Ein gesundes Selbstbild schützt ­vor falschen Vorbildern - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi

Ein gesundes Selbstbild schützt ­vor falschen Vorbildern

Lesedauer: 3 Minuten

Ernährung, Fitness und Körperkult sind in den sozialen Medien allgegenwärtig. Gerade für Kinder und Jugendliche ist diese Welt der gefilterten Selbstinszenierung oft schwer zu durchschauen. Was können Eltern tun damit ihr Kind keine Essstörungen oder andere psychische Probleme entwickelt?

Text: Wina Fontana
Bild: iStock Photo

In Zusammenarbeit mit Betty Bossi

Während sich junge Mädchen und Buben früher hauptsächlich mit ihrem direkten Umfeld verglichen haben, gehen ihre Interaktionen heute weit über die reale Peer-Gruppe hinaus. Durch die Digitalisierung steht ihnen die ganze verführerische So­­cial-Media-Welt zur Verfügung.

Als Vorbilder dienen sogenannte Influencer, deren Werten und Idealen nachgeeifert wird. Besonders die Themen Ernährung, Fitness und Körperkultur spielen hierbei eine grosse Rolle – und das Zielpublikum wird immer jünger. So beschäftigen sich bereits Erstklässlerinnen und Erstklässler mit Schönheitsidealen und Diäten.

Dass diese Schönheitsideale nicht der Realität entsprechen, ist dabei den wenigsten bewusst, denn das Retuschieren von Bildern ist mit der heutigen Technik wortwörtlich ein Kinderspiel. Mit wenigen Klicks verschwinden scheinbare Makel wie Pickel oder störende Haarsträhnen. Sogar die Veränderung der Gesichts- und Körperform ist nur eine App entfernt.

Täuschen und tricksen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt  

Doch auf den sozialen Medien lauern nicht nur optische Täuschungen. Ernährungs- und Trainings­gewohnheiten, die einen gesunden Lebensstil suggerieren, stossen bei Kindern und Jugendlichen auf Anklang. Das ist in vielerlei Hinsicht problematisch.

Häufig weichen die propagierten Ernährungsweisen von den wissenschaftlichen Empfehlungen ab. Etwa, weil bestimmte Lebensmittelgruppen weggelassen werden und damit wichtige Nährstoffe fehlen oder nur zu einem Bruchteil abgedeckt werden.

Kommt hinzu, dass es sich bei den veröffentlichten Fotos immer nur um Momentaufnahmen handelt. Wie viel die Influencerin oder der Influencer von der inszenierten Mahlzeit tatsächlich gegessen hat und wie das Internet-Idol die übrigen Mahlzeiten des Tages gestaltet, bleibt für die jungen Nacheifernden offen.

Auch das Ausmass der körperlichen Aktivität, das für den vermeintlichen Traumkörper nötig ist, wird in den wenigsten Fällen realitätsnah repräsentiert. Wie viel Zeit Influencer im Fitnessstudio verbringen und ob sie ihrer Muskelkraft gar mit Substanzen auf die Sprünge helfen, bleibt offen.

Zweifelhafte Erfolgsrezepte und mögliche Nebenwirkungen

Den sozialen Druck machen sich immer mehr Unternehmen zunutze, indem sie auf das sogenannte «Influencer-Marketing» setzen, um ihre Produkte unter die Leute zu bringen. Bereits Personen mit wenigen hundert Followern verfügen über Rabatt-Codes und versprechen mit Pillen, Pulvern, irren Diäten und Gadgets den einfachsten Weg zum angeblichen Traumkörper.

Doch nicht alle der präsentierten Pro­dukte halten ihr Versprechen. Oft sind die angepriesenen positiven Effekte wissenschaftlich nicht nachweisbar. Im Ausland bestellt, können gewisse Produkte sogar gesundheitsschädliche Substanzen enthalten.

Genetische Gegebenheiten sowie individuelle Bedürfnisse, die im Hinblick auf Ernährung und Körperform ebenso eine Rolle spielen, werden in den sozialen Medien kaum thematisiert. Dies kann den Druck, einer Norm entsprechen zu wollen, verstärken.

Laut mehrerer Studien ist die Zahl der an Essstörungen erkrankten Jugendlichen von 2008 bis 2018 um rund 20 Prozent gestiegen. Zwar ist der direkte Zusammenhang mit den sozialen Medien aktuell noch nicht abschliessend erforscht. Doch laut einer ­Studie der Universität Pittsburgh können bereits 20 Minuten, die Jugendliche täglich auf Social Media verbringen, das Risiko für eine Essstörung erheblich erhöhen. Dabei gilt es allerdings zu beachten, dass es sich hierbei lediglich um einen von vielen möglichen Faktoren handelt – für die Entstehung einer Essproblematik gibt es meist mehrere Ursachen.

Das sollten Eltern beachten

  • Auch Sie werden für Ihre Kinder sichtbar oft das Smartphone bedienen. Reden Sie offen darüber, dass auch Sie als Erwachsene manchmal durch soziale Medien beeinflusst werden.
  • Eine offene, nicht wertende Kommunikation sorgt für mehr Transparenz und Aufklärung. Zeigen Sie Interesse an dem, was Ihre Kinder konsumieren, und reden Sie darüber; das kann viele Themen relativieren. Durch gemeinsames Recherchieren von Trends und Produkten lernt Ihr Kind, Informationen kritisch zu ­hinterfragen.
  • Eine sichere Umgebung und ein gestärktes Selbstwertgefühl können Kindern dabei helfen, sich besser von den Einflüssen von Social Media abzugrenzen. Sprechen Sie verzerrte Schönheitsideale offen an und klären Sie Ihr Kind über die Möglichkeiten der Bildbearbeitung auf. Wenn Sie das technische Wissen haben, nehmen Sie mit dem Kind zusammen solche Bildmanipulationen vor.
  • Wenn Kinder und Jugendliche Interesse an Rezepten oder Ernährungsformen ihrer Vorbilder aus dem Netz haben, lassen Sie sie diese in der Küche umsetzen. So können sie Erfahrungen machen und sehen, dass in der Realität nicht alles so spektakulär aussieht wie auf dem Screen.
  • Informieren Sie sich bei der Schule, welche ernährungsrelevanten Inhalte Ihren Kindern vermittelt werden. Diese bieten in der Regel eine gute Basis für eine gesunde Entwicklung Ihres Kindes.

Die Unterscheidung von gesunden und ungesunden Trends ist in jedem Lebensabschnitt eine Herausforderung. Doch besonders für He­ranwachsende ist sie von grosser Bedeutung. Denn die im Kindesalter erlernte Ernährungsweise beeinflusst nicht nur die Gesundheit, sondern auch spätere Krankheitsrisiken nachhaltig. 

Kinder fernab von Social Media grosszuziehen, ist in der heutigen Zeit für Eltern kaum eine Option. Doch was können Sie tun? Wichtig ist es, Kindern einen gesunden Umgang mit den digitalen Medien zu vermitteln. Denn sinnvoll kon­sumiert, bieten die sozialen Medien auch Chancen: So setzen sich immer mehr junge Menschen mit Themen wie intuitiver Ernährung oder Selbstliebe auseinander, und es zeigt sich ein Trend zur Authentizität und zur Akzeptanz der eigenen Körperform, auch «Positive Body Image» genannt.

Wina Fontana
ist Ernährungsberaterin und arbeitet als Ernährungsexpertin bei Betty Bossi.

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