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Elternbildung

Auszeit ohne Wegsperren 

Wird ein Kind bei einem Konflikt in die Isolation geschickt, weist man ihm zugleich die Schuld zu. Das kann verheerende Folgen haben.
Text: Jesper Juul
Illustration:
Petra Dufkova/Die Illustratoren
Eine Mutter einer sechs Jahre alten Tochter berichtet über die Dramen am Esstisch. Sie beschreibt ihr Familienleben als sehr aktiv. Sie kenne den täglichen Konflikt zwischen Arbeit und Familie gut. Die Mutter ist der Meinung, dass Kinder gute und solide Rahmenbedingungen brauchen. Zum Beispiel soll ihre Tochter Tischmanieren lernen. Sie soll sich bei Tisch gut benehmen können. Dies habe über lange Zeit zu vielen Konflikten am Esstisch geführt. Einer der Konflikte war, dass die Tochter nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen und nicht richtig essen wollte. Die Eltern sagten der Tochter sehr klar, was ihre Erwartungen an sie waren. Sie erklärten ihr, wie wichtig sie es fänden, dass sie lerne, schön zu essen. Irgendwann entschieden sie sich, die Timeout- Methode einzuführen.
«Erziehung als Machtkampf ist eine schlechte Idee, vor allem weil dabei alle verlieren: die Eltern, das Kind, die Beziehung.»
Wenn die Tochter am Tisch nicht schön isst und nicht sitzen bleibt, bringen die Eltern sie in ihr Zimmer und schliessen die Türe zu. Nach ein paar Minuten gehen sie wieder zu ihr. Die Tochter hat zuerst immer laut geschrien, danach wurde sie jeweils ganz ruhig, war aber noch wütend und ass nur widerwillig mit den Eltern am Tisch. Heute macht die Tochter eher, was ihre Eltern wollen, aber die Stimmung beim Essen ist für die Eltern nicht befriedigend. «Machen wir etwas falsch?», fragt die Mutter Jesper Juul.
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Antwort von Jesper Juul:

Meine unmittelbare Antwort auf Ihre Frage ist ein klares Ja. Lassen Sie mich zuerst erklären warum – und danach eine Alternative aufzeigen. Stellen Sie sich einen Ausflug mit einem Helikopter vor und betrachten Sie die Situation von oben: Wir sehen zwei grosse, verantwortungsbewusste, intelligente Erwachsene in einem aussichtslosen Machtkampf mit einem sechs Jahre alten Mädchen. Das steht in keinem Verhältnis! Erziehung als Machtkampf ist immer eine schlechte Idee, vor allem weil alle drei Parteien dabei verlieren: die Eltern, das Kind und nicht zuletzt die Qualität Ihrer Beziehung – ganz unabhängig vom endgültigen Gewinner der Schlacht. Das Verhalten von Kindern ist immer ein Produkt der Beziehung zu ihren Eltern, auch sie wurden mit unterschiedlichen Eigenarten geboren. Wie wir uns entwickeln, hängt in erster Linie von der elterlichen Führung ab. Mit anderen Worten: Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Wenn ein Konflikt auftritt, so ist es nie die Schuld einer Partei. Wenn ein Konflikt zwischen Erwachsenen und Kindern auftritt, so tragen die Erwachsenen die Verantwortung. Deshalb ist es unvernünftig und unverantwortlich, Ihrer Tochter die Schuld für die auftretenden Konflikte zu geben und für das, was passiert, wenn sie in die Isolation geschickt wird.

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4 Kommentare

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Von Majlinda am 23.01.2018 20:29

Es hat mich so gut gefallen,ich bin sehr glüklich weil ich meine Kinder genao so erzihe ohne straffen nur mit der liebe .Lg fr Shkodra😊

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Von Katharina am 26.02.2017 14:25

Ich leide noch immer unter der Dressur versuche meiner Eltern und bin jetzt selbst Elternteil. Ich versuche mein bestes mein kind nicht zu dressieren. Aber manchmal kommt es doch durch. :-(

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Von Nicole am 23.11.2016 06:37

Vielen Dank.
Manchmal wird man durch die Dressurerfolge der anderen Eltern verunsichert.
Einfach aufs Herz und das Bauchgefühl hören.

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Von Be am 22.11.2016 08:13

Großartig!

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