Bindung: Das besondere Band
Entwicklung

Wie entsteht Bindung? 

Bindung ist eine Lebensversicherung. Sie ist zwingend notwendig, damit Kinder sich gesund und zu glücklichen Erwachsenen entwickeln können. Doch wie entsteht dieses Gefühlsband zwischen einem Kind und seinen Eltern, was fördert es? Und ist die Rolle der Mutter wirklich so entscheidend? 
Text: Claudia Landolt 
Bilder: Julia Forsman
Eltern verfügen über Superkräfte: Sie wechseln ungefähr 6000 Mal die Windeln, bevor ihr kleiner Schatz halbwegs trocken ist. Als Vater oder Mutter verzichtet man auf ungestörte Nachtruhe, und kaum ist das Kind grösser, verbringt man ganze Wochenenden am Spielfeldrand oder führt endlose Debatten über Handyregeln und Ordnungsprinzipien. Um nach ungefähr zwölf Jahren zu hören, wie peinlich und streng man sei, andere Kinder hätten viel, viel coolere Eltern. 

Was also motiviert Mamas und Papas, sich für ein Kind so bedingungslos ins Zeug zu legen? Das Zauberwort lautet: Bindung. Die soziale und emotionale Beziehung zwischen Eltern und dem eigenen Kind. Oder, anders formuliert, das mächtige Band, das Kind und Eltern zusammenhält.
Die Bilder zu diesem Artikel stammen von Julia Forsman. Die Engländerin hat sich auf das Fotografieren im Dokumentarfilmstil spezialisiert. Forsman lebt in London, Istanbul und Finnland.
Die Bilder zu diesem Artikel stammen von Julia Forsman. Die Engländerin hat sich auf das Fotografieren im Dokumentarfilmstil spezialisiert. Forsman lebt in London, Istanbul und Finnland.
Wie entsteht und was beeinflusst dieses Gefühlsband? Gibt es ein Rezept für eine erfolgreiche Eltern-Kind-Bindung? Was, wenn eine Zutat fehlt oder es mit der Bindung nicht klappt? Ist die Mutter wirklich die wichtigste Bezugsperson? Und welchen Einfluss haben Trennungen auf die Beziehung von Kindern zu ihren Eltern?

Mehr als Beziehung

«Liebe ist unsere stärkste Emotion überhaupt», sagt Remo Largo, der Schweizer Kinderarzt und Autor der Bestseller «Babyjahre» und «Kinderjahre». Hinter diesem Gefühl steckt das urmenschliche Bedürfnis, vorbehaltlos angenommen zu werden. Wir alle kommen damit zur Welt. Es ist diese tiefe, innere Sehnsucht, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen, Verbundenheit zu spüren.

«Bindung zwischen Eltern und ihrem Kind ist mehr als nur Beziehung», erklärt Dr. Heidi Simoni, Direktorin des Marie Meierhofer Instituts MMI. Kinder sind existenziell an ihre Eltern gebunden. Diese Bindung wird definiert durch das Schutz- und Sicherheitsbedürfnis des Kindes einerseits und das Fürsorgeverhalten sowie die spezielle innere Bezogenheit der Eltern zu ihrem Kind andererseits. Schutz brauchen junge Kinder, um Unsicherheiten zu meistern, Ängste zu überwinden und um Gefühle zu regulieren. Sicherheit brauchen sie, um Situationen einzuordnen, Freude zu teilen und ein angemessenes Sozialverhalten zu entwickeln. Beides – Sicherheit und Nähe – müssen sie von ihren unmittelbaren Bezugspersonen adäquat und verlässlich erhalten. Kinder sind darauf angewiesen, dass ihre ausgesendeten Signale von ihren Bezugspersonen regelmässig, zuverlässig und liebevoll beantwortet werden. Ist das der Fall, vertrauen Kinder ihren Bezugspersonen und suchen bei ihnen gerne Trost. Folglich hat das kindliche Verhalten eigentlich ein Hauptziel: die opti­male Nähe zu einer verlässlichen und verfügbaren Bezugsperson herzustellen und ungefähr 15 Jahre aufrechtzuerhalten.
«Liebe ist unsere stärkste Emotion überhaupt», 
 sagt der Kinderarzt und Bestsellerautor Remo Largo.
«Das Leben beginnt mit einer Entbindung, zunächst also mit der Auflösung von Bindung», sagt der Basler Kinderarzt Cyril Lüdin. «Mit dem Kappen der Nabelschnur wird eine erste Trennung vollzogen, die mit der prinzipiellen Herausforderung verbunden ist, von jetzt an grundsätzlich aus eigener Kraft für uns selbst zu sorgen.» Weil kein Neugeborenes das zu leisten vermag, schaut dieses sich «in der ­grossen, kalten Welt um und fragt sich: Wo ist denn hier mein schützender, Wärme und Nahrung spendender Versorger?», so der deutsche Kinderarzt Herbert Renz-Polster. Denn eines ist klar: Kinder würden ohne ihre Bindungsbereitschaft und die Fürsorge der Eltern nicht überleben: «Bindung ist vom Kind aus gesehen kein Liebesverhältnis, sondern eine Zwangsbeziehung.»
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Dieser Text stammt aus dem Doppelheft Juli/August 2020. Sie können das gesamte Heft hier als Einzelausgabe bestellen.
<div>Dieser Artikel gehört zum <a href="https://www.fritzundfraenzi.ch/dossiers/bindung"><strong>Online-Dossier Bindung </strong></a>Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: <strong>Wie schaffe ich eine starke Bindung, ohne mein Kind einzuengen?</strong> Was hat Bindung mit Schule zu tun?</div>
Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Bindung Lesen Sie mehr zu Fragen, wie: Wie schaffe ich eine starke Bindung, ohne mein Kind einzuengen? Was hat Bindung mit Schule zu tun?

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