positives Körperbild ein:

6. Seien Sie sich der Macht von Influencern bewusst

Sie haben einen grösseren Einfluss auf Kinder, als Eltern gemeinhin annehmen. Welche digitalen Inhalte schaut sich Ihr Kind regelmässig an? Welchen Vorbildern eifert es nach? Zeigen Sie Interesse daran und tauschen Sie sich regelmässig mit Ihrem Kind darüber aus.

7. Entdecken Sie mit Ihrem Kind Talente, die nichts mit seinem Aussehen zu tun haben

Ist Ihr Kind hilfsbereit, loyal, handwerklich geschickt, an Sport oder Musik interessiert? Je mehr Ihr Kind in seinen Fähigkeiten bestärkt wird, desto eher ist sein Selbstwertgefühl vor negativen Einflüssen geschützt. 

8. Feiern Sie vermeintliche Makel als Markenzeichen

Lassen Sie der Fantasie freien Lauf und erfinden Sie mit Ihrem Kind bombastische Namen. Grosse Nasen werden zum intergalaktischen Schnüffelrüssel, Sommersprossen zum funkelnden Sternenhimmel, dünne Haare zur telepathischen Feenpracht, riesige Muttermale zum universalen Tattoo oder breite Füsse zu tarzanstarken Hobbittretern. (Lese-Tipp: Muttermal, Narbe, Verbrennung: Ich bin anders)

9. Umarmen Sie sich täglich

Wie oft und in welcher Form berühren Sie sich in Ihrer Familie gegenseitig? Es gibt viele Möglichkeiten sich im Alltag körperlich liebevoll zu begegnen:  sich umarmen, küssen, Hand in Hand gehen, beim Gegenüber anlehnen und den Kopf an die Schulter legen, die Köpfe aneinander reiben, etwas Liebes ins Ohr flüstern, auf die Schulter klopfen, über den Kopf streichen, rumalbern, kuscheln, Kräfte messen (zum Beispiel Armdrücken). Was fällt Ihnen sonst noch ein?

Unsere Büchertipps:

Maria Ryser
liebt grosse und kleine Kinder, zyklisch leben, Rilke, reinen Kakao, Klangreisen und Kreta. Die gebürtige Bündnerin arbeitet seit September 2021 in der Onlineredaktion und ist Mutter einer erwachsenen Tochter und zweier Söhne.

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