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Familienleben
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Romantische Liebe ist eine Illusion? 

Ja. Dabei sollten wir erkennen, dass sie die Ausnahme ist. Das Perfide daran ist, dass man es heute als Norm darstellt. Das finde ich den jungen Menschen gegenüber besonders problematisch.

Warum?

Weil man ihnen eintrichtert, dass ihr Lebensglück mit einem anderen Menschen verknüpft ist. Wir glauben, dass es irgendwo da draussen einen Menschen gibt, der perfekt zu uns passt. Mit dem es keinen Streit, keine Konflikte gibt. In den USA sagt man: «It wasn’t the right one.» Das heisst, man stellt den Menschen in Frage, nicht das Ideal, dem man aufsitzt. Die Menschen suchen etwas, das es nicht gibt, und verzweifeln an der Realität. 

Nun gibt es wenig Alternativen zur Ehe oder Lebensgemeinschaft.

Die Partnerschaft wird häufig als Ersatz für fehlende emotionale Zuwendung durch die Herkunfts­familie gelebt. Das heisst, dass der Mangel an lebbaren Alternativen zum Glauben an die Paarbildung als einzige Glücksverheissung führt.

Und die Kleinfamilie gilt als unumstössliches Idyll.

Ja, und darunter leiden Männer wie Frauen. Und hier kommen wir zur zweiten Problematik, die ich angesprochen habe, nämlich der, dass Kinder in der Familie über 10 bis 20 Jahre lang sicher aufwachsen sollen. Das kann aber gar nicht gelingen, weil zwei Personen einfach nicht genug dafür sind. Im Grunde sind alle Beteiligten überfordert. 
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Die Zivilisationstheoretikerin und Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve im Gesprach mit Fritz+Fränzi-Autorin Claudia Landolt. Das Treffen fand im legendären Café Sacher in Insbruck statt, der Heimat von Tazi-Preve.
Die Zivilisationstheoretikerin und Politikwissenschaftlerin Mariam Irene Tazi-Preve im Gesprach mit Fritz+Fränzi-Autorin Claudia Landolt. Das Treffen fand im legendären Café Sacher in Insbruck statt, der Heimat von Tazi-Preve.

Sie haben die Vereinbarkeitsdebatte geprägt. Was verstehen Sie darunter?

Wunsch und Wirklichkeit liegen so weit voneinander entfernt. Hier sollen zwei per se divergierende soziale Systeme – das des Arbeitsmarkts und das der Familie – klaglos miteinander vereinbart werden.

Wie ist das zu verstehen?

Der kontinuierlichen Fürsorge, emotionalen Zuwendung und Betreuung von Familienangehörigen, also dem Familienbereich, steht eine auf Flexibilität, Leistung und Effizienz abgestimmte Arbeitswelt gegenüber. 
Keine Frau will eine schlechte Mutter sein – das hat auch der Feminismus nicht geändert. Und die Frau wird alles tun, um dieser Drohung zu entgehen.
Mariam Irene Tazi-Preve

Wie kamen Sie auf das Thema der Mütter in Ihrer Forschung?

Dazu zu forschen begann ich, als ich feststellte, dass der Leidensdruck der Mütter enorm ist. Das habe ich über die Jahre auch bei den Reaktionen auf meine Vorträge bestätigt bekommen. Irgendwann habe ich begriffen, dass das Leiden strukturell bedingt ist. Dem wollte ich 
nachgehen und den Müttern ihr schlechtes Gewissen nehmen.

Die Schuldgefühle von Müttern sind systembedingt?

Ich lebe in den USA, und hier gibt es mittlerweile den Ausdruck der «mummy wars».  Er beschreibt die Konkurrenz zwischen Frauen um die noch bessere Mutterschaft. Man muss das Kind heute von klein auf fördern, in alle möglichen Kurse schicken. Das ist die neue, moderne Form des Drucks auf Mütter. Der Ruf, eine schlechte Mutter zu sein, war immer schon eine sehr wirksame Sanktionsandrohung. Keine Frau will eine schlechte Mutter sein – das hat auch der Feminismus nicht geändert. Und die Frau wird alles tun, um dieser Drohung zu entgehen.

1 Kommentar

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Von Simonetta am 30.08.2017 11:46

Herzlichen Dank für diesen wichtigen, glasklaren Artikel. So fundiert und deutlich spricht selten jemand zu uns Eltern. Ein richtiger Augenöffner, für Mütter und Väter (hätte gerne etwas über mehr die Väter gehört). Ich würde gerne wissen, ob das Thema der Vereibarkeit(slüge) auch ausserhalb des deutschsprachigen Raums so stark thematisiert wird. Ich arbeite (100% und mehr, leitende Funktion, internationale Tätigkeit) im Ausland, postsowjetischer Kontext, bin Mutter eines kleinen Kindes, habe einen erwerbstätigen Partner und werde hier NIE auf die Vereinbarkeit angesprochen (muss auch keine Fragen zu irgendwelchen Hüten beantworten - gottseidank!) Zu Hause in der Schweiz aber ständig. Warum ist das so? Warum ist es schon in Frankreich kaum ein Thema? Ist diese Kleinfamilie als allselig machendes Konzept nur bei unsverbreitet?

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