Mein Kind wird gemobbt – und jetzt? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
Merken
Drucken

Mein Kind wird gemobbt – und jetzt?

Lesedauer: 4 Minuten

Wut, Ohnmacht, Mitleid: Das spüren Eltern, wenn sie merken, dass ihr Kind gemobbt wird. Was sie dann tun können, erfahren Sie hier. Der wichtigste Tipp: Handeln Sie nicht überstürzt.

Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Das Wichtigste zum Thema 

  • Kinder erzählen häufig nicht von sich aus von der belastenden Situation in der Schule. Wann sollten Sie aktiv werden? Auch wenn es keine eindeutigen Anzeichen gibt, lässt sich anhand von Aussagen oder Verhaltensweisen ein Mobbing erkennen. Hier erfahren Sie mehr dazu.
  • Der richtige Umgang: Elterlicher Druck führt dazu, dass sich das betroffene Kind verschliesst. Wie schaffen Sie Vertrauen und bringen es zum Reden? Im Text finden Sie Tipps, wie Sie im Gespräch mit ihrem Kind möglichst viel erfahren. 
  • Nur gemeinsam mit den Mitarbeitenden der Schule lassen sich Lösungen finden. Holen Sie sich die nötige Unterstützung vor Ort. Doch wie spricht man das Problem bei den Lehrpersonen an? Dazu mehr im Text. 
  • Auch wenn Sie die Akteure gern direkt konfrontieren würden, tun Sie es besser nicht! Welche Massnahmen sonst noch unterlassen werden sollten, um die Situation für Ihr Kind nicht zu verschlimmern, erfahren Sie im Artikel. 
  • Profitieren Sie von konkreten Tipps: So können Sie Ihrem Kind bei Mobbing helfen und dafür sorgen, dass das Problem so rasch wie möglich gelöst wird. 

1. Verschaffen Sie sich ein Bild!

Kinder sprechen eine Mobbingsituation oft nicht an. Aus Angst, als Petze zu gelten, aus Scham oder aufgrund der Befürchtung, dass die Eltern durch eine Schnellschussreaktion alles noch schlimmer machen. Meist schliessen Eltern aus Beobachtungen im Alltag, dass etwas nicht stimmt. Mobbing könnte ein Problem sein, wenn Ihr Kind beispielsweise nicht zur Schule gehen will, Ausflüchte sucht, um zu Hause zu bleiben, und ausweichend reagiert, wenn Sie es nach den Gründen fragen.

Es ist hilfreich, wenn Sie Ihre Beobachtungen mit der Lehrperson teilen, um das Bild zu vervollständigen. Oft hat die Lehrkraft ebenfalls nur eine vage Vermutung, da Mobbing meist verdeckt stattfindet. Ein Mobbingverdacht erhärtet sich, wenn die Lehrperson Ihnen beispielsweise sagt, dass Ihr Kind in der Pause immer  im Klassenzimmer bleiben möchte oder auf dem Pausenhof abseitssteht.

Falls es solche Anzeichen gibt, können Sie weiter nachfragen: «Stöhnen Mitschüler auf, wenn mein Kind etwas sagt? Verdrehen sie die Augen?» Achten Sie darauf, dass Sie der Lehrperson keine Vorwürfe machen. Falls ein offener Austausch zustande kam, bedanken Sie sich und fragen, ob Sie wieder auf die Lehrperson zukommen dürfen.

Es gibt keine Anzeichen, die mit Sicherheit für Mobbing sprechen. Feststellungen wie oben sollten aber Anlass für ein Gespräch mit dem Kind sein.

Da verliert man jede Lust, zur Schule zu gehen.

Dem Kind signalisieren, dass man seine Gefühle versteht.

2. Sprechen Sie das Mobbing an!

Drängen Sie Ihr Kind keinesfalls in die Defensive, wenn Sie mit ihm über Ihre Beobachtungen sprechen. Sätze wie «Jetzt sag schon, was los ist!» oder «Ich merke doch, dass etwas nicht stimmt!» setzen das Kind unter Druck und geben ihm das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

Für einen offenen Austausch benötigen wir einen guten Rahmen. Kindern fällt es oft leichter, wenn die Aussprache beiläufig stattfindet – während eines Spaziergangs, eines Puzzles oder nach der Gute-Nacht-Geschichte. Auch bei Jugendlichen sollten Sie für dieses Gespräch genügend Zeit einräumen. Sprechen Sie das Thema an, während Sie zu zweit eine längere Autofahrt oder einen Ausflug machen. Ihr Kind hat seine Erlebnisse wahrscheinlich so lange zurückgehalten, dass es nicht zwischen Tür und Angel damit herausbrechen möchte.

Sie können mit einer Feststellung in das Gespräch einsteigen, wie:  

  • «Im Moment hast du es nicht so gut mit den anderen.»
  • «Mir ist aufgefallen, dass du in letzter Zeit bedrückt wirkst.» 
  • «Es macht dir momentan zu schaffen, in die Schule zu gehen.» 

 
Sie können auch von einem eigenen Erlebnis erzählen, einer Zeit, in der es in der Schule oder mit anderen Kindern schwierig war. Wenn Ihr Kind sich öffnet, sollten Sie unbedingt Vorwürfe vermeiden wie: «Warum hast du das nicht früher erzählt? Wir hätten dir doch helfen können » oder «Warum hast du es nicht der Lehrerin gesagt?». Es ist wichtig, dass sich das Gespräch für Ihr Kind nicht wie ein Verhör anfühlt. Sie geben Ihrem Kind Rückhalt, indem Sie auf seine Gefühle eingehen («das macht dich sicher traurig», «dem hättest du am liebsten eine reingehauen », «da verliert man jede Lust, zur Schule zu gehen») und ihm zusichern, dass Sie es unterstützen werden und nichts ohne sein Einverständnis unternehmen. Werden Kinder über längere Zeit gequält, verlieren Sie manchmal das Bewusstsein für Recht und Unrecht. Sie beginnen selbst zu glauben, dass sie Schuld am Mobbing sind. Es ist in diesem Fall ganz wichtig, dass Sie Ihrem Kind immer wieder helfen, die Vorfälle richtig einzuordnen, und ihm ganz klar und deutlich sagen, dass diese Vorfälle unentschuldbar sind.

Werden Sie aktiv!

Besprechen Sie mit Ihrem Kind mehrere Lösungsmöglichkeiten und wählen Sie gemeinsam aus, wie Sie vorgehen möchten.  Handeln Sie nicht überstürzt. Oft ist man im ersten Moment so aufgewühlt, dass man etwas tut, das die Situation für das Kind verschlimmert.

Von diesen Massnahmen ist abzuraten:

  • Die Akteure direkt konfrontieren oder deren Eltern anrufen. 
  •  Umgehend rechtliche Schritte einleiten (eine Ausnahme bildet hier Cybermobbing – dort sollten Sie genau dies als Erstes tun!).
  •  Das Kind zwingen, selbst das Gespräch mit der Lehrperson zu suchen.
  • Dem Kind Ratschläge erteilen und darauf beharren, dass es diese annehmen soll («Nimm es dir nicht zu Herzen»).

Mobbing unter Mitschülern muss in der Schule aufgelöst werden. Sie brauchen daher Unterstützung. Die am besten ausgebildeten Personen im Bereich Mobbing sind in den meisten Fällen die Schulsozialarbeiter. Gibt es an Ihrer Schule keinen, können Sie mit der Lehrperson darüber sprechen. Fragen Sie nach, ob es an der Schule ein Konzept gibt, um mit Mobbing umzugehen, und wie die Lehrperson genau vorgehen würde. Weitere Personen, die sie hinzuziehen können, sind die Schulleitung, Schulpsychologen oder das Schulpräsidium. Für Ihr Kind ist es wichtig, dass es erlebt: Meine Eltern werden so lange nach einer Lösung suchen, bis es mir besser geht.

Achten Sie auch darauf, dass die schönen Lebensbereiche nicht zu kurz kommen. Gerade in dieser schwierigen Zeit ist es bedeutsam, dass Ihr Kind spürt: «Es gibt Menschen, die mich mögen und gerne mit mir zusammen sind – und denen ist es wichtig, dass es mich gibt. In meinem Leben gibt es trotz allem vieles, das mir Kraft gibt und das ich geniessen kann.» Sie helfen Ihrem Kind am meisten, wenn Sie auf der einen Seite beharrlich dafür einstehen, dass die Mobbingsituation aufgelöst wird, und gleichzeitig dafür sorgen, dass Ihr Kind sich immer wieder eine Auszeit nehmen kann.

Bild: bramgino/Fotolia

Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund
sind Psychologen und leiten die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Die beiden eint der Wunsch, dass Kindergarten und Schule Orte sind, wo sich Kinder, Eltern und Lehrpersonen wohl fühlen und voneinander lernen können.

Alle Artikel von Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund

Weiterlesen zum Thema Mobbing:

1 2
Auf einer Seite lesen