Elternbildung

Warum wir ohne Strafe erziehen – Familien erzählen

Erziehen ohne Strafen – wie kann so etwas funktionieren? Zwei Mütter und eine Tochter erzählen, wie sie es erleben.
Text: Eveline von Arx
Bild: Anne Gabriel-Jürgens/ 13Photo

Corinna Nüesch, 39

«Ich wollte herausfinden, warum ich oft schlecht gelaunt und unzufrieden war.»

Vor drei Jahren besuchte Corinna Nüesch, 39, mit ihrem Mann Daniel, 45, einen Elternkurs zur gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg. In der fünfköpfigen Familie war es immer wieder zu Spannungen und Reibereien gekommen.

«Mein Mann und ich, aber auch unsere drei Kinder sind ziemlich eigensinnig und dickköpfig», sagt Corinna Nüesch selbstkritisch. Thorin, 14, habe schon als kleines Kind die Auseinandersetzung mit seiner Mutter gesucht. «Er war sehr wissbegierig, und mit einfachen Erklärungen liess er sich nicht abspeisen», erinnert sich die Mutter.

Als Corinna Nüesch einmal von ihm verlangte, er solle sein Zimmer aufräumen, drohte er ihr, von zu Hause wegzulaufen. Und so kam es auch: Der kleine Bub packte seine Zahnbürste und sein Kuscheltuch ein, zog Schuhe und Jacke an und lief aus der Wohnung. Die Eltern folgten ihm, so dass dem Jungen nichts passieren konnte.

Im Kurs über gewaltfreie Kommunikation merkten Corinna und ihr Mann, dass in der Theorie manches einfacher ist als im Alltag. Es brauchte viel Übung, bis die beiden die zentrale Haltung der gewaltfreien Kommunikation zunehmend besser umsetzen konnten: Verbundenheit entsteht, indem wir versuchen, nicht nur auf das Gesagte, sondern auch auf das Gemeinte zu hören.

Corinna erkannte vor allem, dass es für sie eine grosse Herausforderung war, ihre eigenen Bedürfnisse als Mutter zu erkennen und zu kommunizieren. Herauszufinden, warum sie etwa schlecht gelaunt oder unzufrieden war und was sie brauchte, damit es ihr wieder besser ging, war für sie ein längerer Prozess.

Online-Dossier

Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Erziehen ohne Strafe. Lesen Sie mehr über die gewaltfreie Erziehung und finden Sie Tipps für den Umgang im Familienalltag.
Heute weiss sie, dass sie vor allem dann «aus dem Gleichgewicht» gerät, wenn ihr zentrales Bedürfnis nach Autonomie verletzt oder ihr zu wenig Vertrauen entgegengebracht wird. Sie kann dies nun auch äussern und vor allem kundtun, was sie möchte und braucht.

Der veränderte Umgang in der Familie führte zu neuen Erkenntnissen: Im «Nein» immer auch ein «Ja» – jedoch zu etwas anderem – zu sehen. Es galt nun vermehrt zu klären, wozu man denn «Ja» meinte, wenn «Nein» gesagt wurde. Wer etwas nicht will, möchte etwas anderes. Und wer seine Bedürfnisse kennt, kann auch viel besser seine Wünsche äussern.

Corinna und Daniel leben seit einem Jahr getrennt, stehen jedoch in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander. Jeweils am Sonntagabend isst die ganze Familie gemeinsam. Die gewaltfreie Kommunikation habe ihr und auch Daniel dabei geholfen, ihren Konflikt auf der Paarebene anzugehen, ohne die Kinder damit zu belasten. Weil das Verständnis füreinander gefördert worden sei, sagt Corinna Nüesch. Und die 10-jährige Smetine erinnert ihre Eltern manchmal daran, doch in der «Giraffensprache» miteinander zu reden.

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