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Elternbildung

No Blame Approach: Eine Anleitung für Lehrpersonen

Der «No Blame Approach» (wörtlich «Ansatz ohne Schuldzuweisung») ist eine wirksame Methode, um Mobbing unter Schülerinnen und Schülern nachhaltig zu beenden. Hier wird auch bei schwerwiegenden Fällen auf Schuldzuweisungen verzichtet. Eine konkrete Hilfestellung für Lehrerinnen und Lehrer.
Text: Stefanie Rietzler und Fabian Grolimund 
Viele Lehrpersonen fühlen sich im Umgang mit Mobbing unsicher. Sie befürchten, dass die Situation noch schlimmer wird, wenn sie eingreifen. Die Realität gibt ihnen oft recht: Eine halbherzige oder ungünstige Intervention kann die Situation für das gemobbte Kind tatsächlich verschlimmern. Gleichzeitig ist es ausgesprochen wichtig, dass Lehrpersonen in der Lage sind, Mobbing zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Doch was ist angemessen?

Es gibt kaum einen Faktor, der so sehr zu einem guten Unterricht beiträgt, wie ein gutes Klassenklima. Ist dieses durch Mobbing vergiftet, können sich einzelne Schülerinnen oder Schüler nicht mehr auf ihren Unterricht einlassen. Mobbing eröffnet einen Schauplatz, der eine hohe emotionale Betroffenheit bei allen Schülern auslöst und den Unterricht zur Nebensache degradiert. 
Damit Kinder bereit sind, zu lernen, müssen sie sich sicher fühlen. Nur so können sie sich für Inhalte öffnen und sich am Unterricht beteiligen. Muss man fürchten, für falsche Antworten ein Augenrollen oder Stöhnen zu ernten, sagt man besser nichts. Es entsteht ein Klima, in dem sich niemand eine Blösse geben und damit Angriffsfläche bieten will. 
Im Video zeigen wir, wie man Mobbing in der Schulklasse auflösen kann - ohne Schuldzuweisungen.

Bei Mobbing sind Sie als Lehrperson gefordert!

Es gehört in den Verantwortungsbereich der Lehrperson, dafür Sorge zu tragen, dass jedes Kind den Unterricht angstfrei besuchen kann – ganz egal, auf welcher Stufe Sie unterrichten und ob Sie Fachlehrperson oder Klassenlehrperson sind. Sie können Hilfe in Form eines Schulsozialarbeiters oder der Schulleitung beiziehen – aber Sie haben weiterhin die Verantwortung für Ihre Klasse. Solange Mobbing in Ihrer Klasse stattfindet, sind Sie in der Pflicht, sich dieser Problematik anzunehmen. Führt die Intervention von aussen nicht dazu, dass sich die Lage wesentlich verbessert, ist es an Ihnen, sich nach weiteren Möglichkeiten zu erkundigen und selbst aktiv zu werden. 

Würden Sie in Ihrem Team gemobbt, würden Sie von der Schulleitung erwarten, dass sie solange nach einer Lösung sucht, bis das Problem gelöst ist. Und dass sie nicht nur einmalig einen Versuch startet. Denn: Gibt man sich bei Mobbing mit einer halbherzigen Lösung zufrieden, stärkt man die Macht der Akteure, man signalisiert ihnen, dass sie am längeren Hebel sitzen.

Wir können verstehen, wenn Sie sich als Lehrperson unsicher und hilflos fühlen, wenn ein Kind in Ihrer Klasse gequält wird. Aus diesem Grund möchten wir Ihnen möglichst konkrete Hilfestellungen beschreiben.
Wenn sich der Lehrer einmischt, wird das gemobbte Kind oft als Petze beschimpft – und alles wird noch schlimmer.
Wir möchten Sie auch ermutigen, selbst zu intervenieren. Eine externe Fachperson mag über ein grosses Repertoire an Ansätzen und Erfahrungen verfügen, aber Sie haben eine starke Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern aufgebaut und kennen die einzelnen Kinder. Sie sehen, ob Ihre Intervention ankommt, ob sich daraufhin etwas verändert – und Sie können positive Veränderungen aufgreifen und verstärken. Haben Sie es geschafft, eine gute Beziehung zu Ihren Schülerinnen und Schülern aufzubauen, sind diese zudem gewillt, das gemobbte Kind um ihretwillen zu unterstützen. Der No Blame Approach, den wir im Folgenden beschreiben, baut genau auf diesen Faktoren auf.
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Mobbing ohne Strafen und Schuldzuweisungen begegnen – mit dem No Blame Approach

Der 1991 von Barbara Maines und George Robinson in England entwickelte No Blame Approach versteht Mobbing als Gruppengeschehen und hat das Ziel, die Gruppendynamik in einer Klasse zu verändern. Er verzichtet deshalb konsequent auf Schuldzuweisungen und Strafen.

Wir empfinden dies aus mehreren Gründen als sinnvoll.

  • Erstens werden Sie als Lehrperson dadurch entlastet. Da Mobbing meist verdeckt stattfindet, ist es für Sie als Lehrperson schwierig, der «Wahrheit» auf den Grund zu gehen. Dies insbesondere dann, wenn Aussage gegen Aussage steht und mehrere Schülerinnen oder Schüler die Akteure decken.

  • Zweitens führen Schuldzuweisungen sofort dazu, dass die Akteure und Mitläufer (Assistenten und Verstärker, wie sie im No Blame Approach genannt werden), ihre Aktionen rechtfertigen, abstreiten oder dem gemobbten Kind eine Mitschuld geben.

  • Drittens lässt sich oft beobachten, dass die negativen Gefühle gegenüber dem gemobbten Kind zunehmen, wenn die Akteure und Mitläufer beschämt oder bestraft werden. Das betroffene Kind wird daraufhin als Petze beschimpft. Nicht selten erfolgen versteckte Racheaktionen, bei denen das betroffene Kind so massiv eingeschüchtert wird, dass es weitere Vorfälle verschweigt. Das Schweigen der Betroffenen aus Angst vor der Rache der Gruppe ist ohnehin ein grosses Problem.

  • Viertens ist es für das betroffene Kind sehr belastend, wenn es alles preisgeben, über peinliche und demütigende Vorfälle berichten und Beweise für seine Situation erbringen muss.

  • Fünftens ist es ohne Beweise für Sie als Lehrperson sehr schwierig, eine Strafe auszusprechen und durchzusetzen. Rasch kleben Ihnen die Eltern der Akteure an den Fersen, die das Gefühl haben, ihr Kind werde ungerecht behandelt.

  • Sechstens ist es für die Akteure und Mitläufer leicht, auf Taten auszuweichen, die nicht zu sehen oder kaum zu bestrafen sind. In diesen Fällen wird das betroffene Kind meist isoliert. Die Gruppe zeigt ihm ihre Verachtung, indem sie es bei Spielen ausschliesst, es wie Luft behandelt oder durch subtile Gesten und zweideutige Kommentare auf den wunden Punkten herumreitet.

Aufgrund dieser sehr zweifelhaften Wirkungen von Strafen schliessen wir uns der Empfehlung der Autoren an, darauf zu verzichten.
Wie mischt man sich ein, ohne es für Betroffene noch schlimmer zu machen? Bilder: Fotolia
Wie mischt man sich ein, ohne es für Betroffene noch schlimmer zu machen? Bilder: Fotolia
Zwei Ausnahmen möchten wir jedoch anführen:

  •  Im Jugendalter wird Mobbing seltener, dafür nimmt die Intensität von Mobbinghandlungen zu. Kommt es dabei zu einer Straftat (Körperverletzung, Diebstahl, Beschädigung fremden Eigentums, Hausfriedensbruch, sexueller Übergriff) sollte die Polizei eingeschaltet werden.
  • Handelt es sich um Cybermobbing, werden also Videoaufnahmen, Fotos oder Gerüchte übers Internet verbreitet, sollte umgehend die Polizei eingeschaltet werden. Der Grund: Solche Inhalte können sich unkontrollierbar schnell verbreiten und sind danach kaum mehr zu löschen.

In allen anderen Fällen können Sie sich voll und ganz darauf fokussieren, die Situation des betroffenen Kindes zu verbessern und damit gleichzeitig an einem positiveren Klassenklima zu arbeiten.

5 Kommentare

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Von Michaela am 22.09.2016 18:04

Dieser Ansatz,der Mobbingsituation Herr zu werden ist für mich der beste, den ich bisher gehört habe. Danke dafür!

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Von peach am 14.09.2016 11:15

Gute Strategie. Gibt es Erkenntnisse zum Erfolg?

Von Fabian am 19.06.2017 14:59

Es gibt Erkenntnisse zum Erfolg. Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, ihren Ansatz im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu evaluieren.

Der Evaluationsbericht kann hier eingesehen werden:

http://www.no-blame-approach.de/media/downloads/EvalutionsberichtNoBlameApproach.pdf

Natürlich ist die Evaluation (wie jede Evaluation!) mit gewissen Durchführungsmängeln behaftet, über die die Autoren im Rahmen des Evaluationsberichts detailliert Auskunft geben.

Um die Effektivität des Ansatzes genauer zu überprüfen, wäre es wünschenswert, dass eine Universität den Ansatz im Rahmen eines Nationalfonds-Projekts mit anderen Ansätzen vergleicht. Es kann jedoch nicht den Autoren angelastet werden, dass es bisher keine entsprechenden Bemühungen von Universitäten gegeben hat.

Von Clara am 16.06.2017 22:27

Nein, weil es keine einzige unabhängige wissenschaftliche Studie gibt, die den Erfolg der Methode belegt.

Beck und Blum räumen im Evaluationsbericht 2008 selbst ein: „Es kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass primär AnwenderInnen Rückmeldung gegeben haben, die vor allem positive Ergebnisse zu berichten hatten und so unzufriedenstellende oder gescheiterte Anwendungen des Ansatzes nicht ausreichend erfasst werden konnten.“ Obwohl die Autoren um die Verzerrung der Ergebnisse ihrer Evaluation wissen, werden im Buch selbst die Ergebnisse präsentiert als seien sie repräsentativ.

Von Fabian am 11.05.2017 13:15

Ja. In einem grösseren Evaluationsbericht konnte das Mobbing in 192 von 220 Fällen mit Hilfe des Ansatzes erfolgreich gestoppt werden. Den detaillierten Evaluationsbericht finden Sie hier: http://www.no-blame-approach.de/media/downloads/EvalutionsberichtNoBlameApproach.pdf

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