Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl: Das starke Kind - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl: Das starke Kind

Lesedauer: 4 Minuten

Wir wünschen uns Kinder, die dem Leben mit Mut begegnen. Die mit Misserfolgen, Schwierigkeiten und Rückschlägen umzugehen wissen – resilient sind. Kinder, die ihre Stärken kennen und nutzen und ihre Schwächen akzeptieren. Hier erfahren Sie, wie Sie Ihr Kind im Alltag stärken können.

Text: Fabian Grolimund
Fotos: Alain Laboile

Lassen Sie mich diesen Text mit einer persönlichen Geschichte beginnen, die verdeutlicht, dass es zwei Wege gibt, ein Kind zu stärken. Ich war ein Spätzünder, lernte spät sprechen, besuchte ein zusätzliches Jahr den Kindergarten, weil ich nicht schulreif war, und benötigte Psychomotorikherapie, um meinen steifen Gang zu überwinden. Mein Bruder hingegen lernte schnell und holte kräftig auf. Obwohl er zweieinhalb Jahre jünger war, konnte er bald vieles gleich gut wie ich.

Viele Eltern kennen diese Situation, die oft zu Eifersucht und Geschwisterrivalitäten führt. Manche Eltern reagieren darauf, indem sie versuchen, das Selbstvertrauen des «schwächeren» Kindes zu stärken. Sie nehmen es in den Arm, wenn es sich selbst abwertet, und sagen ihm: «Aber du kannst dafür besser …». Verzweifelt zählen sie ihm seine Stärken auf in der Hoffnung, dass es sich dadurch besser fühlt. Meiner Erfahrung nach funktioniert das höchst selten. Und zwar deshalb, weil es den Konkurrenzgedanken stärkt. Die Kinder erhalten das Gefühl, es gehe darum, besser und talentierter zu sein als andere.

Das weniger talentierte Kind beginnt dabei zu rechnen und sieht bald: Ich mag zwar in ein, zwei Bereichen stärker sein – aber wenn ich ehrlich bin, schlägt mich mein Geschwister in fast allem anderen. Bald flammt jedes Mal Eifersucht auf, wenn das Geschwister einen Erfolg erlebt oder von den Eltern gelobt wird. Nicht selten greift ein Kind in dieser Situation zum letzten Mittel, um sich zu schützen: Es beginnt sein Geschwister abzuwerten, um sich selbst aufzuwerten. Das wiederum wird von den Eltern nicht gerne gesehen und führt zu heftiger Kritik und noch grösseren Selbstzweifeln auf Seiten des Kindes.

Der französische Fotograf Alain Laboile ist Vater von sechs Kindern. Über viele Jahre hat er das turbulente Leben seiner Familie im Südwesten Frankreichs mit der Kamera festgehalten. Die hier aufgeführten Bilder stammen aus dem Jahr 2014. www.laboile.com
Der französische Fotograf Alain Laboile ist Vater von sechs Kindern. Über viele Jahre hat er das turbulente Leben seiner Familie im Südwesten Frankreichs mit der Kamera festgehalten. Die hier aufgeführten Bilder stammen aus dem Jahr 2014.

Meine Eltern konzentrierten sich damals glücklicherweise nicht auf mein Selbstvertrauen, sondern auf mein Selbstwertgefühl. Sie wiesen mich darauf hin, wie sehr sich mein kleiner Bruder freut, wenn er mich sieht, wie viel er von mir lernt, wie gern er mich hat, dass er mich braucht und wie wichtig es für ihn ist, einen grossen Bruder zu haben.

Nicht die Leistung des Kindes in den Vordergrund stellen

Im Vordergrund standen nicht wir als Personen, sondern unsere Beziehung zueinander und unser Beitrag für ein schönes Miteinander. Wenn dann Johannes wieder etwas Erstaunliches gelungen war, rannte ich zu meinen Eltern und rief voller Stolz: «Kommt schnell, schaut, was unser kleiner Johannes kann!»

Wenn wir uns selbst annehmen können, uns auch mit unseren Schwächen wohlfühlen und die Erfahrung machen, dass wir uns unseren Platz in einer Gemeinschaft nicht durch Leistung verdienen müssen, passiert etwas Wunderbares: Wir müssen nicht mehr ständig darüber nachdenken, wie wir abschneiden und wo wir stehen. Wir können uns auf andere einlassen, mit ihnen zusammenarbeiten und uns mit ihnen über ihre Erfolge freuen. Was also unterscheidet Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl?

Selbstvertrauen: Was kann ich?

Unter Selbstvertrauen verstehen wir eine Einschätzung der eigenen Kompetenz. Der Begriff geht auf den Psychologen William James zurück, der bereits 1890 die folgende Formel für Selbstvertrauen aufstellte: Selbstvertrauen = Erfolge / Ansprüche
Nach dieser Formel wächst unser Selbstvertrauen, wenn wir Erfolge erzielen. Allerdings wird anhand der Formel auch deutlich, dass dies nur dann der Fall ist, wenn unsere Ansprüche nicht zu hoch sind.

Selbstvertrauen ist nicht die Ursache, sondern die Folge von Erfolgen.

Einen Menschen mit hohem Selbstvertrauen erkennt man an der Einstellung: «Wenn ich mir etwas vornehme, werde ich es auch erreichen. Auf dem Weg dorthin mag es Hindernisse, Rückschläge und Misserfolge geben – aber damit komme ich klar!»

Wie fördere ich das Selbstvertrauen meines Kindes?

Wir fördern das Selbstvertrauen von Kindern, indem wir sie die folgenden Erfahrungen machen lassen:

  • Ich kann etwas! Ich habe Stärken und Talente.
  • Ich mache Fortschritte, wenn ich mich anstrenge und übe.
  • Ich kann mit Misserfolgen und Rückschlägen umgehen.
  • Ich kann mich meinen Ängsten stellen und sie überwinden.
  • Ich habe Einfluss: Andere greifen meine Ideen auf und lassen sich von mir begeistern.

Entgegen den Erwartungen der meisten Eltern zeigt die Forschung, dass unser Selbstvertrauen nicht die Ursache, sondern die Folge von Erfolgen ist. So liess sich etwa das schulische Selbstvertrauen in der 12. Klasse gut durch die Noten in der 10. Klasse vorhersagen. Das schulische Selbstvertrauen in der 10. Klasse stand aber in keinem Verhältnis zu den Noten in der 12. Klasse. Das heisst: Zuerst kommen die Erfolge, dann das Selbstvertrauen. Nicht umgekehrt. Wollen wir unseren Kindern zu echtem Selbstvertrauen verhelfen, müssen wir ihnen helfen, Kompetenzen zu entwickeln.

Es gibt keine Abkürzung zu echtem Selbstvertrauen

Im Internet wird oft das Gegenteil propagiert. Wer nach den Begriffen Selbstvertrauen oder Selbstbewusstsein sucht, landet rasch auf Seiten, die folgendes Versprechen abgeben: «Höre mehrmals eine CD mit Sätzen wie ‹Ich bin beliebt … Ich bin stark … Ich bin voller Selbstvertrauen.› Dadurch wird dein Selbstbewusstein wachsen und du wirst in der Lage sein, Berge zu versetzen.»

Der Psychologe Donald Forsyth von der Virginia Commonwealth University wollte es genau wissen und schickte einer Gruppe von Studierenden jede Woche Nachrichten, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Das Resultat? Jene, die die positiven Nachrichten erhielten, fühlten sich kurzfristig besser – lernten aber weniger und schnitten in den Prüfungen schlechter ab.

Selbstwertgefühl: Das bin ich wert

Starke Kinder verfügen nicht nur über ein gesundes Ausmass an Selbstvertrauen, sie haben auch ein hohes Selbstwertgefühl. Der Soziologieprofessor Morris Rosenberg definierte 1965 Selbstwertgefühl als eine Haltung oder Einstellung, die jemand gegenüber sich selbst einnimmt. Nach seiner Definition empfindet sich ein Mensch mit hohem Selbstwertgefühl als «gut genug»; er sieht sich selbst als wertvoll und kann sich mit seinen Stärken und Schwächen annehmen – ohne sich deswegen selbst zu bewundern oder dies von anderen zu erwarten. Beim Selbstwertgefühl steht somit nicht die Kompetenz im Vordergrund, sondern das Ausmass, in dem sich jemand selbst akzeptieren kann.

Wie stärke ich das Selbstwertgefühl meines Kindes?

Das Selbstwertgefühl eines Kindes wird gestärkt, wenn es die Erfahrung macht:

  • Ich habe Eltern, die mir zuhören, sich Zeit für mich nehmen und mich verstehen.
  • Ich habe Freude, die mich gernhaben und mich so nehmen, wie ich bin.
  • Wir haben eine Lehrerin, die sich für uns interessiert und uns ernst nimmt.
  • Ich fühle mich in meiner Familie eingebunden und willkommen.
  • Meine Eltern fangen mich auf, wenn ich strauchle. Sie mögen mich mit meinen Stärken und Schwächen.

Das Selbstwertgefühl wird also von anderen Quellen gespeist als das Selbstvertrauen. Ein hohes Selbstwertgefühl entwickeln wir nämlich dann, wenn wir erfahren dürfen, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind, die uns annimmt, versteht und respektiert und in der wir uns geborgen fühlen.

Fabian Grolimund
ist Psychologe und Buchautor. Gemeinsam mit ­Stefanie Rietzler leitet er die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Er ist verheiratet, Vater eines Sohnes und einer Tochter und lebt mit seiner Familie in Fribourg.

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