Schuldgefühle: Ballast auf der Seele
Elternbildung

Schuldgefühle: Ballast auf der Seele

In keiner anderen Beziehung wird so viel Hingabe und Aufopferung erwartet wie in derjenigen zwischen Eltern und ihren Kindern. Wir sorgen, trösten, fördern und stellen uns doch immer wieder die Frage: Tun wir genug? Oder gar zu viel? Hat mein Kind, was es braucht? Wann sind Schuldgefühle berechtigt und wann einfach sozial gelernt – und wie unterscheidet man das eine vom anderen?
Text: Jana Avanzini 
Bilder: Salvatore Vinci / 13 Photo
Nadja, Mutter einer sieben- und einer neunjährigen Tochter, verreist alleine, geniesst die Zeit nur für sich – und fühlt sich ihren Kindern gegenüber egoistisch. Müsste sie als Mutter nicht selbstloser sein?

Benno, Vater von zwei mittlerweile erwachsenen Mädchen, hat sich von seiner Frau getrennt und damit auch seine Töchter verletzt. Die Gefühle, sich falsch verhalten zu haben, lassen ihn nicht mehr los. Hätte er für die Familie kämpfen müssen?

Delia hat einen vierjährigen Sohn, eine zweijährige Tochter – und ein 80-Prozent-Arbeitspensum. Sie hört immer wieder die Frage, ob sie denn nicht mehr mit den Kindern sein möchte. Möchte sie das?

«Herzogin Kate, Duchess of Cambridge, haben Sie ihren drei Kindern gegenüber Schuldgefühle?» «Absolut», lautet ohne ein kleinstes Zögern die Antwort auf diese erste Frage in einem Radiointerview. «Und jeder, der sagt, er habe das nicht, der lügt», schiebt sie hinterher. Sie mache sich ständig Vorwürfe, sagt sie und ist mit dieser Antwort in guter, vor allem in grosser Gesellschaft. Elternschaft und Schuldgefühle scheinen untrennbar miteinander verknüpft zu sein. Und nicht nur bei Herzogin Kate, Benno, ­Nadja oder Delia. Das Thema ist in Blogs, Artikeln und Posts, aber auch in alltäglichen Gesprächen allgegenwärtig.
Elternschaft und Schuldgefühle scheinen untrennbar miteinander verknüpft zu sein.
Verhält sich ein Kind ganz artig, werden die Eltern gelobt: «Was für ein tolles Kind. Das habt ihr gut gemacht!» Was als nettes Kompliment an die Eltern gemeint ist, impliziert die Vorstellung, dass Erziehung benotet wird und dass man sich hinterher, bei getaner Arbeit, auf die Schulter klopfen kann. Aber Achtung, benimmt sich ein Kind daneben, gerät es auf die «schiefe Bahn», dann sind selbstverständlich ebenfalls die Eltern schuld. «Was ist denn bei dem in der Erziehung schiefgelaufen?», ist dann ein häufiger Kommentar.

Wer in einer Buchhandlung die Abteilung «Erziehung» oder «Pädagogik» betritt, könnte den Eindruck bekommen, dass sich alles, was Eltern tun, negativ auf die Psyche ihrer Kinder und damit deren Zukunft auswirken kann. Titel wie «Deine Kinder sind deine Schuld! Der Tritt in den Hintern für alle, die bessere Eltern sein wollen» oder «Verhaltensauffällig: Schuld der Eltern?» reihen sich nahtlos aneinander. Es geht um verwöhnte Kinder, drogenabhängige Kinder, kleine Narzissten und Zuspätkommer. Ob die Nachkommen übergewichtig sind, hänge zu 35 bis 40 Prozent von ihren Eltern ab, heisst es. Die Eltern sind unverantwortlich, streiten sich zu viel, kümmern sich zu wenig, kümmern sich zu viel, ­lassen nicht los, sind zu schwach, um Grenzen zu setzen, oder zu wenig liebevoll. Sie fördern das Kind nicht oder überfordern es.
Familie Limacher erzählt: «Schuldgefühle sind für mich stark mit ­Mutterschaft verbunden»
Dass man es auf keinen Fall richtig machen kann, wird schnell klar. Schuldgefühle sind die logische Konsequenz – sei es aus dem Gefühl heraus, dass man im Alltag vieles besser machen könnte, oder wegen Dingen, die tatsächlich schiefgelaufen sind in der Familie. Doch was sind Schuldgefühle überhaupt? Wie entstehen Schuldgefühle und welche Funktion haben sie? Wann weiss ich als Mutter oder Vater, dass ich diese Gefühle getrost beiseiteschieben kann, und wann sollte ich handeln?

Ein Alarmsystem der Seele

Schuldgefühle sind soziale Emotionen und entstehen als Reaktion auf schuldhafte Taten oder Fantasien. Sie verweisen auf einen sozialen Schaden und machen uns darauf aufmerksam, dass unser Handeln nicht unseren moralischen Prinzi­pien entspricht. Das heisst: Sie hemmen uns und bringen uns dazu, etwas zu vermeiden oder sogar wiedergutzumachen. Sie sind eine Art sozialer Kitt. So etwas wie ein Alarmsystem der Seele. Man könnte gar sagen, dass es ohne Schuldgefühle keine Zivilisation, sondern nur das Recht des Stärkeren gäbe. Oder,  um es in den Worten der deutsch-palästinensischen Entwicklungspsychologin Tina Malti zu sagen: «Schuldgefühle helfen uns Menschen, ethisch durch diese Welt zu navigieren.»
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«Schuldgefühle helfen uns, ethisch durch diese Welt zu navigieren», sagt die Psychologin Tina Malti.
Schuldgefühle können also auftauchen, wenn man etwas moralisch Verwerfliches oder auch gesetzlich Strafbares getan hat – gestohlen, gelogen, betrogen, jemanden geschlagen. Doch damit hat es sich bei Weitem nicht. Der Schweizer Psychotherapeut, klinische Psychologe und Psychoonkologe Jürg Kollbrunner unterscheidet in seiner Arbeit die authentischen – also berechtigten – Schuldgefühle und die sozial gelernten beziehungs­weise unberechtigten Schuldgefühle. Hier kommen verinnerlichte Ideale mit ins Spiel, gesellschaftliche Rollenbilder, der ganz private Perfektionismus und das Nicht-Entsprechen, das Nicht-Genügen.

Schuldgefühle können auch auftauchen, wenn es einem besser geht als jemand anderem. Oder dann, wenn man nicht genug getan hat, um jemand anderem zu helfen. Dass dementsprechend Schuldgefühle in den Beziehungen zwischen Eltern und Kind übermässig präsent sind, ergibt Sinn. Denn in keiner anderen menschlichen Beziehung sorgen wir auch nur annähernd so viel für den anderen. In keiner anderen Beziehung wird bedingungslose Liebe und Fürsorge bis zur totalen Erschöpfung verlangt.

Der österreichische Psychiater und Gründer des Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie, Raphael Bonelli, hat sich unter anderem im Rahmen einer Weiterbildung für Arbeitskolleginnen in das Thema «Schuld» vertieft. Dabei merkt er an: Für Priester sei das Thema einfach. «Da gibt es mit den zehn Geboten einen objektiven Kriterienkatalog. Danach wird geurteilt, gesühnt, es folgt die Absolution und gut ist», so Bonelli. In der nichtreligiösen alltäglichen Realität jedoch fehlt ein einfacher Kriterienkatalog.

Tipps für den richtigen Umgang mit Schuldgefühlen

  • «Legen Sie eine Grübelzeit fest», empfiehlt der Schweizer Psychotherapeut Jürg Kollbrunner. Dafür könne man einmal in der Woche eine halbe oder ganze Stunde Zeit einplanen, in der man sich mit der Schuld hinter dem Gefühl (berechtigt oder unberechtigt) beschäftigt und sich Vorwürfe macht. Doppelt gut: Damit gewinnt man Zeit und erfüllt sich den inneren Wunsch nach Bestrafung. Beurteilen Sie sich dabei rücksichtsvoll. Wie Sie es bei jemand anderem auch tun würden. Und vergeben Sie sich.

  • Fragen Sie sich: «Wer spricht in diesem Schuldgefühl? Wer hat es mich gelehrt?» Und gestehen Sie sich zu, sich darüber zu ärgern. Haben Sie Verständnis dafür, wagen Sie aber auch die Auseinandersetzung mit den Lehrern und Lehrerinnen – den eigenen Eltern beispielsweise.

  • Notieren Sie sich eigene Übertreibungen und Unsachlichkeiten.

  • Erkennen Sie Ihr Recht an, eigene Interessen wahrzunehmen.

  • Noch bevor Schuldgefühle überhaupt entstehen können: Achten Sie darauf, wie Sie Ideale bilden. Der österreichische ­Psychiater und Neurowissenschaftler Raphael Bonelli betont dabei, dass wir zwar nicht selbst ­entscheiden können, ob wir beeinflusst werden, aber von wem. «Was wir lesen, mit wem wir sprechen, welche Musik wir hören, welche Filme wir uns anschauen.»

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Dieser Artikel gehört zum Online-Dossier Schuldgefühle. Lesen Sie mehr zum Thema, wie: Wann sind Schuldgefühle authentisch und nützlich – und wann anerzogen? Tun wir genug für unser Kind? Oder gar zu viel?

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