Reinhard Winter: «Seid dankbar für Streit mit dem Teenie-Sohn! Das ist die neue Form von Nähe»
Elternbildung
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Für Eltern kommt erschwerend hinzu, dass sie vom Sohn nun ­hinterfragt und beurteilt werden. Sie gelten auf einmal als Repräsentanten von ­Tradition und Überholtem, der Junge entwickelt sich vom Bewunderer zum Richter. Zudem neigen Pubertierende dazu, alles, was von Eltern oder ­anderen Erwachsenen kommt, ­reflexhaft abzulehnen. ­Weshalb?

Weil sich der Junge ablösen muss. Dabei ist es leichter, sich von verständnislosen Eltern zu lösen als von Eltern, die in Verbindung stehen. Vor allem Letztere tun sich schwer, wenn ihnen der Sprössling Dinge an den Kopf wirft. Unser Sohn hat uns damals als spiessig bezeichnet – was mich sehr getroffen hat. Er wiederum musste dies tun, um sich von uns abzugrenzen und sich zu spüren.

Fühle ich mich als Mutter getroffen, ist es jedoch schwer, angemessen zu reagieren.

Fragen Sie sich in so einem Fall: An welcher Aussage störe ich mich? Warum? Buben wie Mädchen in der Pubertät sind Meister darin, genau herauszuspüren, wo die wunden Punkte ihrer Eltern liegen. In einem Streit rief mein pubertierender Sohn einmal: «Weisst du eigentlich, was der Sinn des Lebens ist?» «Nein», konterte ich, «kannst du es mir sagen?» Worauf er entgegnete: «Spass haben!» Das hat mich gewurmt. Rückblickend muss ich sagen: Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Damals spielten Arbeit und Karriere für mich eine grosse Rolle, den Spass hatte ich tatsächlich ein wenig aus den Augen verloren. Mit Abstand betrachtet fand ich es toll, den Spiegel vorgehalten zu bekommen. Doch als Eltern muss man das erst mal aushalten.

Streiten sollten Eltern also als Chance begreifen?

Ja, das ist enorm wichtig und gehört zum Ablöseprozess. Klagen Eltern über viel Streit mit dem Teenie-Sohn, sage ich immer: Seid dankbar! Streiten ist die neue Form der Nähe, oft auch «Pubertätskuscheln» genannt. Solange ihr streitet, seid ihr immerhin noch in Beziehung. Nicht zu streiten, ist viel schlimmer.

Haben Väter und Söhne heftigere ­Auseinandersetzungen als Mütter und Söhne?

Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind in der Pubertät mehr aufgeladen, schliesslich trifft der Sohn den Vater in männlicher Geschlechteridentität – was auch für Mutter und Tochter gilt. Doch die Konfliktlinien gehen oft auch über Kreuz – wenn die Mutter etwa nicht aushält, wie der Sohn sich gebärdet.
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Trost für Eltern bietet da eine in Ihrem Buch zitierte Studie: Demnach leiden viele Väter und Mütter unter dem Zustand der Familie, wenn sich darin ein pubertierender Sohn befindet. ­Diesem geht es allerdings ganz anders: 90 Prozent der Jugendlichen sagen, das Verhältnis zu den Eltern sei gut. Wie ist das zu erklären?

Vor 30 Jahren wäre die Umfrage sicher anders ausgefallen. Heute jedoch gibt es viele engagierte Eltern, die ein sehr gutes Verhältnis zu ihren Kindern haben. Für Jungen ist die Pubertät zwar schwierig, aber im Ergebnis ein Gewinn: Freunde werden zentral, eigenes Erleben und Veränderungen stehen im Vordergrund, oft gepaart mit einem «Die Welt steht mir offen»-Gefühl. Aus Sicht des Sohnes ist da etwas Streit mit den Eltern zu verschmerzen.

Und wie empfinden Eltern die Pubertät des Sohnes?

Diese erleben das Ganze eher als Verlust. Nicht umsonst heisst es: Pubertät ist die Zeit, in der Eltern schwierig werden. Mutter und Vater spüren ihr Alter, denn biologisch könnte der Sohn jetzt selbst Vater werden – was Eltern in die Grosselternposition schiebt.

Angenommen, ich platze ins Zimmer meines Sohnes, während er sich ­gerade einen Pornofilm anschaut – wie reagiere ich?

Dann machen Sie die Tür am besten wieder zu und lassen ihn erst mal in Ruhe. Passieren solche Dinge, ist das vielleicht ein Zeichen, dass er erwischt werden will und darüber sprechen möchte. Ansonsten würde er seine Türe abschliessen oder auf andere Weise dafür sorgen, dass Sie nichts mitbekommen. Deshalb sollten Sie später auf jeden Fall das Gespräch suchen. Idealerweise sind Sie sich dann Ihrer Haltung bewusst. Gerade Frauen tun sich oft schwer mit dem Thema und lehnen Pornos moralisch ab. Moralisch sollten Sie den Dialog mit Ihrem Sohn jedoch nicht angehen.

Wie wichtig ist es, dass Eltern mit ihren pubertierenden Söhnen über Sex reden?

Sehr wichtig! Schon allein, weil im Internet so viel Schrott kursiert. Es ist ein Mythos, dass Jungen alles über Sex wissen. Zudem ist der Sexualkundeunterricht in der ­Schule meist nur unzureichend – und hört vor allem auf, bevor es für Jungen interessant wird. Das Ganze orientiert sich an der Entwicklung von Mädchen, die ja zwei Jahre früher dran sind. Sind Jungen dann so weit, gibt es in der Schule niemanden mehr, dem sie ihre Fragen stellen könnten.

Mit Mädchen scheint generell mehr über Sexualität gesprochen zu ­werden: Während die erste ­Menstruation bei ihnen oft als ­Initiation wirkt, gibt es bei Jungen nichts Vergleichbares.

Das stimmt. Die Frage lautet tatsächlich: Wo kriegt der Junge Resonanz auf die körperliche Entwicklung, die er durchmacht? Die erste Rasur könnte etwa ein Anlass dafür sein.

Täuscht der Eindruck oder ist Scham bei Jungen ein grösseres Thema?

Das ist eindeutig so. Auch in Bezug auf Mutter und Vater. Was nur verständlich ist: Schliesslich müssen sich Jungen mitten in der Pubertät mit den peinlichsten Eltern der Welt auf einer Schulveranstaltung zeigen. Und diese sagen dabei vielleicht sogar was – vor allen! Oder sie begrüssen die Freunde des Sohnes und stellen spiessige Fragen. Deshalb: Freuen Sie sich, wenn Ihr ­Junge verkündet, dass seine Freundin oder sein Freund bei ihm übernachten will. Das ist ein Vertrauensbeweis, wenn Sie gleichzeitig in der Wohnung sind. Und auch ein Beleg dafür, dass Ihr Sohn sich nicht für seine Familie schämt.

Eltern wiederum treibt es die ­Schamesröte ins Gesicht, wenn sie hören, wie sich der Sohn mit Freunden unterhält – und Wörter wie schwul, fuck oder Bitch verwendet.

Auch da gilt: Wenn Sie es hören, ist damit vermutlich irgendeine Botschaft Ihres Sohnes verbunden. In einem ruhigen Moment würde ich zu ihm sagen: «Lass uns mal darüber reden.» Und gleichzeitig das Ganze nicht dramatisieren. Sagen die Jungen «Bitch» zu einem Mädchen, meinen sie in der Regel nicht «Schlampe». Es ist eine Entwertung, ja. Doch genauso entwerten sie sich auch untereinander.

Warum ist das bei Jungen so ­verbreitet?

Es ist für sie eine Form, um in Beziehung zu sein. Unterschwellig wollen sie damit verhindern, dass zwischen ihnen zu viel Nähe aufkommt und sie im Verdacht stehen, schwul zu sein – was sich zwar in den letzten Jahren entspannt hat, aber immer noch eine Rolle spielt. Hinzu kommt: Während Mädchen auf Einzelfreundschaften setzen, ist für Buben die Clique zentral. Dabei gilt es, sich zu positionieren, Macht auszutarieren, Überlegenheit zu signalisieren.

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