Armes Einzelkind? - Das Schweizer ElternMagazin Fritz+Fränzi
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Armes Einzelkind?

Lesedauer: 5 Minuten

Geschwister-Mythen: Teil 4

Sie galten lange als egoistisch, selbstbezogen und verwöhnt. Dabei stehen Einzelkinder Kindern mit Geschwistern in Sachen Sozialkompetenz in nichts nach – wenn ihre Eltern einige Punkte
beachten.

Text: Corinna Hartmann
Bild: Mayte Torres / Getty Images

Dieser Artikel wurde am 20. September 2022 aktualisiert.

Sie wollen stets ihren Kopf durchsetzen und können nicht teilen, so das gängige Vorurteil gegen verhätschelte Einzelkinder. Wer danach sucht, wird wohl auch immer wieder Bestätigung für das Klischee vom geschwisterlosen Tyrannen finden. In der Wissenschaft geht die Idee vor allem auf das Jahr 1896 zurück. Der Pädagoge E. Bohannon von der Clark University in Massachusetts hatte Probanden einen Fragebogen vorgelegt – seinerzeit eine recht neue Form der Datenerhebung – mit Fragen zum Gemüt von beliebigen Einzelkindern, die den Teilnehmern in den Sinn kamen.

In 196 von 200 Fällen beschrieben sie die betreffenden Kinder als «übertrieben verwöhnt». Andere Fachkollegen pflichteten Bohannon bei. Die damals verbreitete Skepsis gegenüber Einzel­kindern rührte auch daher, dass Mittelschichtfamilien immer weniger Kinder bekamen und so mancher privilegierte Zeitgenosse die Ausbreitung angeblich unterlegener Bevölkerungsschichten befürchtete.

Im frühen 20. Jahrhundert waren sogar Bedenken verbreitet, das Aufwachsen ohne Geschwister lasse Kinder zu überempfindlichen Mimosen verkümmern. Wenn die Eltern ihre ganzen Sorgen und Ängste auf einen Sprössling konzentrierten, würde dieser irgendwann selbst zum Hypochonder mit schwachem Nervenkostüm.

Einzelkinder entwickeln häufiger fiktive Freunde, mit denen sie sich verbünden und den Alltag teilen. Dies fördert ihre soziale Entwicklung.

Alles Quatsch, sagt die Datenlage im 21. Jahrhundert. Einzelkinder zeigen keine gravierenden Defizite. Toni Falbo, Psychologin an der University of Texas in Austin und selbst Einzelkind, wehrt sich gegen die Vorstellung, man brauche notwendigerweise Geschwister, um zu einem anständigen Menschen heranzuwachsen.

In ihrer Überblicksarbeit von 1986, für die sie mehr als 200 Studien zum Thema in Augenschein genommen hatte, kam sie zum Schluss: Die Wesenszüge von Einzel- und Geschwisterkindern unterscheiden sich nicht. Lediglich die Beziehung zu den Eltern scheint eine besondere zu sein; bei den untersuchten Einzelkindern war sie enger.

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