Kinder brauchen Vertrauen, keine digitale Hundeleine
Medienerziehung

Kinder brauchen Vertrauen, keine digitale Hundeleine

Erziehung ist viel zu wichtig, um sie technischen Geräten zu überlassen. Sein Kind digital zu kontrollieren, ist daher keine gute Idee.
Text: Thomas Feibel
Illustration:
Petra Dufkova / Die Illustratoren
Leben wir nicht in wunderbaren Zeiten? Tag für Tag nehmen uns digitale Geräte viele Arbeiten ab. Das Abendessen zum Beispiel bereitet sich im Thermomix fast von alleine zu, im Garten dreht der Rasenmäher-Roboter dezent seine Runden, und schon bald brettern Autos autonom über die ­Strassen. All diese Möglichkeiten, von denen unsere Vorfahren nur träumen durften, sind äusserst praktisch und vor allem sehr bequem. Heutzutage können wir sogar die Medienerziehung unserer Kinder an digitale Geräte outsourcen. «Parental Control» lautet der anglizistische Fachausdruck zu entsprechenden Angeboten. 

Kindersicherung mit Mängeln

Dabei steckte die Geschichte der technischen Medienkontrolle schon immer voller Tücken. Bereits beim klassischen Fernsehen verfehlte die Aktivierung der Kindersicherung seinerzeit die gewünschte Wirkung. Während Kinder sie clever um­gingen, bekamen die Eltern ihre TV- Ge­räte nicht mehr an. Weil ein paar Jahre später der freie Internetzugang die Erziehenden vor grosse Herausforderungen stellte, sollte eine Filtersoftware den kindersicheren Aufenthalt im Netz garantieren. Dazu dienten Positivlisten, die ständig aktualisiert wurden. Weil das jedoch nicht ausreichte, mussten bei manchen Filterprogrammen die Eltern all jene «bösen» Wörter persönlich eingeben, auf die ihre Kinder im Web keinesfalls stossen sollten. Es gab aber noch mehr Probleme. War etwa der Begriff «Sex» aus verständlichen Motiven gesperrt, konnten besorgte Teenager auch nicht mehr auf familiären Beratungsseiten landen.
Wenn die Möglichkeit besteht, sämtliche Textnachrichten der Kinder auf dem eigenen Gerät mitzulesen, ist die Überwachung der Kindheit perfekt. 
Im Zeitalter von Smartphone und Tablet im Kinderzimmer gestattet uns der Router, Einschränkungen in der Mediennutzung ferngesteuert vorzunehmen. Technikaffine Eltern richten für ihre Kinder ein eigenes WLAN-Netz mit festgelegten Zeitkontingenten ein. Das Sicherheitsgefühl hält jedoch nicht sehr lange an. Fast mühelos gelingt es dem Nachwuchs meist, das Kennwort des unlimitierten Eltern-WLAN herauszufinden. Zudem ist überhaupt kein Internetzugang notwendig, um unkontrolliert die halbe Nacht mit dem Natel zu spielen. 

Der Markt der elektronischen Elternkontrolle 

Auch wenn viele technische Restriktionen im Erziehungsalltag nur selten zielführend sind, prosperiert dennoch ein Markt, der die grosse Sehnsucht der Eltern nach dem perfekten technischen Sicherheitskonzept stillen möchte. Bestes Beispiel sind die vielen kunterbunten GPS-Uhren für Kinder. Sie werden von ihren Herstellern als die grosse Natel-Alternative angepriesen: Eltern mit Kindern im Primarschulalter bleiben mit ihnen den ganzen Tag in Kontakt, ohne eigens ein Smartphone für sie anschaffen zu müssen. Diese Uhren verfügen über ein Ortungssystem, damit der jeweilige Aufenthaltsort des Kindes zu jeder Zeit festgestellt werden kann. Telefonieren und das Versenden von Sprachnachrichten sind ebenso möglich. Das Ding zeigt sogar die Zeit an. Verstörend finde ich allerdings die sogenannte «Voice Monitoring»-Funktion: Damit starten Eltern – unbemerkt von ihren Kindern – einen Lauschangriff, um zu hören, wo sie sich gegenwärtig aufhalten oder mit wem sie im Moment worüber sprechen. 
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