«Hausaufgaben sind reine Zeitverschwendung»
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«Hausaufgaben sind reine Zeitverschwendung»

Lesedauer: 5 Minuten

Der deutsche Lehrer und Journalist Armin Himmelrath hat sich jahrelang mit dem Thema Hausaufgaben beschäftigt und wissenschaftliche Grundlagen aus über 500 Jahren untersucht. Seine Bilanz ist vernichtend.

Interview: Claudia Landolt
Bilder: Adobe Stock

Herr Himmelrath, Sie lehnen Hausaufgaben ab. Warum?

Es gibt über 500 Jahre alte Schulverordnungen, die sich mit dem Thema Privatarbeit befassen, denn so hiessen Hausaufgaben damals. In diesen wird davon ausgegangen, dass zu­sätzliches Lernen etwas bringt. Also habe ich mir die Wissenschaft ange­schaut, die sich in den vergangenen 130 Jahren mit dem Thema ausein­andergesetzt hat. Dabei habe ich etwas Erstaunliches festgestellt: Es gibt keine einzige Studie, welche die Wirksamkeit von Hausaufgaben belegt.

Keine einzige? Kaum zu glauben.

Dachte ich auch. Also hab ich wei­tergeforscht, auch international. Und herausgefunden: Es gibt wirk­lich nur ganz, ganz dünne Zusam­menhänge zwischen Hausaufgaben und Lernerfolg, die manchmal her­gestellt werden. Aber diese sind keinesfalls so zu bewerten, dass Hausaufgaben per se einen Bil­dungswert oder einen Zuwachs an Kenntnissen bei Schülern bewirk­ten.

Armin Himmelrath, 50, ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium in Deutschland arbeitet er heute u. a. für den «Spiegel», SpiegelOnline, Deutschlandradio und den WDR. Ausserdem unterrichtet er als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und hat zahlreiche Bücher zu Bildungsthemen verfasst. Er hat drei Kinder und lebt in Köln.
Armin Himmelrath, 50, ist freier Bildungs- und Wissenschaftsjournalist und Moderator. Nach seinem Lehramtsstudium in Deutschland arbeitet er heute u. a. für den Spiegel, Spiegel Online, Deutschlandradio und den WDR. Ausserdem unterrichtet er als Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und hat zahlreiche Bücher zu Bildungsthemen verfasst. Er hat drei Kinder und lebt in Köln.

Bereits in den 1960er­-Jahren belegte der Erziehungswissenschaft­ler Bernhard Wittmann, dass nach einem viermonatigen Versuch bei Drittklässlern, Hausaufgaben weg­zulassen, diese nicht schlechter waren im Rechtschreiben als solche, die Aufgaben erhalten hatten. Das­ selbe galt für das Fach Mathematik.

Dennoch sind Hausaufgaben in der Schule Standard. Woran liegt das? 

Nun ja, Eltern wird seit Jahrhunder­ten eingetrichtert – und die meisten von ihnen haben es selbst auch so erlebt –, dass das häusliche Lernen am Nachmittag und Abend irgend­wie der Reifung und Bildung der Kinder dient. Wir alle sind mit Hausaufgaben sozialisiert worden. Auch wird geglaubt, dass Hausaufgaben irgendwie eine erzieherische Wirkung haben. Nur der Nachweis dazu fehlt.

Eltern hören immer wieder, wie wichtig Hausaufgaben seien als Repetition des behandelten Stoffes oder auch zur Entwicklung der Selbständigkeit. 

Ja, bloss fehlen die Beweise dazu. Beim genaueren Hinsehen merkt man, wie schwammig diese Formulierungen letztlich sind. Sie beschwören nichts anderes als die Festigung des Erlernten, ohne dass es Belege dafür gibt. Dennoch gehören für sehr viele Menschen unter uns Hausaufgaben einfach irgendwie dazu. Sie sind im kollektiven Gedächtnis der Menschen so verankert, dass jeder denkt, das müsse so sein. Und auch Eltern gingen mal zur Schule, und die sagen dann, die eigene Hausaufgabenzeit habe ja wohl niemandem geschadet.

Studien zeigen: Es gibt keine Lernunterschiede. Kinder ohne Hausaufgaben sind sogar moti­vierter.

Das ist dann so etwas wie ein Totschlag­argument. Um es noch drastischer auszudrücken: Ein Mediziner oder ein Physiker, der stolz sagt, er benut­ze noch die Methoden von vor 50 oder 100 Jahren, hätte sich sofort selbst disqualifiziert. In der Pädagogik aber, beim Thema Hausaufga­ben, ist das ein ganz normales Argu­ment.

Wie sind Sie denn überhaupt auf das Thema gekommen?

Irgendwann in meiner Zeit als Bil­dungsjournalist habe ich festgestellt, dass es eben nicht so ist, dass zusätzliche Lernzeit in Form von Hausauf­gaben auch zusätzlichen Lernerfolg bringt. Und wenn man dann wirklich genauer hinguckt und Studien anschaut, in denen Kinder, die mehrere Jahre keine Hausaufgaben hatten, mit Kindern verglichen wurden, die mehrere Jahre Hausaufgaben ma­chen mussten, so stellt man fest: Es gibt keine Lernunterschiede. Der einzige Unterschied ist: Die Kinder ohne Hausaufgaben waren moti­vierter.

Hausaufgaben sind oft Stoff für Konflikte in der Familie.

Absolut. Hausaufgaben verursachen mehr Probleme als Lösungen, das sagen sogar Lehrer und Studenten im Lehramt in Internetforen. Schon 1982 urteilte ein deutscher Lehrer aus Flensburg, Hausaufgaben seien bloss mit einem «Riesenaufwand betriebene, sinnlose Handgelenksübungen der Kinder». Sehr, sehr viele Eltern beklagen die Belastung durch die Hausaufgaben und be­schreiben den Streit, der ins Fami­lienleben hineingetragen wird.

Eltern ärgern sich auch über die Disziplinierungsmassnahmen, zu denen sie sich gezwungen fühlen, damit die Kinder die Aufgaben erle­digen. Das einzig Positive, das sie den Hausaufgaben abgewinnen können, ist, dass sie den Eindruck haben, damit noch ein wenig im Bilde zu sein, was ihr Kind in der Schule gerade so lernt.

Wie war das bei Ihnen? Sie haben drei Kinder zwischen 17 und 21 Jahren, also reiche Hausaufgabenerfahrung. 

Anfangs war ich total unkritisch. Ich dachte, Hausaufgaben seien einfach ein Teil der Schulperformance. Und anfänglich machen die Kinder die Hausaufgaben ja auch sehr gern, freuen sich darauf. Hausaufgaben zu haben, macht sie auch ein biss­chen stolz. Aber Kinder sind sehr unterschiedlich. Mein ältester Sohn ist sehr zielorientiert, bei ihm gab es wegen Hausaufgaben nie viel Stress.

Können wir 25 Kindern einer Klasse diesel­ben Hausaufgaben geben, dieselben Prüfungsfragen stellen, die gleichen Lernziele setzen? Darüber müssen Pädagogen sich Gedanken machen.

Ganz anders mein zweiter Sohn, bei dem funktionierte die logische Argumentationskette ganz und gar nicht. Er ist der Typ, der gern das lernt, was ihn interessiert, ist also intrinsisch motiviert. Alles andere ist schwierig, und Druck erzeugt bei ihm nur das Gegenteil. Ich verbrach­te insgesamt Jahre, in denen meine Kinder widerwillig am Küchentisch sassen und mich mit ihrer Lustlo­sigkeit zur Verzweiflung brachten. Irgendwann begann ich zu zweifeln: Muss das denn sein? So begann ich zu recherchieren.

Immer häufiger liest man von Schu­len, die Hausaufgaben bestreiken oder ganz abgeschafft wollen. Kommt jetzt die Wende?

Wir befinden uns in einem vielfäl­tigen Transformationsprozess. Es ist gut, dass Debatten darüber laufen. Die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, ist individualistisch, die Arbeitswelt setzt auf Diversität, und in der Schule hat individuelles Ler­nen längst Einzug gehalten. Doch können wir in diesen individualis­tischen Zeiten mit heterogenen Klassen wirklich 25 Kindern diesel­ben Hausaufgaben geben, dieselben Prüfungsfragen stellen, die gleichen Lernziele setzen? Darüber müssen Pädagogen sich Gedanken machen.

Die Politik nicht?

Das erachte ich zumindest in Deutschland als aussichtslos, denn hier ist Schulpolitik Länderpolitik und ein letztes Feld für Eigenstän­digkeit, da mischt sich der Bund nicht ein. Aber ich bin überzeugt, dass man dieses System unterwan­dern und eine kleine Revolte anzetteln kann, ohne dass gleich die Poli­tik mitmischt.

Sie fordern, dass Lehrer der Haus­aufgabendoktrin entgegentreten?

Ja. Viele Lehrer sind sich bewusst, dass die eigene Hausaufgabenpraxis zwar nicht den Worten, wohl aber dem Sinn der gesetzlichen Vorgaben widerspricht. Das ist oft der Anlass, über kleinere Veränderungen im Schulalltag nachzudenken.

Wie könnten solche Veränderungen aussehen?

In einem ersten Schritt mit dem Lehrerkollegium schauen, wer wann wie viele Hausaufgaben erteilt. Oder mit den Schülern darüber diskutie­ren, wie sie das Thema Hausaufga­ben empfinden. In einem zweiten Schritt die Hausaufgaben reduzie­ren. Das kann sein, nur noch an einem oder zwei Tagen Hausaufga­ben vorzusehen.

In einem dritten Schritt könnten Lehrer aus Haus­aufgaben Schulaufgaben machen. Also individuelle Lernzeiten in den Schulstunden einplanen. Manche nennen diese auch Trainings-­ oder Arbeitsstunden. Darin werden Schülern gemäss ihrem Leistungs­niveau individuelle Aufgaben gege­ben, die sie im Unterricht erledigen – selbständig, aber eben unter pro­fessioneller Supervision der anwe­senden Pädagogen.

Der Unterricht und die ganze Schu­le müssen komplett neu organisiert werden.

Wie könnten solche Aufgabenstunden aussehen?

Es könnte einen Aufgabenpool geben, aus dem sich die Schüler bedienen. Sie können diese Aufga­ben dann in der Klasse so lösen, wie es ihrer Lernstruktur entspricht: manche alleine in Stillarbeit, andere im Team mit anderen Kindern, wie­der andere holen sich vielleicht Hil­fe beim Lehrer. Der zweite wichtige Punkt ist ein gutes Feedback – und das muss individuell sein, also wirk­lich auf jeden einzelnen Schüler eingehen. Man merkt schon: Das kostet richtig viel Zeit, da müssen der Unterricht und die ganze Schu­le komplett neu organisiert werden.

Das bedingt ein radikales Umdenken. 

Ja, aber es ist auch eine grosse Chan­ce. Es ist nie zu spät für eine bessere Schule. Das Ende der Hausaufgaben könnte ein Anfang sein. Das Ende der Hausaufgaben würde nicht nur zu glücklicheren Schülern führen, es gäbe auch stressfreiere Lehrer und Eltern.

Claudia Landolt
ist Mutter von vier Söhnen und diplomierte Yogalehrerin.

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